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Frontalunterricht vor 30 Schülerinnen und Schülern? Das wird es nicht mehr geben, glaubt Anne Sliwka.
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Frontalunterricht vor 30 Schülerinnen und Schülern? Das wird es nicht mehr geben, glaubt Anne Sliwka.

Innovative Bildung

„Das Lernen wird stärker personalisiert“

  • Franziska Schubert
    VonFranziska Schubert
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Wie lernen wir in Zukunft? Bildungsforscherin Anne Sliwka über einen Unterricht, der Kinder individuell fördert, und eine neue Rolle für die Lehrkräfte.

Frau Sliwka, wie lernen wir in Zukunft? Wie sieht innovative Bildung im Jahr 2050 aus?

Lehrkräfte werden viel stärker im Team arbeiten und voneinander lernen, sie werden keine Einzelkämpfer mehr sein. Für Deutschland muss sich auch das Arbeitszeitmodell ändern, so dass Lehrkräfte nicht nur für den geleisteten Unterricht bezahlt werden, sondern für eine Bandbreite an Aufgaben wie Teamarbeit und Fortbildungen. Noch ist unklar, wie das politisch umgesetzt wird. International haben die allermeisten Länder mittlerweile eine Wochen- oder Jahresarbeitszeit.

Welche neuen Unterrichtsmethoden werden wir erleben?

Wir werden ganz verschiedene Ansätze sehen. Es wird keine standardisierten Klassengrößen mehr geben, sondern verschieden große Gruppen in unterschiedlichen Räumen. Es wird kurze, lehrergesteuerte Inputs geben, Erklärvideos oder Impulsvorträge von externen Fachleuten. Die Schülerinnen und Schüler werden aktiver sein, in Kleingruppen oder einzeln arbeitend.

Wie verändert sich die Schule als Lernort?

Das Ganze wird sich in einer hybriden Lernumgebung abspielen. Die Schule wird weiter als physischer Raum existieren, ergänzt durch ein Lernmanagementsystem und einen digitalen Raum.

Bildungsforscherin Anne Sliwka.

Wo steht Deutschland auf dem Weg dahin?

Wir stehen am Anfang, aber die Entwicklungen sind schon erkennbar, etwa an den Preisträgerschulen des Deutschen Schul- und Lehrerpreises. Das sind die Pioniere des Systems, die Neues erproben. Die Pandemie hat die Hybridisierung der Bildung beschleunigt. Ein Teil der Lehrkräfte wird nicht zum reinen Klassenunterricht zurückgehen, sondern den physischen stärker mit dem digitalen Lernraum verzahnen.

Werden Schülerinnen und Schüler freier sein, was, wo und wann sie lernen?

Das Lernen wird stärker personalisiert, so dass die Lernenden genau das üben, was sie noch nicht können. Das wird in Zukunft viel einfacher sein, weil dabei mehr digitale Lernstandserhebungen genutzt werden. International haben viele Länder damit schon begonnen. Auch in Tübingen entwickelt beispielsweise ein Englischdidaktiker ein digitales Workbook, das interaktiv den Lernstand misst und den Schwierigkeitsgrad der Aufgaben individuell anpasst. Zudem wird viel stärker auf die Talente, Interessen und Persönlichkeitsentwicklung jedes Einzelnen geachtet und eingegangen.

Bedeutet das, dass jemand kein Mathe mehr machen muss, der das nicht so gut kann?

Im Gegenteil, bestimmte Kernbereiche der Bildung wie Mathe, Deutsch und Englisch werden an Bedeutung gewinnen. In den nächsten zehn Jahren werden wir daran arbeiten, dass jedes Kind in diesen Kernbereichen die nationalen Mindeststandards erreicht, gerade weil Mathe und Deutsch weitere Lernfortschritte sehr positiv beeinflussen, aber auch stark behindern können, wenn dort massive Lücken bestehen. Das wird die Grundschulpädagogik stark verändern. In Kleingruppen wird dort stundenweise gezielt daran gearbeitet werden, Lernrückstände aufzuholen. Um den individuellen Lernstand zu messen, aber auch zum Üben werden digitale Programme genutzt.

Sind Sie optimistisch, dass insbesondere schwache Kinder davon profitieren?

Internationale Beispiele zeigen, dass das geht, durch gezielte Diagnostik und Förderung. Besser als Deutschland machen das laut Pisa-Studie Estland, Finnland, Kanada und ostasiatische Länder. In Estland und Kanada gibt es Programme, wo bereits während der Schuljahrs überprüft wird, welche Kinder in den zentralen Bereichen gefördert werden müssen, damit die Versetzung nicht gefährdet ist. Auch in Australien werden die Kinder in den ersten drei Wochen des Schuljahrs digital getestet mit bunter, interaktiver Software. Die Kinder lieben solche Lernspiele. Die Lehrkräfte müssen nicht selbst auswerten, wo das Kind steht, sondern bekommen einen Bericht, wo noch geübt werden muss. Durch diese Entlastung bleibt mehr Zeit für die individuelle Förderung. Einige Kinder brauchen einfach länger als andere oder benötigen mehr Unterstützung, um die Mindeststandards zu erreichen. Diese sind aber die Voraussetzung für die Teilhabe in ökonomischer, kultureller und politischer Sicht. Empirische Daten zeigen, dass etwa die Wahlbeteiligung davon abhängt.

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Wie machen wir die Lernenden fit für die schnellen Veränderungen beruflicher und gesellschaftlicher Art?

Unterricht im 21. Jahrhundert umfasst neben der Digitalisierung die Weiterentwicklung der sogenannten Future Skills – Kommunikation, Kollaboration, kritisches Denken und Kreativität. Routineaufgaben werden wegfallen, nicht nur im Handwerk, sondern auch in anderen Bereichen wie der Buchhaltung. Es kommt international nicht wie befürchtet zu einer Massenarbeitslosigkeit, sondern es entstehen viele neue Berufe. Es gibt Prognosen, dass zwei Drittel der Jugendlichen Berufe ausüben werden, die es heute noch gar nicht gibt. Verstärkt gearbeitet wird mit neuem und unstrukturiertem Wissen, aber auch mehr in Teams. Die Frage ist, ob die Schule sich dahingehend verändern muss, dass Lernende mehr gemeinsame Leistungen erbringen statt wie aktuell allein Hausaufgaben oder Klassenarbeiten anzufertigen.

Sie haben ein eigenes Lernkonzept entwickelt. Worum geht es beim Deeper Learning?

Unser Ansatz greift die Wissensvermittlung auf, die für weiterführende Schulen in Deutschland zentral ist. Aus unserer Sicht sind Vorkenntnisse auch in der Googlewelt wichtig, um im Netz erfolgreich zu recherchieren. Zunächst geht es um Wissensaneignung über diverse Kanäle, denn das Bildungsmonopol der Lehrkräfte ist zusammengebrochen, sie werden zu Managern des Lernprozesses und überprüfen etwa die Qualität der Medien und Quellen. Anschließend arbeiten die Lernenden in Kleingruppen oder bei besonderen Interessen auch einzeln. Im nächsten Schritt schreiben sie gemeinsam einen Essay, machen eine Ausstellung oder eine Führung, produzieren ein Hörspiel, führen eine Inszenierung auf, stellen ein Produkt her oder designen es mit einem 3D-Drucker.

Haben Sie ein Beispiel?

Bei einem Projekt etwa informierten sich Schüler:innen auch mittels englischsprachiger, wissenschaftlicher Vorträge über die Genschere und erstellten danach mit einem digitalen Grafikprogramm ein Poster und visualisierten so die molekularbiologischen Prozesse. Die Lehrerin war ganz überrascht, dass am Ende der Test sehr gut ausfiel, weil die Lernenden sehr tief in die komplexe Materie eingestiegen sind. Uns geht es auch stark darum, vom passiven Konsum zur digitalen Produktion zu kommen. Lehrkräfte können das Deeper Learning übrigens sofort umsetzen. Ich würde empfehlen, dass sie sich dazu ein bis zwei Gleichgesinnte an einer Schule suchen und gemeinsam ein Unterrichtskonzept entwickeln.

Interview: Franziska Schubert

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