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„Die Sprache spielt jetzt eine größere Rolle“

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Von: Viktor Funk

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Am Denkmal Banderas.
Am Denkmal Banderas. © Imago/Ukrinform

Forscherin Martyniuk über ein neues ukrainisches Selbstverständnis und warum die eigene Identität gerade für viele Geflüchtete Thema ist.

Frau Martyniuk, hat der Krieg in der Ukraine die Auseinandersetzung der Menschen im Land mit der eigenen Identität verstärkt?

Ich würde sagen ja. Es zeigt sich unterschiedlich, zum Beispiel bei der Sprache. Ich habe viele Freundinnen und Freunde, die vor dem Februar dieses Jahres hauptsächlich Russisch gesprochen haben, jetzt versuchen sie mehr Ukrainisch zu sprechen. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer haben jetzt ihre Subjektivität gespürt, sie haben ihre eigene Handlungsmöglichkeiten erfahren, sie wissen, dass sie selbstbestimmt handeln können. Sie wissen, dass sie wichtig sind, dass sie anders als ihre östlichen Nachbarn sind und da spielt die Sprache jetzt eine größere Rolle.

Was hat sich gegenüber 2014 geändert, nachdem Russland die ukrainische Halbinsel Krim besetzte und im Osten des Landes den Krieg entfachte?

Nach 2014 gab es Gesetze in der Ukraine, die die ukrainische Sprache förderten, andere Gesetze schrieben die Umbenennungen von Straßennamen vor, wenn diese Straßen bestimmten problematischen Persönlichkeiten aus der Zeit der Sowjetunion gewidmet wurden. Jetzt gehen die Initiativen nicht von der staatlichen Ebene, sondern eher von der Bevölkerung aus.

Olha Martyniuk, 27, stammt aus Mohyliw-Podilskyj, Ukraine, und promoviert derzeit in Regensburg am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung, Thema: „Soldaten der Roten Armee: Darstellungen und Wahrnehmungen in der Ukraine seit 1991“. FR bild: privat
Olha Martyniuk © Wolfgang Steinbacher

Welche Anzeichen sehen Sie noch, dass das Land zusammengerückt ist? Gerade nach 2014 war ja in Deutschland viel die Rede von einer gespaltenen Ukraine.

Der Krieg hat eine sehr große Solidaritätsbereitschaft im Land ausgelöst, auch die, die hauptsächlich Russisch sprechen, sagen von sich aus, dass sie Ukrainer sind. Die Menschen merken zudem, dass sie selbst etwas bewegen können. Ihr Selbstverständnis über sich selbst hat sich geändert. Es ging so weit, dass Privatleute für die Serhij-Prytula-Stiftung Geld gespendet haben und die Stiftung hat sogar einen Satelliten zur Verwendung durch die Armee gekauft.

Der Krieg überlagert alles derzeit in der Ukraine, ist da aktuell Raum, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen?

Über die Denkmäler und Straßenumbenennungen haben wir ja gesprochen, das ist ein Zeichen dafür. Aber es geht auch um Wiederentdeckungen der eigenen Geschichte oder um ukrainische Schriftsteller und Filme. Die Menschen kaufen viele Bücher über die Geschichte der Ukraine, ein Beispiel dafür ist der historische Bestseller auf Ukrainisch „Überwindung der Vergangenheit: Globale Geschichte der Ukraine“ von Jaroslaw Hryzak. Im Moment ist alles sehr dynamisch. Im Krieg ist nur leider keine Zeit, über vieles zu reflektieren, vielleicht muss man gerade die Debatte über die eigene Geschichte später nochmal führen.

Zur Person

Olha Martyniuk, 27, stammt aus Mohyliw-Podilskyj, Ukraine, und promoviert derzeit in Regensburg am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung, Thema: „Soldaten der Roten Armee: Darstellungen und Wahrnehmungen in der Ukraine seit 1991“. (FR)

Mehrere Millionen Menschen mussten aus der Ukraine fliehen, die meisten sind in Europa. Spielt das eine Rolle beim Thema Identität?

Ja, auf jeden Fall. Viele sind zum ersten Mal im westlichen Europa. Das schärft dann das Bewusstsein für die eigenen Eigenheiten. Die Ukrainer begannen, mehr zu betonen, dass sie aus der Ukraine stammen, und sich von den Russen abzugrenzen. Sie zeigen sich als aktive Akteure für die Unterstützung der Ukraine im Ausland und leiten Kundgebungen ein, sammeln Spenden, kaufen notwendige Geräte für die Armee oder organisieren Veranstaltungen über die ukrainische Kultur.

Eine Frage zum Schluss: Wie nehmen Sie die Diskussion in Deutschland über die Ukraine wahr?

Ich glaube, hier wächst langsam das Verständnis für dieses Land. Als ich 2018 nach Deutschland kam, gab es Fälle, in denen Deutsche „deutsch-russische Treffen“ organisierten, aber sie luden Menschen aus der Ukraine und Belarus ein. Das hat sich inzwischen geändert, und jetzt unterscheiden die Deutschen zwischen der Ukraine und Russland. Aber es gibt immer noch eine Sicht, die problematisch ist. Sie zeigt sich in der Formulierung „die Ukraine und Russland sind geschichtlich verbunden“. Ja, das stimmt, aber oft wird dann noch ergänzt, dass Deutschland oder andere Staaten sich in den Konflikt nicht einmischen sollten. Das halte ich für falsch. Es ist allein die Entscheidung der Ukrainer, zu wem sie Beziehungen pflegen und gegen wen sie sich abgrenzen wollen. Aber die Ukraine ist im Vergleich zu Russland kein so wirtschaftlich starkes Land, so dass unser Land Hilfe von außen braucht, um der russischen Aggression zu widerstehen. (Interview: Viktor Funk)

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