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Die Stärke liegt in der Provinz: Geißler-Sohn will Bürgermeister werden

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Von: Peter Riesbeck

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Dominik Geißler, links neben Ex-Kanzlerin Merkel, beim Trauergottesdienst für seinen Vater 2017. Foto: Tobias SCHWARZ/AFP.
Dominik Geißler, links neben Ex-Kanzlerin Merkel, beim Trauergottesdienst für seinen Vater 2017. Foto: Tobias SCHWARZ/AFP. © AFP

Dominik Geißler, der Sohn des ehemaligen CDU-Generalsekretärs, will am kommenden Sonntag Oberbürgermeister in Landau in der Pfalz werden – ein Landstrich der oft Karriere verspricht.

Auf das Parteilogo hat die Union gleich ganz verzichtet. Stattdessen grüßt auf den Wahlkampfplakaten ganz groß ein Name: „Dominik Geißler. Ihr Oberbürgermeister für Landau.“

Am kommenden Sonntag wird in der pfälzischen Uni-Stadt – 50.000 Einwohner, aber ein riesiges Einzugsgebiet von Karlsruhe bis nach Saarbrücken an der Grenze zu Frankreich – ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Nach langem Suchen präsentierte die CDU einen großen Namen: Dominik Geißler, 57, langjähriger Sprecher des langjährigen Merkel-Weggefährten Peter Altmaier und Sohn des vor fünf Jahren verstorbenen früheren CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler. Ein Spätstarter in der ersten Reihe, aber politisch von Gewicht.

Er sei „unendlich glücklich“ wieder hier zu sein, sagte Geißler bei seiner Vorstellung im Frühjahr. Der Kulturwissenschaftler hat im badischen Freiburg studiert und lange in Berlin gearbeitet, aufgewachsen ist er in der südlichen Pfalz, dort hatte sein Vater seinen Wahlkreis.

Der war einst sicheres CDU-Terrain. Doch das hat sich längst gewandelt. Bei der Bundestagswahl im Vorjahr gewann SPD-Kandidat Thomas Hitschler das Direktmandat – mit 49 Stimmen Vorsprung. Die südliche Pfalz ist eine Art bundesdeutscher Swingstate. Das macht auch die OB-Wahl in Landau so besonders. Sozialdemokraten und Union wechseln sich bei Wahlen in der Stadt an der Spitze ab, bei der jüngsten Kommunalwahl vor drei Jahren wurden dann erstmals die Grünen in der Uni-Stadt stärkste Kraft. Seither regiert in Landau Schwarz-Grün. Längst mehr als ein lokales Polit-Modell. Auch dafür steht der Name Geißler.

Anders als in den USA oder Frankreich sind Polit-Dynastien hierzulande eher ungewöhnlich. Die südliche Pfalz scheint ohnehin ein unerschöpfliches Reservoir an politischen Spitzenkräften zu sein. Heiner Geißler prägte hier jahrzehntelang die Politik, der ehemalige SPD-Chef Kurt Beck stammt aus dem nahen Steinfeld.

Auch in der aktuellen Bundespolitik spielt die Region mit. Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) kommt von hier, SPD-Mann Hitschler ist Verteidigungsstaatssekretär und der medial wenig wahrnehmbare Tobias Lindner (Grüne) Staatsminister im Auswärtigen Amt. Damit hat die südliche Pfalz mehr Kabinettsposten als ganz Bayern.

Wird Geißler junior der nächste Durchstarter? „Ich bin noch nicht der Fachreferent fürs Ordnungsamt“, übt sich der Polit-Neuling erst mal in Demut. Geißler setzt auf seinen Namen und sein vielfältiges Talent. Statt Debatten gibt’s schon mal einen Vortrag auf dem Klavier. Seine Begrüßungsformel „Hallo, Leute“ hat sich auf Social Media längst verselbständigt.

Von einer „geliehenen Reputation“ spricht Ulrich Sarcinelli, 75. Der Mann kennt die Gegend. Der Professor lehrte lange Politikwissenschaft am Uni-Standort Landau. Sarcinelli hat hier viele Polit-Karrieren aus der Nähe beobachtet. „Die südliche Pfalz und weithin auch Rheinland-Pfalz als Ganzes sind politisch eher mittig einzuordnen“, umschreibt er das politisch milde Klima der Region. Sarcinellis Analyse: „Die SPD ist hier im Bundesvergleich eher konservativ, sonst könnte sie in einer strukturkonservativen Region wie an Rhein und Mosel nicht über drei Jahrzehnte lang die Macht bewahren. Zugleich galt zumindest für Geißler – weniger für die hiesige Union – eine Positionierung deutlich links der Bundespartei.

Und so sagt die Wahl am Wochenende auch viel über die politischen Rekrutierungsmechanismen der Republik. Worin aber liegt das Erfolgsgeheimnis der südpfälzischen Politikerriege? Politologe Sarcinelli schaut rüber ins nahe Frankreich. Ohne Abschluss an den renommierten Elitehochschulen des Landes wie der ENA läuft da in Politik und Wirtschaft wenig. Von einer „sehr eindimensionalen Elitenrekrutierung“ spricht Sarcinelli und sieht diesseits der Grenze das Gegenbeispiel. „Die südliche Pfalz steht für das Rekrutierungspotenzial der Provinz und für eine stärkere Basisnähe des deutschen Führungspersonals. Die Stärke liegt also – auch – in der Provinz. Nicht im Provinziellen.“ Nicht nur in der Pfalz hören sie so was gerne.

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