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Jan Theurich.
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Jan Theurich.

Lesbos

„Die Menschen beschreiben das Lager als Gefängnis“

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
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Journalist Jan Theurich über die Situation Geflüchteter auf Lesbos – zwei Monate nach dem Brand in Moria.

Herr Theurich, Sie berichten seit acht Monaten für das „Dunya Collective“ über die Situation der vielen Geflüchteten auf der griechischen Insel Lesbos. Wie beurteilen Sie die Situation der Geflüchteten dort zur Zeit?

Nachdem das Elendslager Moria im September vollständig abgebrannt ist, wurde hastig ein neues Lager errichtet. Der offizielle Name lautet Karatepe 2 oder auch Mavrovouni (schwarzer Hügel). Die Bewohner:innen des Lagers nennen es aber schlicht Moria 2. Das bildet gut ab, wie die Zustände dort sind. Es ist eine seelenlose Zeltstadt. In Nordrichtung exponiert. Sie bietet keinen Schutz vor Wind und Wetter und es wird Winter. Außerdem ist es auf einem alten Schießplatz errichtet worden. Der Boden ist höchstwahrscheinlich mit Blei und weiteren Schwermetallen kontaminiert. 7200 Menschen müssen dort leben. Ohne Heizmöglichkeiten, ohne fließendes, geschweige denn warmes Wasser. Es gibt nur sehr wenige Duschen. Deswegen haben sich die Bewohner:innen Eimerduschen improvisiert.  Die Menschen waschen sich und ihre Kleidung oft im Meer. Es herrscht eine Krätzeepidemie. Von den „Nie wieder Moria“-Erzählungen einer Frau von der Leyen oder Johannson (Ylva Johansson, EU-Kommissarin für Inneres, Anm. d. Red.) ist hier nichts geblieben. Es waren leere Worte.

Es gibt Berichte, wonach sich in dem neuen Großlager – nennen wir es „Moria 2“ – teilweise lange Schlangen bilden, da die Ein- und Auslasskontrolle unterbesetzt ist. Können Sie das bestätigen?

Es haben sich tatsächlich lange Schlangen gebildet. Das liegt aber nicht am Personalmangel, sondern an Restriktionen.

Welche Restriktionen?

Der Ein- und Ausgang des Camps ist stark reguliert. Die Menschen im Lager beschreiben es oft als Gefängnis. 300 Polizist:innen bewachen das Gelände im Schichtbetrieb. Es gibt Drohnen und die Menschen werden mit Metalldetektoren gescannt. Es gab, seitdem das Lager offiziell eröffnet wurde, bereits Restriktionen. Sonntags durfte noch nie jemand das Lager verlassen. Durch den Lockdown darf jetzt jede Person nur noch ein Mal pro Woche raus und das für nur vier Stunden. Der Ausgang ist in Gruppen unterteilt. Man muss sich mal den enormen psychischen Druck vorstellen, den diese Situation bei einem Menschen hervorruft. Psychische Erkrankungen sind ein erschreckender Normalzustand hier.

Haben Sie Zugang zu dem Camp?

Auch für die Presse ist es auf legalem Weg kaum möglich, in das Camp zu kommen. Nur mit einer Sondergenehmigung und nur unter Begleitung von Polizei oder Campangestellten darf das Lager betreten werden. Diese Sondergenehmigungen sind nicht leicht zu bekommen. Klar, Coronaschutz ist wichtig, aber auch vor dem Lockdown galten diese Maßnahmen. Man will einfach verhindern, dass unschöne Bilder aus diesem Lager an die Öffentlichkeit gelangen. Eine unabhängige Berichterstattung ist dort also auch nicht möglich.

Zur Person:

Jan Teurich, 35, berichtet seit März für „Dunya Collective“ aus Lesbos.

Was ist denn jetzt mit dem alternativen Wohnheim Pikpa, das kürzlich von der Polizei geräumt wurde und das stets als Positivbeispiel für die Unterbringung Geflüchteter galt?

Pikpa ist jetzt leer. Die Bewohner:innen, allesamt aus der Gruppe der stark schutzbedürftigen Geflüchteten, wurden gegen ihren Willen und mit einem martialischen Polizeiaufgebot in das alte Lager Karatepe 1 gebracht.

Dort soll es aber zumindest etwas besser sein als im Massenlager Moria 2, oder?

Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, mögen es dort gar nicht. Strom gebe es immer nur portionsweise und das Essen sei schlecht. Aber zumindest wohnen die Menschen in Isoboxen und nicht in Zelten wie die anderen Tausenden Geflüchteten in Moria 2. Aber eine Lösung ist so ein Leben ja auch nicht. Dazu kommt die soziale Kälte. Pikpa war ein einzigartiges Projekt, das auf einer Form des „community organizing“ beruhte. Ohne Polizei, ohne Zäune, ohne Gewalt.

Welche Perspektive haben die Menschen, die dorthin gebracht wurden?

Das griechische Ministerium für Migration und Asyl hat die Schließung des alten Camps Karatepe 1 für Ende Dezember beschlossen. Das heißt dann ein erneuter Umzug – und wohin es gehen wird, wissen die Geflüchteten nicht. Wie gesagt, geht es bei den ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern von Pikpa um stark Schutzbedürftige, Opfer von Folter, sexuellem Missbrauch, Familien mit Kleinkindern und kranken Eltern.

Sind denn noch viele Medienvertreter:innen vor Ort?

Ein paar sind noch da, ja. Aber generell hat das mediale Interesse wieder stark abgenommen. Das ist ja etwas, das immer wieder passiert: Die großen Medien kommen nur, wenn es darum geht, vom ultimativen Knall zu berichten. Die alltäglichen Katastrophen, die hier stattfinden, interessieren leider nicht so stark.

(Interview von Fabian Scheuermann)

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