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Putsch in der Türkei wird bis heute missbraucht

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Von: Yağmur Ekim Çay

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Paramilitärische Einheiten der Polizei und Mitglieder einer Sondereinheit bringen am 01.08.2017 in Ankara (Türkei) 486 Verdächtige zu einem Gericht nahe einem Gefängnis bei Ankara.
Mutmaßliche Putschisten auf dem Weg ins Gericht © Burhan Ozbilici/dpa

Nach dem Umsturzversuch vor sechs Jahren sitzen noch immer 19 000 Menschen in den Gefängnissen des Landes.

Hubschrauber, Schüsse, Tote, Verwundete. Der 15. Juli 2016 war nicht das erste Mal, dass Soldaten in der Türkei versuchten, die Macht an sich zu reißen. Bereits 1960, 1971 und 1980 gab es Putsche, die schwere Folgen hatten. „Es war schockierend, die Flugzeuge über uns fliegen zu hören. Ich habe gesehen, wie die Menschen auf die Straße gingen, um gegen die Putschisten zu kämpfen“, erinnert sich der linke Aktivist und Akademiker Sinem Toprak (Name von der Redaktion geändert), der jetzt in der Schweiz lebt . Er war in jener Julinacht in Istanbul und wollte nicht glauben, dass ein Putschversuch stattfand, sagt er. Er hatte als Kind nur von Putschen gehört und gedacht, dass er so etwas nie selbst erleben würde.

Normalerweise hätte er sich über eine Niederlage Erdogans gefreut, versichert Toprak – aber an dem Abend hatte er nur Angst. „Als mir klar wurde, dass es ein Putschversuch der Gülenisten war, habe ich mich sogar gefreut, als ich Erdogan im Fernsehen sah“, erzählt er „Sie sind nicht viel besser als die AKP und mir war an dem Abend Erdogan viel lieber als ein Bürgerkrieg.“

Putschversuch als „Ende eines Machtkampfs“

Für den Politikwissenschaftler Ismail Küpeli war der Putschversuch Endpunkt eines Machtkampfs zwischen der AKP und den Gülenisten. „In der Anfangszeit der AKP-Herrschaft haben die Gülen-Bewegung und die Regierungspartei zusammengearbeitet, um den Staat gemeinsam unter ihrer Kontrolle zu bringen“, erzählt Küpeli. Diese Kooperation endete erst, als die AKP-Regierung die Gülen-Bewegung als Konkurrenz wahrzunehmen begann. Danach sei die Organisation Gülens innerhalb der Türkei weitgehend zerschlagen worden.

Ismail Küpeli erkennt in der Gülen-Bewegung zwei Seiten: „Öffentlich zeigt sich die Bewegung als moderat, bildungsorientiert und so, als sei sie ernsthaft an einem interreligiösen Dialog interessiert“, sagt er der FR. „Dabei hat Gülen es geschafft, für eine lange Zeit seine Gefolgsleute im Justizapparat und in der Polizei unterzubringen. Gleichzeitig hat die Bewegung auch Teile der türkischen Medien unter ihrer Kontrolle bringen können.“ Diese politische und gesellschaftliche Macht benutzten die Gülenisten dann auch dazu, Kritiker:innen einzuschüchtern und politisch Andersdenkende anzugreifen. Die Bewegung streitet das ebenso ab wie ihre Verwicklung in den Putschversuch. Für Küpeli aber sind die Gülenisten religiös-rechtskonservativ und genauso dem türkischen Nationalismus verpflichtet wie die AKP.

Aktivist sieht Andersdenkende gefährdet

Der Aktivist Toprak sieht Andersdenkende der Türkei aufgrund der Aktionen gegen Gülen gefährdet. „Die linke Opposition und vor allem die pro-kurdische HDP wurden schwer angegriffen. Man kann schon sagen, dass sie heute fast nicht mehr aktiv sind.“Auch er habe die Türkei danach verlassen, weil es für ihn dort zu gefährlich geworden sei.

Wegen Gülen-Mitgliedschaft werden heute noch rund 24 000 Personen gesucht. Laut türkischem Innenministerium wurden allein in seinem Zuständigkeitsbereich vom 15. Juli 2016 bis zum 20. Juni 2022 insgesamt 332 884 Personen verhaftet und derzeit befänden sich 19 252 Mitglieder der Bewegung in Gefängnissen.

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