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„Die Hölle auf Erden“

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Von: Peter Rutkowski

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Was von einem Einkaufszentrum bei Kiew noch übrig ist.
Was von einem Einkaufszentrum bei Kiew noch übrig ist. © AFP

An Tag 27 von Putins „spezieller militärischer Operation“ in der Ukraine deutet sich das ganze Ausmaß der humanitären Katastrophe an´. Und die Russen lassen nicht nach.

Die Wahrheit wird drüber oder dazwischen liegen, kaum drunter. Russland behauptet, seit Beginn der Invasion in der Ukraine habe man 498 Soldaten verloren, 1597 seien verwundet worden. Diese Zahlen verändern sich nicht seit nun drei Wochen. In der Nacht zu Dienstag tauchten auf der Internetseite des Staatsblattes „Komsomolskaya Prawda“ zwei andere Zeilen auf: 9861 Tote und 16 153 Verwundete. Am Morgen waren diese Zahlen wieder verschwunden und die Redaktion behauptet, ihre Seite wäre zum Zweck falscher Angaben gehackt worden. Kann sein, kann auch ganz anders sein – wie das meiste im Krieg um die Ukraine.

Beispiel Mariupol. Die derzeit am heftigsten umkämpfte ukrainische Stadt soll fast 80 Prozent ihrer Infrastruktur verloren haben. Wenn das stimmt, dann sind die auf Satellitenbildern noch stehenden Gebäude bloß mehrstöckige Höhlen. Zwischen 100 000 und 200 000 Menschen sollen in dieser Trümmerwüste noch ausharren, nicht wenige schlicht zu alt, um zu flüchten. Die ukrainische Regierung hat am Dienstag das russische Oberkommando bekniet, wenigstens einen Konvoi von 15 Bussen mit nicht mehr als 1114 Schutzsuchenden aus Mariupol herauszulassen.

Nach widersprüchlichen Aussagen Moskaus gibt es aber entweder gar keine Belagerung oder sie steht vorm siegreichen Abschluss. Was an – spärlichen – verlässlichen Nachrichten über das Kampfgeschehen dort am Asowschen Meer existiert, heißt beide Behauptungen Lügen. Vielleicht ist auch gelogen, dass russische Einheiten am Montag auf einen Flüchtlingskonvoi geschossen haben. Welcher Seite kann man mehr Glauben schenken?

Fest steht, dass die Invasion nicht so vorankommt, wie der früh propagierte „Blitzkrieg“ der Russen das erwarten lassen würde. Laut ukrainischem Generalstabes haben Moskaus Truppen Munition und Lebensmittel für höchstens noch drei Tage. Ähnlich sei die Lage bei der Versorgung mit Kraftstoff. Die Rekrutierung von Söldnern in Syrien und Libyen sowie die medienwirksam inszenierte tschetschenische „Waffenhilfe“ würde die Angaben über russische Invasoren, die am Rande ihrer Einsatzfähigkeit sind, tatsächlich stützen.

Gekämpft wird aber an allen Fronten im Land – von Kiew über Sumy und Charkiw, im Donbass hinunter nach Mariupol und weiter bis Mikolajiw aber mit unverminderter Härte. Oder wie es UN-Generalsekretär António Guterres am Dienstag formulierte: Die Ukraine durchlebe eine „Hölle auf Erden“. Das Hilfswerk „Mercy Corps“ meldete am Dienstag, in machen Städten der Ukraine gebe es nur noch für drei bis vier Tage Nahrungsmittel. Die ukrainische Regierung gab an, im seit zwei Wochen russisch besetzten Cherson mit seiner Bevölkerung von 300 000 gebe es kaum noch Lebensmittel und Medikamente.

Dass sich das alles in naher Zukunft irgendwie bessert, dafür gibt es keine Anzeichen. So versichert der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, er wolle mit dem den russischen Staatschef Wladimir Putin auch weiterhin direkte Verhandlungen über den Status von Krim und Donbass. Aber über jeden „Kompromiss“, den er mit Moskau schließe, müsse das ukrainische Volk per Referendum befinden. Dem Demokratiehasser Putin muss das als Provokation erscheinen.

Während die Ukraine am Dienstag Erfolge im Luftkampf verzeichnete – „neun Treffer“ –, kamen von der bislang eher ruhigen Donbass-Front Meldungen über Geländegewinne durch die Separatisten: Vor Donezk werde um drei Dörfer gekämpft. Südwestlich davon sei das Dorf Uroschajne eingenommen worden. Zudem hätten Kämpfer im Gebiet Luhansk die Kontrolle über mindestens drei weitere Orte erlangt. Dem widersprach der ukrainische Generalstab: Man habe vielmehr 13 Angriffe abgewehrt.

Weniger zweifelhaft ist die Nachricht aus ukrainischen Parlamentskreisen, dass im Sperrgebiet um Tschernobyl mehrere Brände wüten, was Satellitendaten der Europäischen Raumfahrtagentur Esa belegen. Das AKW ist in russischer Hand. Die Belegschaft arbeitet derzeit am Rande der Erschöpfung. rut mit afp/dpa

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