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„Die Organspende braucht ein neues Herz“

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Von: Ursula Rüssmann

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Vorbereitungen zur Herztransplantation (Archivbild).
Vorbereitungen zur Herztransplantation (Archivbild). © AFP

Zum Tag der Organspende schlagen Betroffenenverbände Alarm. Minister Lauterbach kündigt einen neuen Anlauf für Widerspruchslösung an.

Bernhard Banas beschreibt die Lage knapp und drastisch. Wegen des Mangels an Spenderorganen haben Patient:innen in Deutschland, die eine Transplantation benötigen, „momentan nur ein Drittel der Therapieoptionen und damit Überlebenschancen, wie das international Standard ist“, sagt der Leiter der Transplantationsmedizin an der Uniklinik Regensburg. „Stellen Sie sich vor, wir hätten nur ein Drittel der nötigen Antibiotika oder Krebstherapien für schwerstkranke Menschen, da wäre der Aufschrei groß.“

Lebensnotwendige Therapie: Längst nicht für alle Kranken

In Sachen Transplantation aber, beklagt Banas, „nehmen wir es einfach so hin, dass eine lebensnotwendige Therapie nur für einen Bruchteil der betroffenen Kranken zur Verfügung steht“. Er hat keine Illusionen: Die 2020 vom Bundestag beschlossenen Änderungen des Transplantationsgesetzes – mehr Aufklärung und ein Onlineregister zur Erfassung des Spendewillens – werden die Lage nicht bessern können.

Der bundesweite Tag der Organspende an diesem Samstag müsste eigentlich „Tag der fehlenden Organspenden“ heißen. Die Situation ist prekärer denn je. Im ersten Quartal brachen die ohnehin niedrigen Organspendezahlen um fast ein Drittel ein. Wie viele andere beobachtet auch Banas einen Stimmungsumschwung bei Patientinnen und Patienten: „Viele haben aufgegeben, sie lassen sich nicht mal mehr auf die Warteliste setzen.“ Bei anderen wüchsen Ungeduld und Wut über die Politik, „weil sie ihr Recht auf Leben missachtet sehen“.

Organmangel: Schwerstkranke sehen „Systemversagen“

„Wir sind entsetzt und verzweifelt“: So steht es in einem offenen Brief von etwa 20 Betroffenenvereinen an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und die Gesundheitsministerien der Länder. Darin schlagen die Organisationen, die sich zur Initiative ProTransplant zusammengeschlossen haben, Alarm. „Für uns geht um alles: Leben können oder sterben müssen“, schreiben sie und beklagen ein „Systemversagen“ in Deutschland. Seit 15 Jahren sinke die Zahl der Organtransplantationen. „Wenn die bisherige Transplantations-Gesetzgebung der Patient wäre, müsste man diagnostizieren: Austherapiert! Da bleibt nur: Die Organspende braucht ein neues Herz!“

ProTransplant verlangt, ein Runder Tisch aus Bund und Ländern, ärztlichen Fachverbänden, Krankenkassen und Betroffenen müsse zügig einen Neustart initiieren. „Das ist eine Minimalforderung“, sagt Mitinitiatorin Zazie Knepper, selbst Dialysepatientin: „Wir wünschen uns, dass überhaupt mal wieder was geschieht.“

Organspende: Schweiz als Vorbild

Als Vorbild wird im Appell die Schweiz genannt, die angesichts niedriger Spenderzahlen jetzt einen Systemwechsel vollzieht und die sogenannte Widerspruchsregelung einführt. Danach gelten im Todesfall alle als potenzielle Organspender:innen, die nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen haben. Diese Regelung hatte der Bundestag Anfang 2020 abgelehnt. In Deutschland dürfen Organe weiterhin nur Menschen entnommen werden, die zu Lebzeiten zugestimmt haben oder deren Angehörige das nach ihrem Tod nachholen.

Auch Transplantationsmediziner Banas hält eine Widerspruchslösung für erforderlich: Organspende müsse als Thema viel präsenter werden in der Gesellschaft, „wir brauchen einen Bewusstseinswandel“. Dazu trage die Widerspruchslösung bei, weil sie Menschen dazu bringe, sich zu Lebzeiten damit zu befassen. Dass der Bundestag sie abgelehnt hat, kritisiert der Arzt, der auch der Ethikkommission der Deutschen Transplantationsgesellschaft vorsitzt, scharf: „Wir sehen uns nicht in der Lage, Bürgerinnen und Bürgern vorzugeben, zu Lebzeiten eine Entscheidung für oder gegen eine Organspende zu treffen. Wir lassen jedoch ein Transplantationsgesetz in Kraft, das Angehörigen zumutet, postmortal über die Organspende entscheiden zu müssen.“

Reform vor dem Scheitern

Die Organspendereform von 2020 sollte die „Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende“ auf zwei Wegen stärken: durch ein Onlineregister, in dem Menschen ihren Spendewillen hinterlegen können, und durch mehr Aufklärung. Doch die Reform dürfte auf absehbare Zeit wirkungslos bleiben.

Das Onlineregister ist seit März überfällig und kommt frühestens 2023. Ohnehin weisen Erfahrungen anderer Länder darauf hin, dass ein Register die Spenderzahlen nicht nennenswert erhöht. Auch aus dem Beschluss, unter anderem durch Einbindung der Passämter und der Hausarztpraxen mehr Aufklärung zu schaffen , ist kaum etwas geworden. So steht der Plan vor dem Scheitern, dass man auch auf kommunalen Ausweisstellen seinen Spendewillen im neuen Online-Organspenderegister hinterlegen kann. Denn die Länder weigern sich: Die Gesundheitsministerkonferenz hat die Bundesregierung aufgefordert, diese Verpflichtung der Ausweisstellen aus dem Gesetz zu streichen – wegen drohender Überlastung.

Das Bundesgesundheitsministerium teilte auf FR-Anfrage mit, man prüfe den GMK-Beschluss. Der beabsichtigte niedrigschwellige Zugang von Bürger:innen zum Organspenderegister ist damit in weite Ferne gerückt. rü

In der Bevölkerung ist die Akzeptanz der Organspende hoch. Ohnehin wünschen sich mehr als 90 Prozent der Menschen, dass im Krankheitsfall ein Spenderorgan für sie zur Verfügung steht. Zur Spendebereitschaft hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gerade neue Umfrageergebnisse veröffentlicht. Danach stehen rund 84 Prozent der Befragten Organ- und Gewebespenden positiv gegenüber. Aber nur rund 44 Prozent haben ihre Haltung in einem Ausweis oder einer Patientenverfügung festgehalten – davon nur drei Viertel mit einem Ja. Laut Bundeszentrale kommen immer noch viele Spenden von Menschen, die dazu bereit sind, nicht zustande, weil diese ihre Zustimmung zu Lebzeiten nicht eindeutig mitgeteilt haben.

Möglich, dass angesichts der Misere jetzt Bewegung in die Reformdebatte kommt. Minister Lauterbach kündigte am Freitag an, er wolle einen neuen Anlauf für die Widerspruchslösung starten. Eine Mehrheit im Bundestag dafür hält er für möglich: „Wir bekommen das Problem sonst nicht gelöst.“ Seine Staatssekretärin Sabine Dittmar zeigt sich „geschockt“ über den Einbruch der Spenderzahlen im ersten Quartal. Ein neuer Vorstoß im Parlament dürfte allerdings Zündstoff für die Koalition bedeuten, denn vor allem bei FDP und Grünen waren 2020 die Nein-Stimmen zur Widerspruchslösung deutlich in der Überzahl.

Lauterbach: Keine Besserung ohne Widerspruchslösung

Eine schnelle Wende ist jedenfalls nicht zu erwarten. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) erklärte noch kurz vor Lauterbachs Ansage auf FR-Anfrage, der Spendeneinbruch bedürfe zunächst „einer gründlichen Analyse der Ursachen“. Und es verwies auf die Corona-Pandemie: Die hohe Belastung der Kliniken und der Intensivstationen habe möglicherweise die Reform von 2019 ausgebremst, mit der die Abläufe in den Entnahmekrankenhäusern so verbessert werden sollten, dass mehr Organspenden realisiert werden können. Deshalb, so das BMG, sei es jetzt „vordringlich“, die 2019 beschlossenen Maßnahmen in den Entnahmekliniken umzusetzen. Eine Argumentation, die auch von Gegner:inen der Widerspruchslösung zu hören ist.

„Keine Denkverbote“

Transplantationsmediziner Banas ist dagegen überzeugt: An den Entnahmekliniken liegt es nicht, „da gibt es kein großes ungenutztes Potenzial mehr“. Er fordert vielmehr einen grundsätzlichen Perspektivenwandel: „Die Politik muss endlich ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie dramatisch die Nöte der Patienten sind.“ Dabei dürfe es „keine Denkverbote“ geben. So hält er eine Debatte für nötig, ob nicht auch in Deutschland wie in vielen anderen Ländern Europas neben dem Hirntod auch der Herz-Kreislauf-Tod als Voraussetzung für Organentnahmen eingeführt werden sollte.

Hoffnungsvoll sieht Banas die aktuelle Entwicklung in der Xenotransplantation, also der Übertragung eines Tierorgans auf Menschen. In den USA hatte ein Mensch kürzlich zwei Monate mit einem Schweineherz überlebt, dort wurden auch schon erste Erfolge mit der Verpflanzung von Schweinenieren in hirntote Menschen erzielt. Deutschland liegt hier in der Forschung laut Banas weltweit mit vorn. Nun müssten auch hierzulande klinische Studien am Menschen erlaubt werden.

Info: www.pro-transplant.de

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