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Die riskante Fahrt der Frachter

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Von: Stefan Scholl

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Ein ukrainischer Getreidefrachter, gesehen im Marmarameer vor Istanbul (Archiv).
Ein ukrainischer Getreidefrachter, gesehen im Marmarameer vor Istanbul (Archiv). © dpa

Russland hält nach dem Ausstieg aus dem Getreide-Abkommen diplomatische Kanäle offen.

Wirklich gefallen hat dem Kreml dieses Abkommen nie. Schon Anfang September schimpfte Wladimir Putin, man habe sein Land hereingelegt, das ukrainische Exportgetreide lande in Wirklichkeit nicht im armen Afrika, sondern im reichen Europa. Im Oktober beschwerte sich der russische UN-Diplomat Gennadi Gatilow über die „unfairen Bedingungen“ der Vereinbarung. Nach der Explosion auf der Krim-Brücke im September mutmaßte Putin, ein ukrainischer Getreidefrachter könnte den Sprengstoff für den Anschlag aus Odessa geholt haben.

Am Samstag ist Moskau nun aus dem Abkommen ausgestiegen: Weil schwimmende Kampfdrohnen am Samstag russische Kriegsschiffe im Hafen von Sewastopol angegriffen hatten. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums kamen die Drohnen vom ukrainischen Ufer durch den Getreidekorridor im Schwarzen Meer und bogen dann Richtung Sewastopol ab. Spezialist:innen des russischen Militärs vermuten, eine sei von einem Kornfrachter in See gestochen.

Der Angriff galt zwei Fregatten, laut ukrainischen Beobachter:innen beschädigte er unter anderem die „Admiral Makarow“, das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte. Moskau zufolge wurde dagegen nur ein Minensuchboot ramponiert.

Das war Anlass genug, um das im Juli ausgehandelte Abkommen mit den UN, der Türkei und der Ukraine zu verlassen. Es hatte Getreidefrachtern aus ukrainischen Häfen freies Geleit durch das Schwarze Meer gesichert. Sein Ende könnte nach Ansicht internationaler Expert:innen einen Großteil der ukrainischen Ausfuhren in Gefahr bringen, die zu 60 Prozent nach Asien und Afrika gehen. UN-Generalsekretär António Guterres verschob am Sonntag seine Teilnahme an einem Gipfel der Arabischen Liga in Algier um einen Tag. Der Agrarexport der Ukraine drohe bis auf ein Siebtel zu schrumpfen, sagte Dmytro Milow, Chef der ukrainischen Exportfirma Risoil, dem Wirtschaftsportal liga.net. „Der Staat verliert Milliarden Dollar, die nächste Aussaat gerät in Gefahr.“ Den Ländern Afrikas und Asiens drohe Hunger. An der Warenbörse in Chicago stiegen die Getreidepreise am Montag zu Beginn des Handels um 7,7 Prozent.

Die Ukraine exportiert jetzt knapp zwei Drittel ihres Getreides über das Schwarze Meer, die Transportalternativen Donau, Eisen- und Autobahn erfassen laut Fachleuten höchstens drei Millionen Tonnen Getreide im Monat. Ohne Seeweg bräuchte es also über 16 Monate, um die bis November eingebrachte Bruttoernte von 49 Millionen Tonnen außer Land zu befördern. Der Politologe Wolodymyr Fessenko sagt, man bemühe sich, die Transportkapazitäten über Land zu erweitern. Polen und Frankreich boten Hilfe an.

Aber zunächst haben UN, Ukraine und Türkei beschlossen, weiter Frachter durch den Schwarzmeer-Korridor zu schicken. Nach Angaben des ukrainischen Infrastrukturministeriums setzten sich am Montag zwölf Schiffe mit 354 500 Tonnen Getreide in Bewegung.

Screenshot: Getreidefrachter (grüne Pfeile) verlassen am Montagmorgen den Hafen von Odessa.
Screenshot: Getreidefrachter (grüne Pfeile) verlassen am Montagmorgen den Hafen von Odessa. © MarineTraffic/Screenshot: dpa

Unklar ist, wie Russland reagieren wird. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte, die Schifffahrt im Korridor werde ohne russische Garantie „gefährlicher“. Allerdings besteht wohl noch keine unmittelbare Gefahr, dass russische Kriegsschiffe Getreidefrachter aus der Ukraine aufbringen: Laut Peskow kontaktiert der Kreml weiter diplomatisch die Türkei und die UN, es wird verhandelt. Radio Kommersant warnte, eine Blockade der Getreideexporte könne Russlands Image in der Dritten Welt schaden – auch wenn Agrarminister Dmitri Patruschew den „ärmsten Ländern“ am Samstag kostenlos 500 000 Tonnen russisches Getreide in Aussicht gestellt hat.

Im Konflikt mit der Ukraine läuft Russlands Ausstieg aus dem Abkommen jedenfalls auf eine neue, wirtschaftliche Eskalation heraus.

Noch lässt sich der Kreml eine Hintertür offen. Vizeaußenminister Andrej Rudenko hatte am Sonntag erklärt, es sei möglich, dass Russland zu der Vereinbarung zurückkehre. Aber das könne man erst nach Abschluss der Untersuchung über den Drohnenangriff auf den Sewastopoler Hafen entscheiden. Es mag lange dauern, bis Moskau die Ergebnisse dieser Untersuchung vorlegen wird.

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