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Die späte Geste des Staates

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Von: Peter Riesbeck

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Baustein der Aufarbeitung: Das Sklaverei-Denkmal im Amsterdamer Oosterpark. imago images
Baustein der Aufarbeitung: Das Sklaverei-Denkmal im Amsterdamer Oosterpark. imago images © Richard Wareham/Imago

Den Haag will im Dezember um Entschuldigung für Sklaverei und Gewaltherrschaft in den früheren Kolonien bitten. Noch vor einem Jahr hatte der liberale Premierminister Marc Rutte eine Bitte um Entschuldigung abgelehnt.

Die Klage ist Jahrzehnte alt. „Wir haben sehr wohl das Recht, euch Niederländer zu fragen, dass wenn die Sklaverei das Fundament einer Kultur ist, welche Tempel ihr in Surinam errichtet habt?“, fragte Anton de Kom und lieferte die Antwort gleich mit. „Ihr könnt nur das Bildnis einiger Kriegsherrn in Bronze gießen.“ De Kom, Enkel eines Sklaven auf Surinam, schrieb diese Zeilen schon 1934 in den Niederlanden nieder. Sein Buch „Wir Sklaven von Surinam“ über die holländische Gewaltherrschaft in der ehemaligen Kolonie wurde damals umgehend zensiert. Erst jetzt sieht sich der niederländische Staat zu einer Reaktion auf die Sklavenherrschaft in seinen einstigen Besitzungen gezwungen. Der liberale Premierminister Mark Rutte wird am 19. Dezember eine offizielle Entschuldigungsbitte für die Gewaltherrschaft aussprechen.

Meinungswandel bei Rutte

Rutte hatte vor einem Jahr noch eine offizielle Reaktion des Staates abgelehnt. Er fürchtete eine Spaltung der Gesellschaft. Im Herbst vollzog er bei einer Reise in die ehemalige Kolonie Surinam eine Wende: „Zwischen uns und der Vergangenheit liegen nur einige Generationen“, erklärte er in einer Rede vor dem Parlament. Am Wochenende kündigte die niederländische Regierung nun einen Zeitpunkt für die Bitte um Entschuldigung an. Am 19. Dezember werden sieben Kabinettsmitglieder in ehemalige Kolonien reisen, von Surinam bis Curaçao, um dort ihr Bedauern auszudrücken. Rutte selbst wird in einem zentralen Gedenkakt in Den Haag sprechen. Der Schritt sei „unglaublich wichtig, denn die Folgen der Vergangenheit wirken bis heute nach“, sagte Grünen-Fraktionschef Jesse Klaver, der selbst familiäre Verbindungen in die einstige niederländische Kolonie Indonesien hat.

Die Handelsnation Niederlande machte ein Riesengeschäft mit Menschen und Zwangsherrschaft. Ab 1750 versklavte die Niederländische Ostindien-Kompanie allein in Südasien rund 75 000 Menschen. Niederländische Reedereien und Banken verdienten am Menschenhandel mit – vor allem in den karibischen Besitzungen des Landes. Anton de Kom hat die Schreckensherrschaft – auch von deutschen Siedler:innen in den niederländischen Überseegebieten – in seinem Buch beschrieben. Er berichtet zum Beispiel vom Sklavenhalter Schulz, „der unter den Sklaven wegen seiner Brutalität und der ungezügelten Sittenlosigkeit gegenüber seinen machtlosen Sklavinnen berüchtigt war“.

Nun werden sich die Niederlande für die Gewaltherrschaft offiziell entschuldigen. Eine späte Geste. Im kommenden Jahr jährt sich der 150. Jahrestag des offiziellen Endes der Sklaverei im Land. Die Niederlande stiegen schrittweise aus dem System aus. 1814 wurde zunächst der Handel mit Menschen verboten, dann schrittweise auch die Sklaverei, 1863 folgte als letzte Besitzung Surinam – mit einer Übergangsfrist von zehn Jahren. Die Sklaverei lief also 1873 aus. De Kom notiert: „Es wurde bestimmt, dass es für jeden entlassenen Sklaven eine Entschädigung von sage und schreibe 300 Gulden geben sollte.“ Für den ehemaligen Besitzer wohlgemerkt.

Auch jetzt bleibt die Frage einer Entschädigung für die Nachfahren der Opfer offen. Das Kabinett stellt 200 Millionen Euro bereit, um das Bewusstsein für die Unrechtsherrschaft zu schärfen. Weitere 27 Millionen Euro sollen in ein Museum fließen, das an das Gewaltsystem der Sklaverei erinnert.

Entschädigungsfragen offen

„Die Geschichte muss breit erzählt werden“, so Sergio Berrenstein. Sein Bruder Perez Jong Loy hatte sich im vergangenen Jahrzehnt für eine offizielle Entschuldigung des Staates stark gemacht und die Initiative „1873“ gegründet. „Es machte mich rasend, dass die Nachfahren der Täter und das Establishment nichts von der Gewaltherrschaft wissen wollten“, so Jong Loy, dessen Vorfahren aus Surinam stammten. Sein Button „1873“ wurde zum Symbol für den Kampf um eine offizielle Entschuldigung. Der Durchbruch kam vor zwei Jahren, als sich Amsterdams Bürgermeisterin Femke Halsema (Grüne) den Button anheftete und sich für die Gewaltherrschaft entschuldigte. Jong Loy war da bereits ein Jahr verstorben. Andere Städte wie Rotterdam und Den Haag folgten.

„Erst, wenn die alte Sklavenmentalität aus unseren Herzen verschwunden ist, wird der Surinamer menschliche Würde erlangen“, notierte Anton de Kom über die Bedeutung, die die Aufarbeitung der Gewaltherrschaft hat. Das war 1934. Der Menschenrechtsaktivist wurde nach dem Überfall auf die Niederlande durch die deutsche Wehrmacht von den Deutschen interniert und in ein Konzentrationslager verschleppt. Er starb 1945 – vermutlich auf dem Todesmarsch ins Lager Sandbostel.

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