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4515 Covid-Kranke in intensivmedizinischer Behandlung meldete das Divi-Register am Freitag.
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4515 Covid-Kranke in intensivmedizinischer Behandlung meldete das Divi-Register am Freitag.

Coronavirus

Die Pandemie als Katalysator – vor allem für Schlechtes

Nicht erst seit Corona ist unser Gesundheitssystem in der Krise. „Zurück zur Normalität“ ist also der falsche Weg. Ein Gastbeitrag von dem Intensivmediziner Achim Kress.

Der Applaus ist abgeebbt. Die Heldensagen erzählt. Ein Jahr später überwiegen Frust und Müdigkeit. Ein schönes Wort wurde dafür gefunden: mütend. Ein Wort, das den Zustand vieler meiner Kolleg:innen, mich eingeschlossen, perfekt beschreibt. Wie ist es zu diesem Zustand gekommen? Wann? Hat ausschließlich Sars-CoV-2 das gemacht? Die Antwort ist kurz und einfach: Nein.

Schwerstkranke behandeln wir auf deutschen Intensivstationen schon lange Zeit auf sehr hohem Niveau, aber unter suboptimalen Arbeitsbedingungen. Und ebenso lange diskutieren und streiten wir darüber. Wir mühen uns und wir erschöpfen uns unter den Augen der Öffentlichkeit. Dann trifft (nur anfangs und in Anbetracht der zahlreichen Krankheitserreger auf unserem Planeten auch nur wenig) überraschend eine Pandemie auf eine erschöpfte Exekutive des Gesundheitssystems.

Die Pandemie als Katalysator. Darüber habe ich viel gelesen. Die Pandemie als Katalysator für die Nachhaltigkeit. Für die Digitalisierung. Für Schulreformen. In einem Artikel über die Pandemie als Katalysator in Bezug auf die Bundeswehr las ich einen Satz, der sich hervorragend auf das Gesundheitswesen übertragen lässt: „Ein Jahr, nachdem die Covid-19-Pandemie in Deutschland angekommen ist, wird klar: Ihre Folgen haben zuvor angestoßene Entwicklungen weiter beschleunigt.“

Bedauernswerterweise nicht nur die guten Entwicklungen. Aus der Perspektive eines Krankenhausarztes denke ich: alles außer den guten Entwicklungen. Oder noch platter gesagt: Der Katalysator hat Beschissenes noch beschissener gemacht. Die Pandemie – der Kacke-Katalysator. Und die Fäkalsprache verwende ich hier bewusst, denn in eben dieser Kacke bleiben wir buchstäblich stecken, wenn die Pflege sie nicht mehr wegwischt. Und derjenige, der weiß, dass Pflege eben deutlich mehr ist als Hinternwischerei, der hat eine grobe Ahnung davon, wie tief wir ohne unsere Pflegenden in der Scheiße stecken werden. Aber es ist eben nicht nur der oft gellende, meist ignorierte und vielerorts schon längst wirkungslos verhallte Warnruf über den Pflegemangel, der die Misere immer größer werden lässt.

Der ständig steigende finanzielle Druck, das Eintauschen von Effektivität zugunsten der Effizienz, der Patient als „cost layer“ – so manches im Gesundheitswesen erzeugt bei vielen Kolleginnen und Kollegen nicht erst seit gestern Übelkeit. Leider nicht genug Brechreiz, um der politischen und betriebswirtschaftlichen Führung vor die Füße zu kotzen, um die Sorgen über die völlig fehlgeleitete Krankenhausfinanzierung zu verdeutlichen. All das lag uns nämlich schon lang vor dem ersten Sars-CoV-2-Hustenstoß im Magen.

Und dann noch diese unsägliche Pandemie, ihre Folgen oder auch Opfer und deren Therapie als „nutzlose Bremse der Gewinnmaximierung“. In allen Bereichen unserer Gesellschaft. Und eben auch in der Gesundheitsindustrie. Ein selten dämliches wie leider wahres Wort.

Der Ton ist rauer, die Konflikte persönlicher, die Fürsorge und Sorgfalt weniger, das Tempo höher geworden, die Motivation ist nahezu verschwunden. Und dann die Pandemie als Katalysator, eine Pandemie, zu deren Bekämpfung vieles versucht wurde, in deren Verlauf einiges richtig, aber auch vieles falsch gemacht wurde. Ich zeige nicht mit dem Finger auf die Krisenstäbe und Corona-Kabinette und schon gar nicht auf die Kanzlerin. Ich möchte keinen quergedachten Beifall. Keinen Kieselstein werde ich an die Fenster meines brüchigen Glashauses werfen. Wer Entscheidungen trifft, trifft auch Fehlentscheidungen. Schön wäre, würden wir aus unseren Fehlern lernen. Aber ich sehe hilflos dabei zu, wie wir zum dritten Mal erschöpft und ohne Reserven in Schieflage geraten, weil die Ökonomen herauszögern, die Politik zaudert.

Unser gutes Netz aus Kliniken schafft das auch diesmal. Aber diejenigen, die das Netz knüpfen, immer wieder aufs Neue flicken und straff halten, die werden es nicht alle schaffen.

Wir haben unsere Pflege nicht in der Pandemie verloren, sondern bereits davor.

Wir haben den Patienten als Mittelpunkt unserer Bemühungen nicht in der Pandemie aus den Augen verloren, sondern bereits davor.

Wir haben das Heft im Gesundheitswesen nicht in der Pandemie aus der Hand gegeben, sondern bereits davor.

Wir haben unsere eigene Gesundheit nicht erst in der Pandemie riskiert, sondern bereits davor. Die dritte Welle, wir sind mittendrin und nicht erst davor.

Aber eben schon vor dieser dritten Welle haben wir als Gesellschaft zugelassen, dass diese Pandemie in so vielen Bereichen das Schlechte katalysiert. Denn der Ton ist nicht nur in unserem Mikrokosmos Krankenhaus rauer geworden, der unangenehm kalte und starke Gegenwind bläst durch alle Gassen unseres Landes. Blutgrätschen, von hinten und mit Anlauf, wohin man sieht, unangemessene Polemik, flegelhaftes Verhalten. Es verbreitet sich eine Lustlosigkeit im Umgang mit einer potenziell tödlichen Erkrankung, die uns wie eine Naturkatastrophe in Dauerschleife flutwellenartig überrollt.

Fall- und Todeszahlen werden präsentiert als eine Art Aktienkurs der persönlichen Freiheit. Aber wir würdigen die Einzelschicksale hinter all den Zahlen nicht ausreichend. Ab welchem Prozentsatz der Lebenszeitreduktion wird die Verkürzung relevant? Eines ist sicher, die Gesamtsterblichkeit der Menschheit liegt bei 100 Prozent. Ist es da nicht also doch relevant, wann und wie es geschieht? Und was ist mit Traumatisierung, Belastungsluftnot, eingeschränkter Lebensqualität, reduzierter Lebenserwartung, Delirium? Die hierüber meist von unbeteiligten Gesunden geführten Diskussionen empfinde ich als unanständig und widerwärtig.

Dem Land der Dichter und Denker hatte ich mehr zugetraut, hätte ich mehr abverlangt. Und ich habe mir eine bessere Verteilung und gezieltere Ausschüttung von monetären Hilfsmitteln für Pandemiegeschädigte gewünscht. Bessere Konzepte für einen kontrollierten Rückweg in ein sorgenärmeres Leben. Ich fühle mit jedem Einzelnen, der durch diese Pandemie und unseren Umgang damit finanziellen Schaden nimmt oder gar den Bankrott erleidet. Ich war ein großer Freund der deutsche Kneipen-, Gaststätten-, Theater- oder Kinokultur vor der Pandemie und möchte sie auch nach der Pandemie nicht missen. Denn auch ich finde: Ohne Kunst und Kultur wird’s still. Aber ohne Streitkultur wird es meistens nur laut und wenig zielführend.

Und auch wenn für mich persönlich ein kurzer Moment der Stille befreiend wäre – ich wünsche mir genauso die Rückkehr des Lärms wie viele Menschen weltweit. Ich hoffe auf die Postpandemiephase als Kulturkatalysator, mit Krach und Karacho zurück ins Leben! Aber eben bitte nicht zurück zur Normalität, denn die hatte schon vor der Pandemie einigen Optimierungsbedarf. Ich wünsche mir die Pandemie als Komfort-, Korrektur- und Kehrtwendekatalysator.

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