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„Die Schönheit der Differenz“ von Hadija Haruna-Oelker: Eine Plädoyer gegen die Norm

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Von: Hadija Haruna-Oelker

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Cover von „Die Schönheit der Differenz“ von Hadija Haruna-Oelker
„Die Schönheit der Differenz“ von Hadija Haruna-Oelker © btb / Penguin Random House

Die Autorin und FR-Kolumnistin Hadija Haruna-Oelker legt ein Plädoyer für „Die Schönheit der Differenz“ vor: Jeder Mensch trägt etwas von den Perspektiven anderer in sich – und es ist bereichernd, voneinander zu lernen. Ein Auszug

Normal. Ein so häufig verwendeter und schwieriger Begriff. Der Duden beschreibt es als „der Norm entsprechend; vorschriftsmäßig so [beschaffen, geartet], wie es sich die allgemeine Meinung als das Übliche, Richtige vorstellt“. Ich glaube, dass wir nicht darum herumkommen, genau dieses Normale zu hinterfragen, denn vielmehr sollten wir alle verstehen, was es bedeutet, privilegiert zu sein und auf der nicht benannten Seite gesellschaftlicher Konstruktionen zu stehen. Was es in Deutschland heißt, weiß, hetero, seelisch gesund, normschön, nicht behindert, christlich sozialisiert, mit Studienabschluss oder gesichertem Auskommen zu sein.

Wir alle sollten uns in unseren jeweiligen Positionen dessen bewusst werden, was wir nicht sind, und dem nicht mit Abwehr oder (Selbst-)Stigmatisierung begegnen. Das ist ein politischer Akt und ein intimer Weg, weil sich kein Mensch den eigenen Geburtsort auf der Welt oder vieles von dem, was das eigene Sein ausmacht, ausgesucht hat.

Das zu erkennen bedeutet, sich selbst gegenüber eine Haltung zu entwickeln, die von innerer Nähe und Zugewandtheit auf der persönlichen Ebene geprägt ist, um auf der Metaebene die gesellschaftlichen Machtverhältnisse und die eigene Positionierung darin zu erkennen. Ich glaube, dass wir im Nachdenken, Sprechen und Aushandeln unseres Miteinanders weniger Sorge und Empörung, sondern mehr Verständnis für mögliche Irritationen auf dem Weg zu neuen Erkenntnissen brauchen. (…)

Es gibt für uns alle viel zu klären. Wer spricht über wen, und wer wird gehört? Wer wird bei Entscheidungen mitgedacht, angesprochen, ausgeblendet und wer nicht eingeladen? Wem wird Wissen zugänglich gemacht, und wer ist davon ausgeschlossen? Wer entscheidet über allgemeingültige Regeln und Ordnungen? Wen inkludiert und exkludiert unsere Gesellschaft? Warum ist das so? Wer will das noch, und wer will das nicht mehr? Und wie gehen wir besser miteinander um?

Um darauf zugewandte Antworten zu finden, illustriere ich in Workshops gerne ein bildhaftes Beispiel, das vielleicht einige kennen: mit einer Person, der einer anderen auf den Fuß tritt und daraufhin sagt: „Ich habe es nicht bemerkt, außerdem bin ich ein guter Mensch.“ Ich habe schon viele gefragt, was sie von dieser Antwort halten. Manche nahmen den Satz als indirekte Entschuldigung an die getretene Person wahr, andere reagierten empört, weil die Reaktion vom Schmerz ablenkt. Und wieder andere empfanden die Begründung als unwichtig, weil der Schmerz zählt und es dafür einer Entschuldigung bedarf – ohne Wenn und Aber.

Verleugnung, Scham und Schuld sind die Abwehrmechanismen, aus denen heraus Menschen handeln, wenn sie andere verletzt haben. Denn auch Personen, die verletzen, erleben emotionale Zustände, wenn ihnen klar wird, dass sie etwas verschuldet haben, insbesondere dann, wenn es unabsichtlich geschehen ist. Schuld entsteht durch eine (gefühlte) Beschuldigung von außen. Scham ist oft die Reaktion auf das Nichterfüllen eines Ideals, das jemand für sich anstrebt, zum Beispiel ohne Fehler sein zu wollen. Oder sie resultiert aus der subtilen Angst, nicht mehr gemocht zu werden. Nicht selten kommt es dann zu einer Umkehr: Dann geht es in einer verletzenden Situation plötzlich um die Gefühle, Hintergründe und Intention der Person, die getreten hat, und nicht um den betroffenen Mensch, dessen Fuß schmerzt.

Was bedeutet dieses Bild für unser Zusammenleben? Es stellt die Frage, wem die Aufmerksamkeit gebührt und welche Rolle die Intention handelnder Menschen spielt. Wir leben in einer Zeit, in der viele marginalisierte Personen schon lange Schmerzen äußern und jetzt häufiger damit wahrgenommen werden. Sie bitten darum, dass ihnen nicht mehr auf die Füße getreten wird. Deshalb ist die Frage, welcher Umgang und welche Auseinandersetzungen daraus folgen: welche Menschen bereit sind, die eigene Blase zu verlassen und bisherige Vorstellungen zu verändern. Wie es gehen kann, sich ohne Schuld und Scham gemeinsam damit auseinanderzusetzen, was Differenz und Diskriminierung in unserer Gesellschaft bedeuten.

Eine Kollegin sagte einmal zu mir, dass sie sich eine „ruhige Sicherheit“ im gemeinsamen Umgang mit Diskriminierung wünsche, und meinte damit ein entspanntes und fürsorgliches Miteinander. Eine entspannte Haltung, die unsere Differenz nicht ändern möchte und an der Weiterentwicklung von Wissen darüber interessiert ist, wie wir als Gesellschaft mit unseren Vielheiten umzugehen lernen. Also damit, sich nicht mehr auf die Füße zu treten. Was auch bedeutet, eine gemeinsame Sprache zu finden, weil uns oft die Worte fehlen, um ohne Wertung übereinander zu sprechen.

Wie also kann es uns gelingen, achtsam über- und zueinander zu sprechen, wenn wir uns begegnen, und wie können wir nach dem fragen, was wir nicht wissen? Wie gehen wir mit denjenigen um, die sich auf all das gar nicht einlassen wollen? All diese unterschiedlichen beteiligten Menschen machen unseren gesellschaftlichen Zustand so fragil, und das zu erkennen ist ehrlich.

Der Sozialwissenschaftler Aladin El-Mafaalani zeichnet zur Erklärung für diesen aktuellen gesellschaftlichen Prozess ein eindrückliches Bild: Er lässt uns einen Tisch imaginieren, an dem neben der sogenannten Dominanzgesellschaft inzwischen auch die Nachkommen einstiger eingewanderter Menschen Platz genommen haben, die zuvor auf dem Boden saßen. Dass sie nun mit am Tisch sitzen, unterscheidet sie von den eigenen Eltern. Ihre zunehmende Teil habe hat den Blick für die eigenen Empfindungen und Ausgrenzungserfahrungen dieser Personen geöffnet.

Das ist eine positive Entwicklung, die aber nicht zur Folge hat, dass ihre Diskriminierungserfahrungen verschwunden sind. Sie können im Gegenteil sogar zunehmen, weil „die Neuen“ am Tisch von manchen, die vorher dort saßen, als unliebsame Störung oder Konkurrenz wahrgenommen werden oder weil manche deren Unterdrückung weiterhin wollen.

Das Bild vom Tisch und auf dem Boden sitzenden Menschen steht für so viele verschiedene Differenzerfahrungen und zeigt, dass, je mehr Menschen am Tisch Platz nehmen (wollen), es auch immer Kräfte und Gegenkräfte gibt. Es erklärt, warum wir inmitten einer gesellschaftlichen Transformation stecken und es auch mal heftig zugeht im Gespräch: Weil viele Ichs mit ihren unterschiedlichsten Differenz- und Diskriminierungserfahrungen ihr Recht einfordern, gehört zu werden, und dabei um Deutungsfragen gerungen und darüber gestritten wird, wer wie recht bekommt.

Soziologische Betrachtungen beruhigen damit, dass eine differenzierte Gesellschaft sich gerade durch Konflikte integriert, und zwar dann, wenn diese als notwendig anerkannt und institutionalisiert werden. Wenn sie also im Sinne aller geführt werden, was trotzdem anstrengend ist: Es bleibt kompliziert, auch wenn sich Dinge verbessern, und unsere zukünftige gesellschaftliche Aufgabe wird es sein, uns nicht nur damit auseinanderzusetzen, was uns verbindet, sondern auch mit dem, was uns unterscheidet.

Und dazu braucht es insbesondere politische Räume, in denen ein ehrlicher Umgang mit den unangenehmen Seiten unserer Geschichte gefunden werden muss und den Folgen, die wir heute auf unterschiedliche Weise tragen. Unsere Vergangenheit ist, wie sie ist, und wir können uns nicht von ihr lösen, sie ist mit unseren Alltagshandlungen genauso verwoben wie mit unseren Vorstellungen von der Welt. So kommt es, dass alle Menschen andere verletzen können, aber wir uns darin unterscheiden, wie wir es tun. Und welche Konsequenzen wir aus den Erkenntnissen ziehen.

Veränderung beginnt im Denken, was für mich heißt, unsere Gleichheit in einer anderen Dimension zu suchen. Deshalb liegt für mich die Schönheit in unserer Differenz, und ich stehe unserem gesellschaftlichen Wandel positiv gegenüber. Mehr noch, er schenkt mir Hoffnung. (…)

Wer sich mit Schwarzen, behinderten, queeren, religiösen, spirituellen, aber auch mit psychologischen und neurologischen Perspektiven beschäftigt, wird viele Ansätze und Analysen finden, die das Ziel haben, diese Intersektionalität zu erklären und damit zu argumentieren. Schon vor Jahrzehnten haben Wissenschaftler*innen weltweit aufgezeigt, wie wir unsere eigene Position im Spiegel der Anderen erkennen lernen. Auch ich versuche mich in diesem Ansatz des Verstehens, weil das bedeutet, mich befreiter bewegen zu können, mich verbinden zu können und mich verbunden zu fühlen.

In diese Richtung zu denken, war für mich kein in jeder Phase angeleiteter Weg, und ich bin längst nicht angekommen. Er entwickelt sich in mir durch meine Begegnung mit Menschen, dadurch, dass ich mir Wissen aneigne, Fehler mache und mir eingestehe, dass ich mit meinem (unbewussten) Handeln andere verletzen kann, und daraus Konsequenzen ziehe. Dieser Weg ist ein Prozess, der praktisch heißt, dazuzulernen und Gelerntes wieder zu verlernen.

Zum Buch & Thema

Die „Wochen gegen Rassismus“ sind eine bundesweite Aktion für Solidarität mit den Gegnerinnen und Gegnern sowie den Opfern von Fremdenfeindlichkeit und Hass. Sie finden jährlich rund um den 21. März, dem „Internationalen Tag gegen Rassismus“, statt. Dieses Jahr lautet das Motto „Haltung zeigen!“ Weitere Informationen im Netz unter www.stiftung-gegen-rassismus.de.

Die FR begleitet die Aktion mit Berichten, Analysen und Hintergründen zum Thema.

Hadija Haruna-Oelker ist Journalistin, Autorin, Moderatorin und FR-Kolumnistin. Heute erscheint ihr neues Buch „Die Schönheit der Differenz – Miteinander anders denken“, btb Verlag, 560 Seiten, Hardcover, 24 Euro. osk

Ich glaube daran und bin nicht alleine damit, Möglichkeiten zu sehen, um aus bestehenden unterdrückenden Systemen zu mehr Gleichberechtigung für alle zu gelangen. Marginalisierte Menschen kämpfen schon seit Jahrhunderten darum, sie haben mit ihren Ideen Freiheiten erkämpft. Einzelne Menschen sind dabei eigene und persönliche Wege gegangen, haben Verbündete gesucht oder sind in Bewegungen gewachsen. Konstruktiv an gemeinsamen Lösungen für alle zu feilen geht mit Bedacht, und es bedarf Sensibilität, um Ungerechtigkeiten freizulegen.

Abläufe und Denkweisen zu verändern heißt, an den eigenen Haltungen und Routinen für ein Besseres zu rütteln. So muss sich in uns selbst zeigen, dass unsere Differenz ein Gewinn im eigenen Leben ist. Deshalb liegt der erste Schritt zu einem gemeinsamen Miteinander auch genau dort. Es geht um eine sich selbst und anderen Menschen zugewandte Reflexion, weil erst so möglich wird, sich auf Veränderungen einzulassen, die ein Denken anregen, das flexibel genug ist, die Richtung zu ändern.

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