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Die mitreißende Stimme der Mahnwache in Lützerath

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Von: Barbara Schnell

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Blanche Schwanke. Bild: Barbara Schnell
Blanche Schwanke. © Barbara Schnell

Blanche Schwanke leitete die Mahnwache für Lützerath – ein Porträt.

Eigentlich hatte die Klimabewegung Lützerath überhaupt nicht auf dem Zettel gehabt. Zu abgelegen war der Ort hinter Büschen und Bäumen versteckt, zu nah schien er dem bereits verlorenen Immerath – und zu sehr lag der Fokus auf der Rettung der Keyenberger Dörfer im Nordwesten des Tagebaus Garzweiler. Dann riss der Braunkohlekonzern RWE am 20. Juli 2020 die Grubenrandstraße L277 ab, eine für die Region wichtige Nord-Süd-Verbindung. Zwei Tage später blockierten Aktivist:innen am Südende des zerstörten Abschnitts den Abtransport der Asphalttrümmer. Um die teils extreme Polizeigewalt bei der Räumung der Menschen im Blick zu haben, richtete die Initiative „Die Kirche(n) im Dorf lassen“ am Wendehammer vor Lützerath eine Mahnwache ein: „MaWaLü“.

„Ich werde diesen ersten Abend nie vergessen, als wir alle um die Feuertonne gehockt und uns Geschichten erzählt haben“, erinnert sich die 34-Jährige Blanche Schwanke, die ein paar Wochen später die Versammlungsleitung der „MaWaLü“ übernahm. „Am nächsten Morgen hatte uns jemand aus den Orten eine Kaffeekanne hingestellt. Wir hatten ein Kulturprogramm – dienstags Erzählabende mit Menschen aus den Dörfern. Der Kinoabend am Donnerstag war so bekannt, dass uns sogar der Werksschutz gefragt hat, welcher Film denn heute läuft, und Anwohner haben uns gesagt, so viel Kultur hätte es in den Dörfern noch nie gegeben.“

Während mitten in der Pandemie ringsum das Leben ruhte, konnte sich die Mahnwache an ihrem stets windigen Standort behaupten. „Es waren zwar ständige Verhandlungen mit den Behörden nötig, ich musste die mögliche Besucherzahl aus den Quadratmetern der Mahnwache berechnen, und ich habe teilweise von der Mahnwache aus Homeoffice gemacht.“

Die Mahnwache, so die Bürokauffrau mit dem flammend roten Haar, sei die stabilste Struktur in Lützerath gewesen. „Ich glaube, ohne die Mahnwache, die ja während der letzten Tage die letzte legale Anlaufstelle in Lützerath war, wären jetzt nicht so viele Menschen dort.“

Zur mitreißenden Stimme der Mahnwache, die auch bei den Dorfspaziergängen das Mikro übernahm, ist Schwanke erst im Herbst geworden. „Ich wollte eigentlich nicht so in die Öffentlichkeit. Aber wenn ich etwas mache, mache ich es ganz oder gar nicht. Und wusste zwar, dass ich ein sehr strukturierter und leistungsstarker Mensch bin. Aber ich habe in Lützerath viel über mich selbst gelernt. Ich weiß jetzt, was ich möchte und worauf ich achten muss.“

In der Nacht von Montag auf den Dienstag hat Schwanke nun die Versammlung am Wendepunkt Lützerath offiziell für beendet erklärt und den Ort danach verlassen. Zum Gespräch kommt sie zur neuen Mahnwache im Nachbarort Holzweiler, diesmal initiiert von „Alle Dörfer bleiben“. Dort bietet sie Kaffee an und lädt zum Sitzen ein – noch ist das Ende von Lützerath für sie „surreal; ich habe noch nicht realisiert, dass es vorbei ist.“ Niemand weiß, wie lange die Anlaufstelle in Holzweiler gebraucht werden wird, aber nur wenig an diesem Anfang erinnert an Tag eins der „MaWaLü: „Es ist kein warmer Sommerabend wie damals – aber wir sitzen hier im Januar am späten Abend bei fast zehn Grad. Wir spüren doch schon die Folgen dessen, wogegen wir in Lützerath gekämpft haben.“

Für die Zukunft hat Schwanke Pläne – und einen Wunsch: „Ich freue mich darauf, endlich auf unserem eigenen Hof Seminare und Kulturprojekte zum Thema Nachhaltigkeit organisieren zu können. Das Team der Mahnwache hat für das Frühjahr schon einen gemeinsamen Ausflug geplant: „Wir werden uns nicht aus den Augen verlieren. Aber noch wünsche ich mir, dass wir am 5. März zu einem Dorfspaziergang in Lützerath einladen, dass wir da alle wieder zusammenstehen und dass ich – nicht die Polizei – die Mahnwache freiwillig offiziell beenden kann.“

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