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Die Schande von Butscha – „klare Evidenz für Kriegsverbrechen“

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Von: Peter Rutkowski

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Zerstörung und Tod haben russische Truppen in Butscha hinterlassen.
Zerstörung und Tod haben russische Truppen in Butscha hinterlassen. © dpa

Russische Truppen ziehen aus der Region rund um Kiew ab. Das einrückende ukrainische Militär findet Dutzende ermordete Zivilpersonen.

Kiew/Butscha – Die Namen ukrainischer Städte und Orte, Landmarken und Plätze finden sich alle auf der langen Schandliste verbrecherischer Taten deutscher Truppen zwischen 1941 und 1944. Das ist Geschichte, die nicht ausgelöscht werden kann und nicht darf. Zur Tragödie der Ukraine kommt nun noch obendrauf, dass die Geschichte sich nun zu wiederholen beginnt – nur sind die offensichtlich Schuldigen diesmal russische truppen: wahllos niedergeschossene Zivilpersonen auf einer Straße in dem am Wochenende vom Kremljoch befreiten Butscha; eine liegt unter ihrem Fahrrad, anscheinend mitten in der Fahrt niedergestreckt, vor Paletten mit Baumaterial drei Tote, zumindest einer davon mit im Rücken gefesselten Händen. Mindestens 20 Männer wollen die zurückgekehrten ukrainischen Soldat:innen gezählt haben.

Und die Bilder dieses Wochenendes aus dem Umland von Kiew zeigen noch mehr Horror. Zumindest eine Person in Butscha wurde scheint’s durch „Necklacing“ getötet – dabei hängt man einer Person einen in Benzin getränkten Reifen um Hals oder Körper und zündet den an, eine erstmals in den 60er Jahren in Sri Lanka dokumentierte Folter- und Exekutionsmethode.

Die in Butscha einrückenden Ukrainer:innen mussten die verstreut umherliegenden Leichen mit langen Stecken zu bewegen versuchen, da es nicht ausgeschlossen ist, dass die abrückenden russischen Soldatinnen und Soldaten die Toten zu Sprengfallen umfunktionierten: Eine Granate oder Landmine wird scharf gemacht, das Gewicht der Leiche hält den Auslöser gedrückt; wird sie bewegt, geht die Ladung hoch. Überall im Land sollen Wohnhäuser vermint worden sein.

Warten auf Medikamente in Butscha.
Warten auf Medikamente in Butscha. © Vadim Ghirda/dpa

„Klare Evidenz für Kriegsverbrechen“ in der Ukraine

Es kann kaum verwundern und nur noch schwerlich in Abrede gestellt werden, wenn ukrainische Stellen „klare Evidenz für Kriegsverbrechen“ sehen. Human Rights Watch prangerte am Samstag an, dass russische Armeeangehörige offenbar Vergewaltigungen, Massenerschießungen, Plünderungen und exzessive Gewalt verübt hätten. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die britische Außenministerin Liz Truss zeigten sich bestürzt davon und versprachen einmal mehr, dass die Kriegsverbrechen nicht ungesühnt bleiben würden. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg nannte das so dokumentierte russische Vorgehen „inakzeptabel“. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock empfand die aus Butscha kommenden Bilder „unerträglich“ und versprach, man werde die bestehenden Sanktionen gegen Moskau noch verstärken. Kiew forderte am Sonntag ein fünfte Serie an Strafen für Wladimir Putin und dessen Entourage.

Und dabei hätten Volk und Armee der Ukraine am Wochenende eigentlich eine Atempause verdient gehabt: Insgesamt 30 Ortschaften und Vororte rund um die Hauptstadt Kiew sollen den Invasoren abgenommen worden sein, will man den Siegesmeldungen der Generalität in Kiew glauben. Die Betreiberfirma des AKW Tschernobyl meldete, dass die russische Besatzung sich nun auch aus dem radioaktiv verseuchten Pripjat bis über die Grenze nach Belarus zurückgezogen hätte.

Aber die Offiziellen rund um den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj warnten Samstag wie Sonntag davor, in den Abzug der russischen Truppen zu viel hineinzulesen: Die Invasionskräfte würden sich nur umgruppieren, um dann an anderer Stelle wieder in die Kämpfe einzugreifen.

Ukraine-Krieg: Auch in Mariupol gehen die Kämpfe weiter

Beispielsweise im äußersten Osten an der Donbass-Front, wo der Druck auf die seit acht Jahren befestigten Stellungen der ukrainischen Armee täglich wächst. An deren südlichstem Punkt, dem seit über einem Monat eingeschlossenen Mariupol ging auch am Wochenende das Leiden und Sterben weiter. Noch halten die ukrainischen Verteidiger. Und an die 100.000 Zivilpersonen werden mit ihnen belagert.

Qualmend schwarz ist der Krieg in Odessa.
Qualmend schwarz ist der Krieg in Odessa. © P. Giannakouris/dpa

In der Nacht zu Sonntag konnten rund 500 Familien während einer Feuerpause in PKW dem Kessel entkommen. Am Sonntag wollte man zusammen mit dem Roten Kreuz die Evakuierung mittels Bussen durch einen weiteren „humanitären Korridor“ in Richtung Berdjansk organisieren. Laut Tagesschau gelangen jedoch nur vom roten Kreuz begleitete Evakuierungen per Bus in Richtung Mangusch. Neben den mutmaßlich Tausenden aus dem Osten der Ukraine entführten Zivilpersonen sollen auch mindestens elf Stadtoberhäupter in russischer „Kriegsgefangenschaft“ sein, wie Kiews Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk am Sonntag sagte.

Im Ukraine-Krieg verstorbener Fotojournalist erhält pothum Tapferkeitsorden

Derweil beschoss die russische Fernartillerie Ziele in Mykolajiw und Odessa. In der berühmten multikulturellen Hafenstadt ging ein Treibstofflager in Flammen auf. Während Odessas Luftabwehr offenbar einige Raketen noch vorm Aufschlagen zerstören konnte, sollen in der Stadt am Bug mindestens 36 Menschen ums Leben gekommen sein.

Ein ukrainischer Soldat sucht nach Sprengfallen.
Ein ukrainischer Soldat sucht nach Sprengfallen. © V. Ghirda/dpa

Das Grauen in der Ukraine erhielt an diesem Wochenende noch zwei neue Namen: Die Leiche des Fotojournalisten Maksim Levin wurde nördlich von Kiew mit zwei tödlichen Schussverletzungen aufgefunden. Präsident Selenskyj verlieh dem 41-Jährigen posthum einen Tapferkeitsorden. In Mariupol wurde am Samstag der litauische Filmemacher Mantas Kvedaravicius getötet. Der 44-Jährige hatte seit 2014 den ukrainischen Abwehrkampf dort dokumentiert. Die britische Zeitung „Guardian“ zitierte Kvedaravisius’ wütenden russischen Kollegen Vitali Mansky damit, dass sein Kollege „ermordet wurde, mit der Kamera in der Hand, in diesem beschissenen Krieg des Bösen gegen die ganze Welt“.

Oder, um den ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba zu zitieren: „Russland ist schlimmer als der ,Islamische Staat‘.“ (Peter Rutkowski mit dpa)

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