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Coronavirus in Nordkorea: „Die Lage ist sehr besorgniserregend“

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Von: Martin Benninghoff

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Noch spricht das Regime statt vom Coronavirus nur von „Fieber“: Soldaten liefern in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang Medikamente an eine Apotheke aus.
Noch spricht das Regime statt vom Coronavirus nur von „Fieber“: Soldaten liefern in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang Medikamente an eine Apotheke aus. © Joseon Tongsinsa/dpa

Nordkorea steht vor schwierigen Wochen: Der Coronavirus-Ausbruch könnte die Versorgung mit Lebensmitteln gefährden.

Pjöngjang – Kim Jong Un besucht Apotheken. Das kommt bislang eher selten vor. Meist stehen Fischfarmen, landwirtschaftliche Musterbetriebe oder bunte Supermärkte in der Hauptstadt Pjöngjang auf dem Programm der höchstpersönlichen Vor-Ort-Anleitungen des nordkoreanischen Diktators, die wort- und bildreich über die staatliche Nachrichtenagentur KCNA verbreitet werden.

Doch mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in seinem isolierten Staat steht der Machthaber vor der vielleicht größten Herausforderung seiner mehr als zehn Jahre währenden Amtszeit. „Die Lage in Nordkorea ist sehr besorgniserregend“, sagt Eric Ballbach, Nordkorea-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Am 12. Mai hat die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA erstmals von einem Omikron-Fall berichtet - auch wenn in offiziellen Verlautbarungen von „Fieber“ die Rede ist. Am Mittwoch sind laut Pjöngjang mehr als 262 000 Menschen mit Fiebersymptomen erfasst worden, insgesamt kletterte die Zahl auf knapp zwei Millionen. Die Zahl der Todesfälle liegt demnach bei mehr als 60, zumindest den offiziellen Angaben zufolge.

Corona ist für Nordkorea eine ernsthafte Gefahr

Für Nordkorea bedeutet die Lage eine ernsthafte Gefahr: Mutmaßlich mit Ausnahme der Führung, die sich selten mit Masken ablichten lässt, und einiger Grenzer:innen, die im kaum noch stattfindenden Außenhandel tätig sind, dürfte nach Schätzungen von Fachleuten praktisch niemand im Land geimpft sein. Gleichzeitig sei das Gesundheitssystem viel zu schwach und marode, um mit der Lage fertig zu werden. „Aus meiner Sicht hat die Ankunft des Corona-Virus in Nordkorea ausgesprochen katastrophale Auswirkungen“, sagt Christian Taaks von der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul.

In der Tat, sollte sich das Bild auf den Krankenstationen in den vergangenen drei Jahren nicht signifikant verbessert haben, ist davon auszugehen, dass es an fast allem fehlt.

Coronavirus in Nordkorea: Hilfsangebote ausgeschlagen

Zumal die mRNA-Impfstoffe, die das Regime gerne hätte, lückenlose Kühlketten benötigen. Wer das Land mehrfach bereist hat, weiß, dass diese Anforderung utopisch ist. Selbst in Pjöngjang und den größeren Städten wie Wonsan und Hamhung fällt der Strom regelmäßig und stundenweise aus - in ländlichen Region meist länger.

Die Umsetzung einer Impfkampagne sei eine „große Herausforderung“, sagt Ballbach. Zudem könne es sich als fatal erweisen, dass Nordkorea praktisch alle Impfangebote aus dem Ausland, China und Russland eingeschlossen, abgelehnt hat. Allerdings hätte das Regime dazu Ausländer ins Land lassen müssen, doch dazu ist es nicht gekommen.

Einreisen dürften auch in Zukunft schwierig sein: Fachleute erwarten Ausgangssperren. Seit Anfang 2020 ist Nordkorea nach abgeschottet. Alle, die für Botschaften oder die Vereinten Nationen vor Ort waren, mussten das Land verlassen. Nordkoreaner:innen, die im Ausland waren, durften nicht zurück. In der Botschaft in Peking harren deshalb Dutzende Menschen aus. Inlandsreisen sind so gut wie unmöglich geworden, nachdem sie immer schon reglementiert waren.

Coronavirus-Pandemie: Das Regime muss schnell genügend Corona-Tests zur Verfügung stellen

Das Regime von Kim muss möglichst schnell genügend Test- und Impfmöglichkeiten zur Verfügung stellen. Die Weltgesundheitsorganisation hat zwar knapp 70 000 Einheiten geschickt, bei einer Bevölkerung von rund 26 Millionen Menschen ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Dass Pjöngjang von Seoul Hilfe annimmt, ist nach Ansicht Ballbachs unwahrscheinlich,

Ballbach weist auf weitere Schwierigkeiten hin: Die Versorgungslage sei höchst angespannt, zudem gebe es keinerlei Möglichkeiten, in der Quarantänesituation ein Einkommen zu generieren.

Seit das Lebensmittelversorgungssystem instabil ist, versorgen sich viele Menschen auf den geduldeten Märkten, die überall im Land entstanden sind. Das funktioniert aber nur so lange, wie die Menschen sich halbwegs frei bewegen dürfen. (Martin Benninghoff)

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