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Die unterschätzte Gefahr

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Von: Thorsten Fuchs

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Ausnahmezustand: Während der Erntearbeiten in Brandenburg bricht ein Brand aus. Amira Gollnisch/dpa
Ausnahmezustand: Während der Erntearbeiten in Brandenburg bricht ein Brand aus. © Amira Gollnisch/dpa

Deutschland steht vor heißen Tagen – und ist schlecht vorbereitet: Schutzkonzepte sind Mangelware, dabei ist die Risikogruppe groß.

Die alte Dame hatte so ziemlich alles falsch gemacht, was sich bei Hitze falsch machen ließ, das sah Marco König auf den ersten Blick. Trotz ihrer 84 Jahre und Temperaturen deutlich über 30 Grad hatte sie sich einen langen Marsch zugemutet. War in einen überfüllten Regionalzug ohne Klimaanlage gestiegen. Und schließlich gab es wohl noch einen Grund, weswegen die Frau dem Hitzetod nahe war, als sie im Lübecker Bahnhof ankam: „Angezogen“, erinnert sich König, „war sie so dick, als wäre tiefster Herbst.“

König, 52 Jahre, Notfallsanitäter mit mehr als 30 Jahren Berufserfahrung, ist dieser Fall in Erinnerung geblieben. Dabei sind Hitze-Notfälle auch in norddeutscher Meeresnähe längst nichts Ungewöhnliches mehr.

Immer häufiger müssen auch dort Rettungsdienst und Notärzte zu Hitzekollaps und -erschöpfung ausrücken. Nur dass sie ihre Patient:innen eher selten auf dem Bahnsteig, dafür aber umso häufiger in Stadtwohnungen und Pflegeheimen erstversorgen müssen. Für König gehört an diesen Tagen ein besonderer Griff zum festen Diagnoserepertoire, eine Art Kniff in den Unterarm. „Bleibt die Haut dann wie in einer Falte stehen“, sagt König, „ist das ein eindeutiges Zeichen.“ Für Austrocknung, schlechte Versorgung an heißen Tagen, potenzielle Lebensgefahr.

Die Eindrücke dürften durchaus repräsentativ sein. „Der Rettungsdienst“, erklärt König, zugleich Vorsitzender des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst, „ist der verlängerte Arm der Notaufnahme.“

In dieser Woche könnten für König und seine Kolleg:innen daher wieder zahlreiche Fälle dazukommen: In Deutschland, so sagen es die meisten Berichte jetzt vorher, wird es heiß – in manchen Regionen an diesem Dienstag und Mittwoch bis zu 39 Grad. Diese besonders heißen Tage sind eingerahmt von angenehmen, sonnigen Hochsommertagen. Doch die Zeit, in der man solche Ausreißertage und -phasen als bloß etwas lästige Übertreibung eines schönen Sommers sah, als Übermaß des Guten, sind allmählich vorbei: „Hitze tötet“, sagt der Internist und Präsident der Ärztekammer Berlin, Peter Bobbert. Und: „Der Hitzetod ist oft ein stiller, einsamer Tod.“

Der alarmistisch anmutende Befund wird durch Zahlen gestützt. Im Deutschen Ärzteblatt haben Forschende vom Robert-Koch-Institut, dem Deutschen Wetterdienst und dem Umweltbundesamt Ende Juni die Zahl der Opfer der Hitze in den vergangenen Jahren untersucht. Das Ergebnis: Allein von 2018 bis 2020 sind rund 20 000 Menschen in Deutschland infolge sehr hoher Temperaturen gestorben. „Insbesondere das Jahr 2018 liegt mit einer geschätzten Anzahl von etwa 8700 hitzebedingten Sterbefällen in einer ähnlichen Größenordnung wie die historischen Hitzejahre 1994 und 2003 (jeweils rund 10 000 Sterbefälle).“

Dabei beginnt das Problem schon mit den exakten Zahlen. Weil „Hitze“ als Ursache sehr selten auf Totenscheinen auftaucht, stützen sich die Forschenden auf Berechnungen zur Übersterblichkeit. Dabei kommen sie zu einem erstaunlichen Befund: Im Norden ist der Einfluss hoher Temperaturen auf die Sterblichkeit sogar etwas höher als im Süden – wenige heiße Tage töten hier ähnlich viele Menschen wie im Süden. Ein Effekt, den die Wissenschaftler:innen vor allem mit einer größeren Gewöhnung und Vorsicht der Menschen im Süden erklären.

Weit weniger erstaunlich ist dagegen, wer an der Hitze stirbt: Es sind Menschen über 85 Jahre. Vor allem Patient:innen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, dem chronisch obstruktiven Lungensyndrom COPD und Diabetes sind es, die in der Hitze gefährdet sind – insgesamt allein in Deutschland „mehrere Millionen Betroffene“, wie Professor Hanns-Christian Gunga vom Zentrum für Weltraummedizin und Extreme Umwelten der Charité betont.

Ist das alles Panikmache? Die übertriebene Problematisierung eines Phänomens namens „ganz normaler Hochsommer“? Fachleute weisen das zurück – und kritisieren vor allem, wie lange Deutschland gebraucht habe, ein Bewusstsein für dieses Problem zu entwickeln. Denn das Phänomen ist keineswegs neu. Professor Andreas Matzarakis vom Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) hat Ende der Achtzigerjahre als Student begonnen, sich mit den Auswirkungen des Wetters auf die Gesundheit zu beschäftigen. Damals plagte gerade eine Hitzewelle Griechenland, der 2000 Menschen allein in Athen und 4000 im ganzen Land zum Opfer fielen.

Es folgte 1994 eine Hitzewelle in Norddeutschland, die heute weitgehend vergessen ist. Dann schließlich 2003 eine Hitzephase, die zumindest andere Länder Europas wachrüttelte. Frankreich erlebt die längste Hitzeperiode seit 1950, mit mehr als 35 Grad und kaum Abkühlung in der Nacht. „An den Küsten herrscht Ferienstimmung“, schreibt Charité-Forscher Gunga in seinem Buch „Am Tag zu heiß und nachts zu hell“. „Gleichzeitig bahnte sich im Landesinnern eine in diesem Ausmaß nicht gekannte Katastrophe an.“ In den Krankenhäusern herrschen chaotische Zustände, am Ende sterben in Frankreich Berechnungen zufolge rund 70 000 Menschen (siehe Bericht S. 4).

Das Jahr 2003 ist so etwas wie die europäische Stunde null der Hitzewellenprophylaxe. Doch während der Schock in Frankreich zu einem nationalen Plan führt, der ähnliche Katastrophen verhindern soll und heute als europäischer Goldstandard gilt, passiert in Deutschland: erst mal wenig. Als zum Beispiel allein in einem Karlsruher Altenheim binnen weniger Tage 15 Menschen sterben, suchen Ermittler:innen zunächst nach einem unbekannten Erreger, bis man darauf kommt, um was es eigentlich geht: die Hitze.

Heute ist auch Deutschland weiter. „Wir wissen inzwischen sehr viel über die Auswirkungen von Hitze auf die Menschen. Wir wissen auch, wie man Menschen schützen kann“, sagt DWD-Experte Matzarakis. „Woran es hapert, ist die Umsetzung dieses Wissens.“

Tatsächlich gilt Deutschland heute eher als Entwicklungsland in Sachen Hitzeschutz. So hat eine Arbeitsgruppe von Bund und Ländern im Jahr 2018 eine Anleitung für Kommunen zur Entwicklung individueller Hitzeaktionspläne verfasst und verschickt. Doch nur wenige Städte und Gemeinden haben diese bislang umgesetzt.

Dabei sind zumindest die ersten Schritte zum Schutz von Menschen weder teuer noch aufwendig. Sanitäter König jedenfalls beobachtet immer wieder, dass Betroffene schlicht zu wenig getrunken haben – weil sie weder vom Pflegepersonal noch von Angehörigen dazu ermuntert wurden. Oft kämen sie zu Menschen, denen schon zwei Gläser Wasser geholfen hätten. „Das ist jedes Mal sehr ärgerlich zu sehen“, sagt er, „weil es so leicht vermeidbar wäre.“

Die Thermometer werden diese Woche voraussichtlich in Richtung der 40-Grad-Marke klettern. Frank Rumpenhorst/dpa
Die Thermometer werden diese Woche voraussichtlich in Richtung der 40-Grad-Marke klettern. © Frank Rumpenhorst/dpa

Effiziente Schutzkonzepte sind in Deutschland Mangelware. Städte wie Frankfurt am Main, Worms, Mannheim, Erfurt, Köln und Düsseldorf gelten allerdings als besonders engagiert – und neuerdings auch Berlin. Im März hat sich hier auf Initiative der Ärztekammer ein „Aktionsbündnis Hitzeschutz“ zusammengefunden. Vom Krankentransport bis zu Pflegeheimen sollten hier alle zusammenkommen.

Was sie dann entwickelten, klingt ebenso banal wie offenbar nötig: Verantwortliche für jede Einrichtung benennen, die sich des Themas annehmen – und etwa darauf achten, in Praxen Kühlschränke für Medikamente bereitzustellen oder Dosierungen auf ihre Hitzetauglichkeit zu prüfen. Entwässerungstabletten, in kühleren Zeiten Entlastungsmittel für Herz-Kreislauf-Kranke, können bei Hitze beispielsweise fatal wirken.

„Für die ersten wichtigen Schritte braucht es keine großen finanziellen Aufwendungen“, ist Ärztekammer-Präsident Bobbert deshalb überzeugt. Zentral ist für ihn erst mal ein fast kostenloses, aber wertvolles Gut: Aufmerksamkeit für seine Umwelt. „Hitzeschutz ist eine gesellschaftliche, solidarische Aufgabe.“

Klar ist aber auch, dass es damit allein auf Dauer nicht getan sein wird – angesichts einer sich weiter erhitzenden Welt und einer immer älteren deutschen Gesellschaft in Deutschland. „Nur mit individuellen Maßnahmen – mehr trinken, weniger Aktivität – kommen wir aufgrund des Klimawandels auf Dauer nicht hin“, mahnt deshalb der Wetterdienst-Experte Matzarakis. „Wir brauchen langfristig Veränderungen, die Architektur, Stadtplanung und Landschaftsbau betreffen.“ Mehr Grünflächen, Wasser, Luftschneisen in den Städten vor allem – „und das wird auch viel Geld kosten“.

Doch auch all das wird nach Ansicht des Extremwetter-Experten Gunga nicht ausreichen. Bislang gilt die höchste Hitzewarnstufe ab einer gefühlten Temperatur von 38 Grad – ihm zufolge sollte sie schon bei 34 oder 36 Grad gelten: „Wir brauchen schärfere Grenzwerte und Regeln, die wirksamen Hitzeschutz am Arbeitsplatz dann genau definieren.“ Und auch die Warnpraxis sollte dann eine Reform erfahren, fordert Matzarakis. Ständiger Alarmismus auch bei kleineren Hitzephasen sei eher schädlich; vor stärkeren Hitzephasen sollten Behörden dann aber wirkungsvoll warnen: „Ich würde auch gerne über das Betriebssystem Warnungen auf jedes Handy schicken“, sagt Matzarakis, „oder direkt als Laufband im Fernsehen.“

Die Debatte erinnert letztlich an Pandemie und Flutkatastrophe: Da ist der Schutz der Kranken und Älteren als wichtigste Aufgabe – und die Schwierigkeit, Menschen effektiv vor der Gefahr zu warnen, als größtes Hindernis.

Zumindest Notfallsanitäter König hat die Erfahrung gemacht, dass zuweilen alles auch sehr einfach sein kann. „Sobald wir die Infusion angelegt haben, geht es den Patienten oft schon viel besser“, sagt er – und auch die ältere Frau aus dem Zug hätten sie stabilisiert ins Krankenhaus geliefert.

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