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Die Hoffnung schwindet, sie lebend zu finden

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Von: Klaus Ehringfeld

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Wo sind sie? Wer hat sie zuletzt gesehen?
Wo sind sie? Wer hat sie zuletzt gesehen? © AFP

Der britische Reporter Dom Phillips und seines Begleiter Bruno Pereira sind vermisst. Das sorgt international für Aufsehen und lässt Brasiliens Präsidenten gleichgültig.

Alessandra Sampaio wusste es sofort: „Im Amazonas zählt jede Sekunde, jede Minute. Alles andere kostet Leben.“ Sampaio ist die Ehefrau des britischen Reporters Dom Phillips, der mit dem brasilianischen Indigenen-Experten Bruno Pereira nun schon fast seit einer Woche in den Tiefen des Dschungels vermisst wird. Sie appellierte schon am Dienstag unter Tränen in einem Video an die Regierung: „Intensiviert die Suche.“

Aber diese nahm das seltsame Verschwinden kaum ernst. Mittlerweile fällt dem radikal rechten Präsidenten Jair Bolsonaro aber seine Gleichgültigkeit auf die Füße. Denn das Verschwinden des Reporters und des Experten führen in Brasilien und weltweit zu Protesten und rücken wieder die Amazonas- und Umweltpolitik von Bolsonaro in den Fokus.

Seine passive Förderung illegaler Machenschaften im Amazonas lässt seit Jahren die Übernahme des Gebietes durch Kriminelle voranschreiten. Ihnen könnten der Journalist und sein Begleiter zum Opfer gefallen sein. In der Urwaldregion ist die Mordrate doppelt so hoch wie im Rest des Landes. Besonders im Fadenkreuz stehen Aktivist:innen wie Pereira und Umweltschützer:innen.

Der 57 Jahre alte Phillips, der seit 2007 im Land lebt und zum Korrespondententeam der britischen Tageszeitung „Guardian“ gehört, und sein 41 Jahre alter Begleiter waren am Sonntag in einer der abgelegensten und gefährlichsten Gegenden des Amazonas unterwegs, als sie verschwanden. Sie hatten gerade eine Recherche für ein Buch ganz im Westen der Urwaldregion beendet, dort wo sich Brasilien, Peru und Kolumbien treffen. Es ist einer der unberührtesten Teile des Dschungels. Hier leben auf einem Territorium von der Größe Österreichs kaum 6000 Menschen, darunter mehr als ein Dutzend unkontaktierte Völker oder Indigene, die kaum Verbindung zur Außenwelt haben. Und Phillips und Pereira wollten recherchieren, wie ihr Lebensraum durch illegale Abholzung, Brandrodungen, Viehzucht, Fischfang im großen Stil, Goldsucher, Hasardeure und letztlich auch die Drogenmafias immer weiter bedroht wird.

Am Sonntag machten sie sich vom Indigenen-Reservat Vale do Javari aus über Flüsse auf den Weg in die 72 Kilometer entfernte Stadt Atalaia do Norte am Rio Javarí. Dort aber sind sie nie eingetroffen. Mittlerweile sitzt ein 41-jähriger Verdächtiger in Untersuchungshaft, der laut Zeugenaussagen den beiden Verschwundenen in einem Schnellboot nach ihrem Start in dem Reservat folgte.

Wie die Tageszeitung „O Globo“ berichtet, hat der Festgenommene gegenüber dem Zeugen geprahlt, er wolle mit Pereira abrechnen. Die Polizei fand in seinem Boot Blut und bestätigte, dass er in der Vergangenheit schon indigene Führer bedroht habe. Gerade Pereira war zuvor mehrfach ins Visier von Mafias und Kriminellen geraten, weil er immer wieder die Invasionen der Indigenengebiete dokumentierte. Angeblich wollten Phillips und er auch jetzt Eindringlinge anzeigen. Sie waren kurz vor ihrem Verschwinden auf illegale Fischer im Reservat getroffen. Es kam zu einer Konfrontation, nachdem Phillips die Vorkommnisse gefilmt hatte.

Die Hoffnungen, dass man die Vermissten noch lebend finden könnte, ist nicht sehr groß. Es sei denn, sie wurden entführt. Sollten sich die Befürchtungen bestätigen, dass Phillips und Pereira einem Verbrechen zum Opfer fielen, dann wird ihr Fall ein noch größeres Politikum, als es ohnehin schon ist. Direkte physische Angriffe auf Korrespondent:innen gab es noch nie in Brasilien, trotz der diffamierenden Rhetorik des Präsidenten gegen die Medien.

Bolsonaro selbst meldete sich spät und mit kaltem Zynismus zu Wort: Es sei „nicht zu empfehlen, dass sich zwei Personen in einem Boot“ auf ein „Abenteuer“ in einer „so wilden Gegend“ einließen, sagte er in einem Fernsehinterview. Alles könne dort geschehen, fuhr er fort: „Es kann ein Unfall gewesen sein, oder die beiden wurden hingerichtet.“ Von Bedauern oder Besorgnis keine Spur. Es ist bekannt, dass Bolsonaro sich eher als Anwalt von Goldsuchern, Holzfällern und Viehzüchtern sieht denn als Vertreter der Umweltschützer.

Anschließend ging über den Staatschef ein Shitstorm in den sozialen Netzwerken nieder, Journalist:innen forderten mehr Engagement bei der Suche nach den Vermissten. Aber erst die Justiz machte dem Präsidenten Beine und forderte ihn auf, endlich Suchtrupps und die Armee zu schicken.

Seit kurzem durchkämmen 250 Militärs die Weiler an den Amazonasflüssen, befragen Leute und suchen aus der Luft mit einem Helikopter und mit Schnellbooten über Wasser nach den Vermissten. Für Bolsonaro hat sich das Thema längst zu einem Desaster entwickelt.

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