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Navid Kermani: „Eigentlich sind wir mit dem Herzen pausenlos im Iran“

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Neujahrsempfang im Frankfurter Römer. Redner Navid Kermani lenkt die ihm geschenkte Aufmerksamkeit auf das Leid der Iranerinnen und Iraner. Rolf Oeser
Neujahrsempfang im Frankfurter Römer. Redner Navid Kermani lenkt die ihm geschenkte Aufmerksamkeit auf das Leid der Iranerinnen und Iraner. Rolf Oeser © Rolf Oeser

Mit seinem Herzen, den Träumen und Alpträumen ist er pausenlos im Iran, sagt Autor Navid Kermani. Die FR dokumentiert seine Rede zum Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt im Wortlaut.

Frau Oberbürgermeisterin, Exzellenzen, sehr geehrte Frankfurterinnen und Frankfurter. Ich möchte mit etwas Ungewöhnlichem, vielleicht sogar Ungehörigem beginnen, was ich normalerweise nicht tun würde, ich möchte damit beginnen, dass ich kurz über Ihre Oberbürgermeisterin, Ihre kommissarische Oberbürgermeisterin, spreche. Nicht über ihre Politik – die vermag ich als Kölner nicht zu bewerten – aber ihre Biografie.

Es gibt ja viele Migrantinnen und Migranten, Einwanderer, Kinder, die etwas geworden sind in Deutschland: Tatortkommissare, Nationalspieler, Wirtschaftsmagnaten, Forscher – aber ihre Oberbürgermeisterin ist da doch etwas Besonderes. Denn alle diese anderen sind hier aufgewachsen, sie gehören der zweiten Generation an, sie hatten von Anfang an die gleichen Chancen – oder vielleicht auch nicht die gleichen Chancen, je nachdem in welchem Viertel sie aufgewachsen sind –, aber sie konnten die Sprache.

Ihre Oberbürgermeisterin ist im Iran aufgewachsen und nicht nur das, sie hat im Iran bereits politisch gekämpft. Sie war im Iran im Evin-Gefängnis. Sie war eine politische Gefangene. Frankfurts Oberbürgermeisterin ist eine ehemalige politische Gefangene, die Bürgermeisterin der viertgrößten Stadt Deutschlands.

Navid Kermani stammt aus einer iranischen Familie.
Navid Kermani stammt aus einer iranischen Familie. © Rolf Oeser

Und dann fällt in diese Amtszeit, die ja etwas überraschend begonnen hat, der Aufstand im Iran. Sie haben alle die Bilder des brennenden Evin-Gefängnisses vor Augen, die Häftlinge in Panik. Bis heute ist nicht geklärt, wer diesen Brand gelegt hat. Die Häftlinge, die damals aus den Zellen stürmten, wurden mit Tränengas und Knüppeln wieder in das brennende Gebäude zurückgetrieben. Aus eben jenem Gebäude, in dem Frau Eskandari-Grünberg 1982 einsaß.

Und ich glaube, ihr geht es so, wie allen Iranerinnen und Iranern, die ich kenne – und zwar nicht nur denen, die im Iran gelebt haben, selbst denjenigen, die mittlerweile der dritten, vierten Generation angehören, die vielleicht nicht einmal Persisch sprechen. Seit September gehen wir durch unsere deutsche Realität wie Schlafwandler. Wir haben unseren Alltag, unseren Beruf, aber eigentlich sind wir mit dem Herzen, den Träumen, den Alpträumen, den morgendlichen Blicken aufs Smartphone mit den neuesten Nachrichten, den neuesten Videos, zugleich pausenlos im Iran.

Ich möchte Ihnen kurz etwas schildern: Ich war am Wochenende – es ist so viel über Klimaschutz gesprochen worden, da darf ich das gar nicht sagen – in den Bergen, bin Ski gefahren. Stellen Sie sich also vor, Sie fahren Ski, und irgendwie ist in den Bergen plötzlich Netz, weil Sie die Gondel hochfahren, und dann bricht plötzlich die Nachricht hinein: „Zwei weitere Menschen im Iran hingerichtet“. Mohammad Hosseini, Mohammad Mehdi Karami. Sie fahren irgendwie weiter fort durch diesen Tag, aber eigentlich sind Sie gar nicht mehr da. Denn zeitgleich zu dieser Nachricht bekommen Sie eine Whatsapp – wir alle leben derzeit in dieser Whatsapp-Welt, oder auf Instagram oder wo auch immer –, Sie bekommen über Whatsapp einen Brief auf dieses Telefon, einen Abschiedsbrief von einem der beiden Hingerichteten, von Mohammad Hosseini. Und dann stehen Sie auf dieser Piste und lesen das. Ich lese Ihnen den Brief vor:

„Salam an alle Menschen der Welt, ich bin Mohammad Hosseini, ein Gefangener in einem der gefürchteten Gefängnisse der iranischen Regierung. Ein Mann, der niemanden hatte – keine Mutter, keinen Vater oder Familie – jedoch ein Freund aller Güter dieser Welt war.“

Denn dieser Mohammad Hosseini, 39 Jahre alt, das war kein Intellektueller. Das war ein Arbeiter in einer Geflügelfabrik, der ohne Eltern aufgewachsen ist. Der als Karatelehrer mittellose Kinder unterrichtete, kostenlos, in der wenigen Freizeit. Der mit seinem Geld seinen drogensüchtigen Bruder mitversorgte. Und dieser Brief geht weiter:

„Nach Tagen und Nächten des Widerstands unter schwerer Folter zwangen sie mich, die Lüge zu gestehen, die sie wollten und das Verbrechen zu bekennen, das ich nicht begangen hatte. In der Dämmerung des morgigen Tages, am Fuße des Galgens, werde ich ein letztes Mal gen Himmel blicken, den letzten Stern sehen und mit meiner ganzen Kraft ,Zan, Zendegi, Azadi‘ rufen – ;Frau, Leben, Freiheit‘.

Ein Bild, das um die Welt ging. Massenproteste werden im Iran brutal niedergeschlagen - doch der Wunsch nach Freiheit bleibt. UGC /Twitter/ AFP
Ein Bild, das um die Welt ging. Massenproteste werden im Iran brutal niedergeschlagen - doch der Wunsch nach Freiheit bleibt. UGC /Twitter/ AFP © AFP

Ich werde schreien im Namen der Gerechtigkeit und in der Hoffnung auf eine Welt ohne Gewalt. Eine Welt, die die Natur liebt und die für alle Kinder der Welt sicher ist. Für mich, der sein ganzes Leben lang zutiefst einsam war, in einem Land, in dem arbeitende Kinder keine Gerechtigkeit erfahren haben, ist mein einziger Wunsch, dass die Welt ein Ort ist, an dem alle Kinder Kinder sein können, und dass sie die Liebe zum Menschen und der Natur verinnerlichen und alle Geschöpfe dieses schönen Daseins lieben. Und für diese Liebe, die alles ist, was ich nach diesem kurzen, schmerzhaften Leben noch besitze, schrie ich auf den Straßen, um an der Seite der Studenten meines Landes zu stehen, die unter Schlagstöcken und Kriegsgeschossen ,Zan, Zendegi, Azadi‘ riefen. Kinder, die jahrelang dazu gezwungen wurden und nichts anderes konnten, als der ganzen Welt den Tod zu wünschen, diese Kinder, die aber jetzt die Botschafter der Liebe, der Güte, der Freiheit und der Gleichheit für alle Menschen sind, mit der Sehnsucht nach Frieden, nach einer gewaltfreien Heimat und Welt.“

Und Mohammed Hosseini fährt fort: „Dies sind nicht die Worte eines jungen Mannes, der sich nach Erlösung sehnt. Dies sind die Worte eines einsamen Kinderarbeiters aus den dunklen Tiefen der Geschichte eines von Grausamkeit und Gewalt gegeißelten Landes. Den in all den schwarzen Nächten seiner Kindheit die Natur umarmte, anstelle einer Mutter oder eines Vaters und der sich schwor, mit seinen Mitteln und Möglichkeiten nach Freiheit, Gerechtigkeit und Liebe zu schreien.

Ich wollte sagen, dass ich für die Freiheit der Frauen meines Landes mein Leben geben werde und wisset, wenn mein Körper eine Fahne im feurigen Sonnenaufgangswind geworden ist, dass ein Mann beim letzten Atemzug rief: Es lebe die Liebe. Es lebe die Freiheit. Es leben alle Völker der Welt.

Vergesst Mohammad Hosseini nicht, einen Mann, der vielleicht nur eine Nacht, oder ein paar kurze Nächte vom Galgen entfernt ist. Seine Hinrichtung ist die Hinrichtung der Liebe und Güte. Die Hinrichtung eines Mannes, der ein Freund der Natur war. Die Hinrichtung von Ehre und Menschlichkeit. Die Hinrichtung ferner Sehnsüchte.“

Soweit der Brief von Mohammed Hosseini, der am Samstag hingerichtet worden ist, soweit eine der Nachrichten, die auf dem Telefon ankommen, jeden Tag, jeden Tag. Ich weiß nicht, wir wissen nicht, ob diese Dinge authentisch sind, von wem sie sind, von wem die Videos hochgeladen werden. Ob dieser Brief authentisch ist ... Ich kann Ihnen das nicht sagen, aber eben nicht nur in der Unbeholfenheit, der sprachlichen, klingt es durchaus nach dem Persisch eines Mannes, der in einer Hähnchenfabrik gearbeitet hat – auch, dass ausgerechnet er immer wieder die Natur hervorhebt, die Liebe zur Natur. Dass er von seinem Waisendasein spricht, der Mutter, der Natur als Ersatz seiner Eltern.

OB Nargess Eskandari-Grünberg war politische Gefangene im Iran.
OB Nargess Eskandari-Grünberg war politische Gefangene im Iran. © Rolf Oeser

Ich weiß nicht, ob dieser Brief ... vielleicht werden wir es nie erfahren. Aber als ich diesen Brief an meine Freunde weitergeleitet habe, antwortete mir der Germanist Jeremy Adler, Sohn des Auschwitz-Überlebenden H.G. Adler, dass es sich am Ende gleich kommt, ob Mohammad Hosseini selbst den Text schrieb oder ihm ein anderer die Stimme verlieh: Es spricht die Wahrheit.

Und dann gestern, um mit den Nachrichten des Tages fortzufahren: Drei neue Todesurteile. Schnellprozesse dauern manchmal nur Sekunden. Es sind schon Urteile gesprochen worden in 30 Sekunden. Und Sie sehen diesen Männern, die dann im Fernsehen vorgeführt werden, noch die Folter an. Die sehen nicht mehr aus wie auf den Bildern, die sie im Privaten zeigen und ebenfalls im Netz kursieren. Das sind gebrochene Gestalten, schon vor der Hinrichtung. Drei neue Todesurteile gestern: Saleh Mirhaschemi, Madjid Kazemi, Said Jaghubi. Es ist wichtig, die Namen jedes Mal zu nennen.

Über 100 Demonstranten sind auf jener Todesliste, mit deren Urteilen und Hinrichtungen man in den nächsten Tagen und Wochen rechnet. Über 500 sind bereits getötet worden, vier davon hingerichtet. Über 19 000 sind jetzt in den Gefängnissen, viele von ihnen in Evin. Das Parlament hat, wie sie wahrscheinlich wissen, gefordert, dass all diese Menschen als „mohareb“ verurteilt werden – als Menschen, die Krieg gegen Gott führen und dafür hingerichtet werden sollen.

Ich fahre weiter fort, mit der Nachricht des gestrigen Abends: Eine Rede des Revolutionsführers Chomeini, der keinerlei Gnade kennt. Der sagt, keiner soll zurückweichen. Und dann, heute, gerade eben auf der Fahrt nach Frankfurt lese ich, dass die deutschen Exporte in den Iran in diesem Jahr gestiegen sind. In diesem Jahr.

Frau Eskandari-Grünberg repräsentiert diesen Staat und ist zugleich, glaube ich, in ihrem Herzen auch dort. Genauso wie ich meine Tätigkeiten nachkomme oder Reportagen aus Afrika schreibe und zugleich in Iran bin. Und es ist vielleicht ein bisschen so – wir haben den Konsul der Ukraine hier – ein bisschen so, wie es meinen ukrainischen Freunden im Februar ging. Der Einbruch der Wirklichkeit. Auch sie fahren fort mit ihrem Leben und zugleich sind sie eigentlich in einer anderen, wirklicheren Realität.

Oder erinnern Sie sich an den Fall Kabuls vor zwei Jahren, jetzt an das Verbot für Mädchen, die Schulen und Universitäten zu besuchen, erinnern Sie sich an Ihre afghanischen Nachbarinnen und Nachbarn. Ich habe ihnen angesehen, als Kabul fiel: Ihr Alltag in Deutschland wurde zu einer Traumwelt. Und ich merkte selbst damals, wie schwer es für mich ist, Zugang zu dieser wirklichen Welt zu finden und jetzt, seit September, erlebe ich das selbst.

Der Unterschied – und das muss ich an dieser Stelle doch erwähnen: Für die Ukraine gab es Aufmerksamkeit, es gab Solidarität. Für den Iran hat es ein bisschen gedauert. In den ersten Wochen fühlten wir uns sehr, sehr allein. Die 80 000 Menschen, die in Berlin demonstrierten, waren zu 95 Prozent Iraner. Mittlerweile gibt es immerhin Aufmerksamkeit. Ich darf zu Ihnen am Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt sprechen. Aber die Afghanen, die nicht die Einwanderungsgeschichte der Iraner teilen, die sich nicht in dieser Weise öffentlich artikulieren können, die Afghanen – sie sind vollkommen, vollkommen alleingelassen von der Welt. Vollkommen alleingelassen.

Welche Zukunft sollen sie haben, insbesondere die Afghaninnen? Und wir wussten das. Wir wussten das. In dem Augenblick, in dem in Doha die Vereinigten Staaten von Amerika ein Abkommen mit den Taliban geschlossen haben, war klar – und das wussten die Amerikaner, das wusste der Nachfolger von Donald Trump, das wusste auch die Bundesregierung, insbesondere das Außenministerium – man wusste, dass mit diesem Abkommen Frauen keine Zukunft in Afghanistan haben werden. Und man hat nichts getan. Nichts, um das zu verhindern.

Es hätte Möglichkeiten gegeben, um das mit relativ geringen Mitteln zu verhindern. Nicht um ein blühendes Afghanistan zu schaffen, aber zumindest, um die Städte zu halten, die Schulbildung weiter zu ermöglichen. Und weil die Afghanen nicht diese Art von weltweiter Community haben, interessiert es keinen Menschen.

Jetzt werden Sie sich vielleicht fragen: Wie geht das denn? Also diejenigen unter Ihnen, die rein deutsch sind. Dass man zugleich hier lebt und dort lebt und zu manchen Zeiten vielleicht mehr dort lebt als hier lebt ... Ich weiß nicht. Es ist eigentlich ganz einfach. Man hat ja auch zwei Eltern, und wenn die Mutter krank ist, dann kümmert man sich mehr, dann bangt man mehr um die Mutter. Das bedeutet ja nicht, dass man den Vater weniger liebt. Und so geht es uns, glaube ich, allen. Natürlich steht derzeit das Iranische im Vordergrund, im Herzen, aber das bedeutet ja nicht, dass man deswegen weniger loyaler Bürger dieses Landes ist und man nicht genauso um dieses Land bangen würde, wenn diesem Land etwas Vergleichbares zustoßen würde. Und so fällt in diese Zeit ein Neujahrempfang, in Ihre Amtszeit, Frau Eskandari-Grünberg, den Sie gestalten können, und deshalb reden wir jetzt über den Iran. Weil die Gefängnisse, in denen Sie als junge Frau einsaßen, wieder voller politischer Gefangen sind.

Aber es gibt noch etwas anderes, was Frankfurt und Iran verbindet – nicht nur Ihre Oberbürgermeisterin: Johann Wolfgang von Goethe. Es ist etwas überstrapaziert, aber Johann Goethe hatte sein Erweckungserlebnis mit einem iranischen Dichter, mit Hafis. Sein ganzes Spätwerk ist geprägt von dieser Begegnung mit dem Orient, der zweite Teil des Fausts, die Marienbader Elegie. Dieses gesamte unglaubliche Spätwerk von Goethe wäre nicht entstanden ohne die Befreiung, die Goethe erlebte, ohne die Rhythmen, die Bilder, die Sehnsüchte der persischen Poesie, die er kennenlernte.

„Und mag die ganze Welt versinken, Hafis mit dir, mit dir allein will ich wetteifern! Lust und Pein sei uns den Zwillingen gemein! Wie du zu lieben und zu trinken, das soll mein Stolz, mein Leben sein“.

Und dieser Hafis heißt so, weil er den Koran auswendig beherrschte, weil er in seiner Religion lebte. Aber eine Religion der Toleranz, der Liebe, der Schönheit, des Rausches, des Genusses. Eine Religion, die damals schon gegen die Pfaffen, gegen die Mullahs aufbegehrte. „Oh lass den Pfaffen, - also den Mullah - oh lass den Pfaffen reden. Lausche du der Nachtigall, sie predigt Liebe, Liebe.“

Dann sehen Sie den Islam heute, in Afghanistan, im Iran, die Mörder von Jina Mahsa Amini. Weil eine Locke aus dem Kopftuch hervorlugte, das die Frauen tragen müssen, ist sie ermordet worden. Die Richter im Prozess gegen Mohammad Hosseini und Mohammad Mehdi Karami - ein Mullah, ein Pfaffe.

Majidreza Rahnavard wurde vor etwa zwei Wochen hingerichtet, unmittelbar davor wurde er im iranischen Fernsehen vorgeführt. Unter einer Maske, so einer Stofftüte, sagte er in die Kamera: „Trauert nicht um mich und singt nicht den Koran bei meiner Beerdigung. Ich möchte das nicht“. Das wurde zur Abschreckung gezeigt, um zu zeigen, wie schlimm dieser Bursche ist - doch die Iraner haben es ganz anders verstanden. Als einen Affront, als eine Absage an die eigene schiitische Kultur des Leidens, des Weinens. Jeder hat das verstanden.

Der iranische Religionsphilosoph Abdolkarim Sorusch, der natürlich wie viele iranische kluge Köpfe seit Jahren im Ausland lebt, sagte einmal sinngemäß: „Die Wurzel des schiitischen Islams ist im Iran so tief gewesen, dass nur eine schiitische Revolution sie herausreißen konnte.“ Und diese Revolution hat eine Vorgeschichte. Nämlich eine sehr stark erzwungene, beschleunigte Säkularisierung, eine Modernisierung, die vielleicht etwas zu brutal ging.

Wenn wir heute über das Kopftuch sprechen, das Frauen nicht mehr bereit sind zu tragen, dann denke ich auch zurück an das, was meine Großmutter mir erzählte: als 1936 den Frauen das Kopftuch mit Gewalt abgerissen wurde. Und dann 1981, der Kopftuchzwang. Jetzt ist der Moment, wo die Frauen, viele Frauen, die dies wollen, das Kopftuch freiwillig abnehmen. Wo dieser Prozess der Moderne, der Säkularisierung angekommen ist. Nicht nur in bestimmten Eliten, sondern im ganzen Volk.

Natürlich geht es nicht nur ums Kopftuch. Es geht um Frauenrechte insgesamt. Nicht nur um Frauenrechte, um Menschenrechte. Um das ganze Leben, den Alltag, die Wirtschaft, die Korruption, die Armut, die Umweltverschmutzung. Diese unglaubliche, täglich zu spürende Umweltverschmutzung, durch die sie wirklich nicht mehr atmen können in den Städten. Dass die Flüsse austrocknen, dass die Seen sterben. Der Iran ist ein Land des Wassers, wurde schon in der Antike besungen, von den Griechen schon, für sein Kanalsystem, für seine unglaublichen Möglichkeiten der Bewässerung. Jetzt kann der Iran sich nach 5000 Jahren Zivilisation nicht mehr mit Wasser versorgen. Das ganze Leben – deshalb „Zan, Zendegi, Azadi“.

In den letzten Wochen verfolgen wir nun die Niederschlagung der Proteste, wir verfolgen die Hinrichtungen. Und es hieß zunächst immer, so ein Prozess sei unumkehrbar - das sagten zumindest viele so. Diese Bewegung sei nicht mehr zu ersticken. Doch. Mit genügend Gewaltbereitschaft kann man alles ersticken.

Menschen sind nicht lebensmüde und es ist lebensgefährlich geworden, jetzt zu demonstrieren. Einige tun es immer noch, und sie können sich vorstellen: Auf jeden, der jetzt noch auf die Straße geht, kommen Tausende und Zehntausende, die sich nicht trauen, aber mit dem Herzen dabei sind. Und ich kann Ihnen wirklich nur sagen, die Bereitschaft zur äußersten Brutalität dieses Systems können Sie nicht unterschätzen. Ein Kommandeur der Revolutionsgarden sagte erst vor Kurzem öffentlich: „Für die Bewahrung des Systems müssen wir durch ein Meer von Blut waten.“ Das ist die Rhetorik: Durch ein Meer von Blut waten.

Da geht es nicht um Mehrheiten. Die wissen, dass sie die Mehrheiten verloren haben, schon lange. Da geht es um einen Auftrag, einen religiösen Auftrag. Und es geht – natürlich – um wirtschaftliche Macht. Um die absolute Angst, alles zu verlieren. Der „Point of no Return“ ist nicht von den Menschen auf den Straßen geschaffen worden, sondern vom Regime und seiner Brutalität. Es gibt kein Zurück mehr. Die wissen, wenn sie jetzt nachgeben würden, dann würden sie nicht nur ihre Macht verlieren, sie würden alles verlieren. Ihre politische, wirtschaftliche, womöglich auch ihre physische Existenz.

Wir wissen nicht, wohin diese Proteste noch gehen werden, aber lassen Sie mich kurz noch sagen, was diese Proteste jetzt schon bewirkt haben. Eine Stimme hat sich artikuliert in der Welt, ist gehört worden. Es ist vollkommen klar, was diese Menschen möchten, wofür sie stehen. Und zwar nicht nur die säkulare Oberschicht von Nord-Teheran, sondern das ganze Land. Es gibt Umfragen, die an die Öffentlichkeit gekommen sind, von den Behörden selbst. Die eigenen Umfragen des Systems besagen, dass 85 Prozent der Menschen mit den Protesten sympathisieren. Das sagt die Regierung selbst.

Und wir wissen durch diese Leaks auch, dass jemand aus den innersten Kreisen diese Löcher schafft, diese Audiomitschnitte in die Welt sendet. Das macht ja nicht der Geheimdienst von irgendwem, sondern das kommt aus den innersten Kreisen. Wir wissen, dass dieses Ausmaß der Proteste noch viel größer und die Streiks viel umfassender waren, als wir es hier durch Videomitschnitte überhaupt wahrnehmen konnten.

Es gibt eine Verbindung der Proteste, die durch alle sozialen Schichten geht. Die Mittelschicht, die nach Freiheit verlangt. Die Ärmsten, die einfach nur überleben wollen. Es gibt eine unglaubliche Einigkeit zwischen den Ethnien und Völkern und Religionen dieses Landes. Dieser Protest hat in Kurdistan begonnen, ist jetzt am stärksten in Belutschistan. Zwei Völker, die im Iran am weitesten voneinander entfernt sind.

Die Risse innerhalb des Regimes werden mit jeder Radikalisierung größer. Frauenrechte sind als Maßstab gesetzt. Frauenrechte in einem durch und durch patriarchalischen Land. Unterstützende Männer, die – Sie haben es eben in dem Brief von Mohammad Hosseini gehört - Männer, die sagen, wir sind bereit, für die Rechte der Frauen zu sterben. Die Hingerichteten sind alle Männer.

Zur Person

Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, ist freier Schriftsteller. Für sein literarisches und essayistisches Werk wurde er unter anderem mit dem Kleist-Preis, dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Als habilitierter Orientalist und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache hielt Kermani Poetikvorlesungen in Frankfurt, Göttingen und Mainz. Er lebt und arbeitet in Köln.

Die Welt hat ein Bewusstsein dafür, was im Iran geschieht. Die Bundesregierung hat es versucht, hat viele Wochen lang geschwiegen zu den Protesten – doch es ist nicht mehr möglich, mit diesem Regime Geschäfte zu machen. Die Öffentlichkeit, Sie alle lassen es nicht mehr zu. Die Außenministerin wurde gezwungen, eine 180-Grad-Kehrtwende hinzulegen in ihrer Iranpolitik, und zwar durch den Druck der Öffentlichkeit, aller Zeitungen in Deutschland, der Opposition. Europa, die EU – die viel länger gezögert hat, als etwa Kanada oder die USA, sich mit den Menschen zu solidarisieren – ist endlich dabei, oder hat endlich Sanktionen beschlossen. Das Atomabkommen ist außer Reichweite geraten, das alles ist schon geschehen und wird diesen Staat weiter isolieren.

Der Druck von innen wird weitergehen. Das wird vielleicht nicht in Form von Massenprotesten geschehen, aber jeden Tag, in jedem Klassenzimmer, in jedem Hörsaal, auf dem Bazar. Diese Bewegung, diese Menschen müssen nicht auf die Straße gehen, um zu zeigen, was sie möchten. Und wenn zugleich der Druck von außen hoch bleibt, dann wird, dann kann es am Ende etwas bewirken.

Ich sagte, man kann Proteste mit Gewalt ersticken. Wir haben das in China erlebt, Tian’anmen, aber China hatte den Menschen immerhin etwas zu bieten, eine wirtschaftliche Entwicklung. Dieses Regime hat nichts mehr zu bieten. Das Land ist ruiniert, ökonomisch, ökologisch, es gibt nicht einmal Gedanken daran, wie der Iran das nachfossile Zeitalter bestehen wird.

Das haben sogar viele Menschen innerhalb des Regimes verstanden. Insofern ist es nicht nur aus Solidarität, aus Altruismus, dass wir weiter die Aufmerksamkeit hochhalten müssen. Weshalb wir weiter Druck auf das Regime ausüben müssen, sondern auch aus eigenem ökonomischen Interesse, aus eigenem strategischem Interesse. Das Mantra der Stabilität, das die deutsch-europäische Iran-Politik seit zehn, zwanzig Jahren leitet, ist ein leeres Mantra, weil es unter diesen Bedingungen keine Stabilität geben wird.

Ich erwähnte kurz Hafis. Seine Lebenszeit fällt in die dunkelste Periode der iranischen Geschichte - sofern die jetzige Periode nicht noch schlimmer ist, das weiß ich nicht. Damals, im 14. Jahrhundert, war Timur der mächtigste Herrscher. Timur gab Befehl, in den eroberten Städten alle Bücher außer dem Koran und den anerkannten religiösen Schriften zu verbrennen. In Schiras, der Heimatstadt von Hafis, regierte der religiös-fanatische Mubariz al-Din, der die kleinste Übertretung der Gebote eigenhändig mit Peitschenhieben und Enthauptung bestrafte.

Das war im 14. Jahrhundert, während der Blüte der persischen Poesie. Der Name des Herrschers ist heute vollkommen vergessen, niemand kennt ihn. Die Namen von all den Pfaffen, den Mullahs, über die Hafis lachte, die ihm ein Begräbnis auf dem Friedhof von Schiras verwehrten, sind vergessen. Es leuchtet der Name Hafis, es leuchtet die Liebe, die er gepredigt hat. Und auch in Zukunft wird man nicht an die Namen der Henker erinnern. Man wird sich an Menschen wie Mohammad Hosseini erinnern, die für die Liebe einstanden: „Zan, Zendegi, Azadi“. Vielen Dank.

Die frei gehaltene Rede wurde transkribiert von Katharina Kleint. Die schriftliche Fassung enthält geringfügige Abweichungen vom mündlichen Wortlaut, die von Navid Kermani autorisiert wurden.

Transparenzhinweis der Redaktion: Die obenstehende Rede ist eine von Navid Kermani autorisierte Version. Zuvor stand hier eine unautorisierte Fassung für deren Veröffentlichung wir uns hiermit entschuldigen (18.01.2023).

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