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Die nächste Eroberung von Tigray

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Von: Johannes Dieterich

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Tigray- ein Schlachtfeld der Groteske. imago images
Tigray- ein Schlachtfeld der Groteske. imago images © Oscar Espinosa/Imago

Äthiopien und Eritrea schnüren die Grenzregion zwischen den beiden Ländern brutal ab. fast die komplette bevölkerung dort leidet Hunger. Und die Kämpfe gehen immer weiter.

Heftige Kämpfe im Norden der äthiopischen Region Tigray sorgen in internationalen diplomatischen Kreisen für Alarmstimmung. Die Situation in Tigray drohe „außer Kontrolle“ zu geraten, warnte UN-Generalsekretär António Guterres am Montag in New York: „Gewalt und Zerstörung nehmen ein erschreckendes Ausmaß an, mit fürchterlichen Folgen für die Zivilbevölkerung.“ Auch EU-Außenbeauftragter Joseph Borell äußerte sich „entsetzt“ über die „dramatische Eskalation der Gewalt“ in der Provinz und den „enormen Verlusten an Menschenleben“. Angesichts der Vorgänge in Tigray müsse „das Gewissen der Welt schockiert sein“, sagte die Chefin der staatlichen US-Hilfsorganisation USAID, Samantha Powell.

Die von Tigrays Volksbefreiungsfront (TPLF) geführte Regionalregierung räumte am Dienstag ein, dass die rund 30 Kilometer von der eritreischen Grenze entfernte Stadt Shire in die Hände der äthiopischen Invasoren und der mit ihnen verbündetem eritreischen Truppen gefallen sei. Zigtausende von Menschen sollen sich auf der Flucht befinden: Einst lebten rund 100 000 in Shire, ihre Zahl soll während des Krieges noch deutlich gestiegen sein. Genauere Informationen aus Tigray zu erhalten, ist fast ausgeschlossen: Die Region ist für ausländische Medien unzugänglich und seit fast zwei Jahren auch von allen Telefonnetzen abgeschnitten. Die verlässliche Internetseite „Crisis in Ethiopia“ berichtete schon seit Tagen über Artilleriebeschuss und Luftangriffe auf Shire, was aus diplomatischen Kreisen bestätigt wird. Der norwegische Äthiopienkenner Kjetil Tronvoll vom Oslo New University College meldete via Twitter, dass sich in den verschiedenen Teilen Tigrays „bis zu einer Million Soldaten“ gegenüberstehen: Möglicherweise hätten in den vergangenen Wochen schon mehr als 100 000 Menschen ihr Leben verloren.

Tronvoll will von „schrecklichen Gemetzeln“ gehört haben, die in der Nähe von Shire stattfinden. Die aus dem Nachbarland Eritrea einmarschierten äthiopischen und eritreischen Soldaten lieferten sich mit den Streitkräften Tigrays (TDF) äußerst brutale Gefechte: Offenbar werden kaum ausgebildete junge Rekruten in Wellen gegen den Feind geschickt und sterben dann zu Tausenden.

Dass die Kämpfe äußerst verlustreich sind, wird auch von Hilfsorganisationen bestätigt, die in der Region tätig sind, sich aus Furcht vor Restriktionen der äthiopischen Zentralregierung in Addis Abeba allerdings nicht öffentlich äußern.

Die Kämpfe drohen nach Auffassung von mit der Region Vertrauten eine humanitäre Katastrophe auszulösen. Seit dem Wiederaufflammen des Kriegs am 24. August gelangte kein Konvoi des UN-Welternährungsprogramms WFP mehr in nach Tigray, wo nach UN-Angaben mehr als 90 Prozent der knapp sechs Millionen Ansässigen nun auf Nahrungsmittelhilfe aus dem Ausland angewiesen sind. Hilfswerke berichten bereits von Hunderten Hungertoten, vor allem Kindern. Die seit fast zwei Jahren währende Blockade Tigrays hat zudem die Stromversorgung und das Bankenwesen kollabieren lassen. Treibstoff ist auch kaum noch zu haben.

Schließlich ist auch das Gesundheitswesen zusammengebrochen. Selbst das größte Krankenhaus Tigrays, das Ayder Hospital in der Hauptstadt Mekelle, verfügt nicht einmal mehr über die nötigsten Medikamente oder über Ausrüstungen, die für Operationen gebraucht werden. Krebskranke und Dialysepatienten müssten zum Sterben nach Hause geschickt werden, berichtete Hospital-Direktor Kibrom Gebreselassie jüngst. Selbst Schwerstkranke und Opfer von Drohnenangriffen können nicht mehr ins Hospital befördert werden, weil Krankenwagen über kein Benzin verfügen.

Tigrays Streitkräfte stehen nach Einschätzung von Fachleuten kurz vorm Zusammenbruch: Ihre Munition gehe zur Neige. Äthiopiens Regierung will nach eigenen Angaben jetzt möglichst schnell die Flugplätze und andere strategische Infrastruktur der Region besetzen: Ihr weiterer Vorstoß auf Mekelle wird allgemein erwartet. Aufgrund der Ereignisse beim ersten Einmarsch äthiopischer und eritreischer Truppen vor knapp zwei Jahren wird allerdings befürchtet, dass es erneut zu Kriegsverbrechen, zu Massakern und Massenvergewaltigungen kommen könnte. Derartige Übergriffe hatten sich nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen vor allem eritreische Soldaten zuschulden kommen lassen. Der diktatorische Staatschef Eritreas, Isaias Afwerki, ist seit einem Grenzkrieg vor 23 Jahren für seine tiefe Abneigung gegen die TPLF und die Bevölkerung Tigrays bekannt.

Äthiopiens Regierung will jetzt nach eigenem Bekunden humanitäre Korridore einrichten, um die Tigray mit Nahrungsmitteln versorgen zu können. Ihr Kalkül sei es, die Bevölkerung von ihrer politischen Führung, der TPLF, zu trennen: Letztere solle isoliert und ausgeschaltet werden, heißt es in Addis Abeba.

Mit derselben Strategie war Regierungschef Ahmed Abiy allerdings bereits vor zwei Jahren gescheitert. Damals zeigte sich Tigrays Bevölkerung über die eritreischen Übergriffe dermaßen entsetzt, dass sie die eventuell bestehende Kluft zur autokratisch herrschenden TPLF unverzüglich schloss. Die Aussichten, dass das nach zwei Kriegs- und Blockadejahren anders ist, sind eher gering.

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