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Michel Barnier gilt als ruhig, aufgeräumt, abgeklärt.
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Michel Barnier gilt als ruhig, aufgeräumt, abgeklärt.

Frankreich

Die Stunde des Senioren

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Europas Brexit-Chefunterhändler Michel Barnier will bei den französischen Präsidentschaftswahlen antreten.

Die Gegenwart ist bedrohlich, die Zukunft unsicher. Da kann es nicht erstaunen: Politisch zählen wieder Erfahrung, Besonnenheit und Maßhalten. Sonst wäre Joe Biden wohl nicht US-Präsident geworden und Mario Draghi nicht Ministerpräsident Italiens. Schlägt jetzt auch die Stunde des Michel Barnier? Der Franzose, der im Januar 70 wurde und seit 48 Jahren politische Mandate ausübt, glaubt nicht nur daran, er arbeitet daran – so zielstrebig und eisern, aber auch diskret, wie er den britischen EU-Austritt über die Bühne gebracht hat.

Zu Neujahr, dem Ende des Brexit, twitterte er zu einem Bild, das ein paar Bergsteiger auf dem Weg zu einem verschneiten Gipfel zeigte: „Wo ein Wille, ist auch ein Weg!“ Ein Twitter-User ergänzte süffisant: “… in den Élysée-Palast“.

Barnier, der aus den Alpen Savoyens stammt, schwieg dazu. Dafür berichten Insider:innen, er miete in Paris ein Großraumbüro und gründe eine Mikropartei für Wahlkampfspenden. Ende Januar antwortete Barnier sodann auf eine Journalistenfrage: „Solange ich meine Energie und meine Fähigkeit zur Begeisterung und zur Entrüstung wahre, möchte ich meinem Land gerne nützlich bleiben.“ Dem Land nützlich sein: Diese Chiffre ist in Paris gleichbedeutend mit der Bereitschaft, für jenes Amt zu kandidieren, um das sich die ganze französische Politik dreht: das des Staatschefs.

Für April plant Barnier ein Memoirenbuch zu den aufregenden Brexit-Monaten. Genau das Richtige, um seine zentrale Rolle, seine hartnäckige Detailarbeit und seine erfolgreiche Strategie herauszustreichen. Das lässt noch Zeit und Raum für ein weiteres Buch zu innerfranzösischen Fragen: Die Präsidentschaftswahl findet erst ein Jahr später statt.

Der präzis gestaffelte Anlauf des hochgewachsenen Savoyers sucht die aktuellen, teils sehr gegensätzlichen Tendenzen der französischen Politik zu berücksichtigen. Barnier weiß, dass er in seiner eigenen, völlig auf Paris fixierten Partei „Les Républicains“ (LR) fast ein Außenseiter geblieben ist – der Mann aus den Bergen eben. Mit seinem gemäßigten Mitte-rechts-Ansatz könnte er aber die Partei einen und für sie einige Macron-Wählerinnen und -Wähler zurückholen.

Auch blickt er auf eine imposante Trophäenliste an Regierungsposten zurück, war er doch seit 1993 Umwelt-, Europa-, Außen- und Agrarminister. Seine folgenden Mandate in Brüssel als Kommissar und Sonderfunktionär galten in Paris aber schon fast als Karriereausklang. Zudem ist Barnier alles andere als ein mitreißender Wahlkämpfer. Für den Pariser Politzirkus ist er zu steif, zu sehr Gentleman. Pariser Auguren sprechen deshalb bereits von einem „Biden-Moment“, das heißt dem ruhigen Sieg eines abgeklärten Kulissenmannes über einen schillernden Medienstar. Der Kontrast springt ins Auge: Hier ein Michel Barnier, der sogar mit den schwierigen Brit:innen zu Rande kam, da ein Emmanuel Macron, der das Duell mit Marine Le Pen oder Jean-Luc Mélenchon geradezu sucht.

Dabei hat Barnier mit Macron selbst eine Rechnung offen: Der Präsident wollte seine Anwartschaft auf den Posten des EU-Kommissionspräsidenten nie unterstützen. Eine kleine Revanche ist dem trockenen Barnier dabei schon gelungen: In einer ersten Umfrage hat er auf Anhieb 27 Prozent der Stimmen erhalten, mehr als Macron (24 Prozent) oder Le Pen (21 Prozent) im ersten Präsidentschaftswahlgang von 2017 erzielten.

Noch ist der Weg zum Gipfel für Barnier weit. Wer in Brüssel zu verhandeln versteht, bringt noch nicht unbedingt das Charisma mit, das in Paris Wahlkämpfe entscheidet. Aber vielleicht wollen die Französinnen und Franzosen gar keinen flamboyanten Selbstinszenierer mehr im Élysée. Sie wollen nur einen, der sie aus dem Schlamassel führt.

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