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Die unbekannte Patriotin

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Von: Susanne Ebner

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Mordaunt macht sich nach dem offiziellen Start ihrer Kampagne am Mittwoch auf in die Schlammschlacht.
Mordaunt macht sich nach dem offiziellen Start ihrer Kampagne am Mittwoch auf in die Schlammschlacht. © Justin Tallis/afp

Penelope „Penny“ Mordaunt will Chefin der Torys werden – und damit britische Premierministerin. Kaum wer kennt sie, aber ihre Chancen stehen gut. Ein Porträt

Wehende Union Jacks, erhabene Musik und die tiefe Stimme eines Sprechers, der Werte und Traditionen Großbritanniens aufruft. Während Penelope „Penny“ Mordaunts Kampagnen-Clip in den sozialen Medien wegen seiner klischeehaften Bildsprache verspottet wird, bewegt er die Herzen von Tory-Mitgliedern durchaus. Eine Abgeordnete, die die Kandidatur der 49-Jährigen unterstützt, sagt: „Unterschätze niemals die Macht des Patriotismus in unserer Partei.“

Nach dem Rücktritt Boris Johnsons als Parteichef hat der Kampf um seine Nachfolge begonnen. Zum Wochenende waren noch fünf Aspirant:innen im Rennen. Während der Ex-Finanzminister Rishi Sunak weiterhin von den meisten Unterhaus-Abgeordneten favorisiert wird, liegt die eher unbekannte 49-jährige Handels-Staatssekretärin Mordaunt bei der Basis der Partei weit vorn und rollt das Feld damit gewissermaßen von hinten auf.

Mordaunt hat für eine Torys einen ungewöhnlichen Lebenslauf. Während viele Abgeordnete der Konservativen Zöglinge elitärer Privatschulen sind, besuchte sie als Tochter eines Lehrer-Paares eine Gesamtschule in Torquay, einer Küstenstadt im Südosten Englands. Ihre Mutter starb an Krebs, als die Tochter 15 war, kurze Zeit später wurde bei ihrem Vater ebenfalls Krebs diagnostiziert, er gesundete aber dann. Diese Erfahrungen haben Mordaunt schnell erwachsen werden lassen.

Katerstimmung

Boris Johnson, seine Familie und sein Mitarbeiterstab werden den Amtssitz des britischen Premierministers in Downing Street 10 bald räumen müssen – einer hingegen aber soll nach übereinstimmender Meinung aller Traditionsbewussten in Großbritannien bleiben: Kater Larry, seit mehr als zehn Jahren offizieller Mäusefänger in Number 10.

Unter den Tory-Mitgliedern, die bald über die Parteiführung entscheiden – und damit über den oder die nächste Premier, wird Penny Mordaunt hoch gehandelt. Sollte sie siegen, muss Larry seine Heimat vielleicht gegen vier Burma-Katzen verteidigen. Mordaunt bestätigte diese „Konfliktlage“ am Freitag in einer Frage-Antwort-Runde im Internet.

Die vier Katzen seien ihre „größte Schwäche“, bekannte Mordaunt. Die Tiere in die Downing Street zu bringen, „könnte für Larry eine ziemliche Herausforderung sein“. Larry ist seit 2011 in der Downing Street zu Hause und hat bereits drei Regierungsobere und deren Kabinette – David Cameron, Theresa May und Boris Johnson – erlebt und überlebt.

Der „Chief Mouser to the Cabinet Office“ (so sein offizieller, quasi royal bestätigter Titel) hat sogar seinen eigenen Twitter-Account mit mehr als 635 000 Followern: @Number10cat.

1500 wurde erstmals erwähnt, dass die Regierung Katzen gegen Mäuse einsetze. Dokumentiert sind sie erst seit 1929. Im Jahr kosten sie 100 Pfund. Am längsten hatte den Posten der Kater Wilberforce inne. Er diente unter Edward Heath, Harold Wilson, Jim Callaghan und Margret Thatcher, von 1973 bis 1986. rut/afp

Nach der Schule und ihrem Abschluss in Philosophie an der University of Reading in Berkshire begann Mordaunt eine für ihre Generation typisch holperige Berufslaufbahn: So assistierte sie einem Zauberer, war in der Öffentlichkeitsarbeit und im Wohltätigkeitsbereich tätig, jobbte beim Wahlkampfteam des US-Präsidenten George W. Bush und gründete eine Medienfirma, die sie später verkaufte. Sie hat sich für Menschen mit Behinderung, für die Astronomie und die Pfadfinderbewegung engagiert. Seit 2010 sitzt sie im Unterhaus für einen Wahlkreis im großen Marine-Stützpunkt Portsmouth.

Größere Bekanntheit erlangte Mordaunt auch durch ihre Teilnahme an der zweiten Staffel der Schwimmshow „Splash!“ des britischen Fernsehsenders ITV 2014. Für die Sprünge ins kühle Nass vor einer Jury zeigte sie sich natürlich im Badeanzug – das erregte durchaus Aufmerksamkeit bei der Nation, die manchmal noch gerne mit ihrem prüden Image kokettiert. Unvergessen ist außerdem eine Rede im Parlament, in welcher sie nach einer verlorenen Wette mit anzüglichem Vokabular über das Tierwohl von Geflügel sprach.

In der Regierung fungierte sie unter anderem als Ministerin für Frauen und Gleichstellung, bevor sie 2019 unter Theresa May zur Verteidigungsministerin ernannt wurde, als erste Frau in Großbritannien überhaupt. Die Nähe zum Militär liegt in der Familie: Ihr Vater war Fallschirmjäger. Sie selbst ist Reservistin der Royal Navy. Aber Mordaunt hatte ihre Position nur 85 Tage lang inne – Mays Nachfolger Boris Johnson setzte sie ab, weil er sie als talentierte Politikerin und damit Konkurrentin ausschalten wollte, wie manche vermuten.

Dieser Karriereknick kommt Penny Mordaunt im Kampf um die Parteiführung plötzlich zugute. Denn sie wird durch ihre bisherigen bloß staatsministeriellen Posten nicht mit dem skandalträchtigen Kabinett Johnsons in Verbindung gebracht. Durch ihr Profil verbindet sie verschiedenen Strömungen der Partei. So war sie zwar von Anfang an für den Brexit, setzt sich aber auch für die Rechte von LGBT-Personen ein. Ihre bodenständige Herkunft und ihre militärische Karriere sprechen überdies für sie an der Basis. Und für die Ältesten dort reservierte sie beim Start ihrer Kampagne auch noch Thatcher-Zitate. Sie verspricht also nicht wenig.

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