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Zuspruch für die Spielerinnen vom Publikum bei einem Match in Carson, Kalifornien.
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Zuspruch für die Spielerinnen vom Publikum bei einem Match in Carson, Kalifornien.

USA

Missbrauchsskandal im Frauenfußball – Die hässliche Fratze hinter dem schönen Schein

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Lange galt der US-Frauenfußball als besonders fortschrittlich. Nun sorgt ein Missbrauchsskandal für Entsetzen. In Deutschland sind bislang keine vergleichbaren Fälle bekannt.

Philadelphia – Es ist ein Ritual, an das sich auch Deutschlands beste Fußballerin in den USA erst noch gewöhnen muss. Wenn die von Olympique Lyon an den Schwesterklub OL Reign ausgeliehene Dzsenifer Marozsan in der National Women’s Super League (NWSL) ein Punktspiel wie kürzlich gegen die Chicago Red Stars (3:2) bestreitet, versammeln sich nach sechs Minuten alle Spielerinnen am Mittelkreis. Das Publikum in dem umfunktionierten Baseball-Stadion in Tacoma im US-Bundesstaat Washington spendet mächtig Beifall, als noch Ersatzspielerinnen und Betreuer dazukommen, die schwarze Shirts mit der Aufschrift „Farrelly“ tragen.

Die ehemalige NWSL-Spielerin Sinead Farrelly hat zusammen mit ihrer Kollegin Mana Shim mit ihren Enthüllungen zum sexuellen Missbrauch im US-Frauenfußball eine Lawine losgetreten. Es geht um eine toxische Kultur, bei der vor allem männliche Trainer ihre (Macht-)Position schändlich ausnutzen. Weil es sechs Jahre bis zu einer ernsthaften Untersuchung durch die eigene Liga brauchte, bilden die Akteur:innen nach sechs Minuten den Kreis. Als symbolische Protestnote gegen die Vertuschung des strukturellen Sexismus.

Farrelly enthüllte, bereits vor zehn Jahren von ihrem Trainer Paul Riley in Philadelphia erstmals sexuell belästigt und genötigt worden zu sein. „Ich fühle mich unter seiner Kontrolle“, lautete ihr Vorwurf. „Er ist ein Raubtier. Er hat unsere Karrieren zerstört“, sagte Shim über den Coach, der in North Carolina umgehend seinen Job verlor, vom Verband die Lizenz entzogen bekam, aber alle Anschuldigungen als „völlig unwahr“ zurückwies. Er habe in einer Bar die Spielerinnen getroffen und die Rechnungen bezahlt – mehr nicht.

Missbrauchsskandal in den USA: „Systemversagen im professionellen Frauenfußball“

Farrelly hat hingegen Riley vorgeworfen, sie und Shim in seine Wohnung geführt und sie aufgefordert zu haben, mit ihm zu tanzen oder sich gegenseitig zu küssen. Shim reichte deswegen 2015 bei den Portland Thorns eine Beschwerde über Rileys Verhalten ein, was bloß dazu führte, dass dessen Vertrag nicht verlängert wurde. Der Erstliga-Klub als Arbeitgeber der damaligen deutschen Nationaltorhüterin Nadine Angerer sprach nun selbst von einem „Systemversagen im professionellen Frauenfußball“. Denn schnell bestätigte sich die Vermutung, dass der übergriffige Fußballlehrer aus Liverpool keinen Einzelfall darstellt.

Aktuelle Fälle

Im Sportjahr 2021 sind mehrere Missbrauchskandale öffentlich geworden. Prominentestes Opfer ist die US-Turnerin Simone Biles. Die vierfache Olympiasiegerin von Rio, die bei den Spielen in Tokio durch ihren psychischen Zusammenbruch weltweit für Aufsehen sorgte, hatte im Januar 2018 berichtet, dass sie vom früheren US-Teamarzt Larry Nassar missbraucht worden war. Bereits von September 2016 bis November 2017 hatten unter anderem die Turnstars McKayle Maroney, Gabrielle Douglas und Alexandra „Aly“ Raisman ähnliche Vorwürfe erhoben. Insgesamt hatten sich 265 Frauen gemeldet. An der Vertuschung waren auch Agenten des FBI beteiligt.

Der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) sah sich mit Missbrauchsvorwürfen gegen den langjährigen Freiwasser-Bundestrainer Stefan Lurz konfrontiert. Die Staatsanwaltschaft Würzburg ermittelte gegen den zurückgetretenen 43-Jährigen wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen. Er selbst bestritt die Vorwürfe.

Am Olympia-Stützpunkt Sachsen in Chemnitz warfen Ex-Weltmeisterin Pauline Schäfer und weitere Turnerinnen der Trainerin Gabriele Frehse vor, sie im Training schikaniert, Medikamente ohne ärztliche Verordnung verabreicht und keinen Widerspruch zugelassen zu haben. Frehse hatte die Vorwürfe abgestritten, verlor aber ihren Job.

Vor dem WM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft wurde zudem der isländische Fußballverband (KSI) von Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs erschüttert. Zwei Frauen erhoben schwere Vorwürfe gegen einen Nationalspieler und beschuldigten den Spieler, sie 2017 sexuell genötigt und belästigt zu haben. Eine der beiden wirft zudem dem Verband vor, den Versuch unternommen zu haben, sie mit Geld zum Schweigen zu bringen. Der Präsident des Verbands, Gudni Bergsson, trat von seinem Posten zurück. (dpa/sid/FR)

Missbrauchsskandal im US-Frauenfußball: Die hässliche Fratze hinter dem schönen Schein

Viele Protagonist:innen, die den US-Soccer als Vorzeigemodell angepriesen haben, fühlen sich wie betäubt. Im Land des vierfachen Weltmeisters schienen die Fußballerinnen so stark wie in keiner anderen Nation. Bei der Aufmerksamkeit, bei der Beliebtheit und den Erfolgen hatten sie die Männer eigentlich längst abgehängt. Die hässliche Fratze hinter dem schönen Schein hat keiner gesehen. Doch nun musste die Spielerinnen-Vereinigung NWSLPA kleinlaut einräumen: „Für viele Spielerinnen erstreckte sich ihr Leid über Jahre.“

Auf eine rasche Aufklärung dringen mit Vorkämpferin Megan Rapinoe und Vorzeigestar Alex Morgan die bekanntesten Fußballerinnen, die in der Außenwirkung unterschiedliche Rollen bekleiden. Rapinoe führte bei der letzten Weltmeisterschaft 2019 in Frankreich einen offenen Feldzug gegen den damaligen US-Präsidenten Donald Trump und streitet unermüdlich für Toleranz, Diversität und Gleichberechtigung. Angeekelt von den Vorfällen, forderte die 36-Jährige in einer ersten Reaktion via Twitter: „Brennt alles nieder. Lasst all ihre Köpfe rollen.“ Die Powerfrau mit den rosafarbenen Haaren ist eine der stärksten politischen Stimmen im US-Sport.

USA: Missbrauchsskandal im Frauenfußball – Grundsatzproblem ist nicht gelöst

Morgan, mit dem ehemaligen Profifußballer Servando Carrasco verheiratet und seit vergangenem Jahr auch Mutter, gibt sich gerne als Stilikone, die während einer WM schon mal in Hotpants posiert, um bei Instagram für fast zehn Millionen Follower Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die 32-Jährige zeigte sich entsetzt, wie lange die Liga alle Hinweise ignorierte und forderte mit Farrelly und Shim im Fernsehstudio Konsequenzen ein. Tatsächlich trat fast die gesamte Liga-Führung zurück – was aber das Grundsatzproblem noch nicht löst.

Denn Missbrauch, Erniedrigung und Unterdrückung werden nun auch aus anderen Ländern bekannt. 24 Spielerinnen aus Venezuela haben ebenfalls Missstände beklagt. Deyna Castellanos von Atletico Madrid gibt an, sie sei schon als 14-Jährige von einem früheren Coach missbraucht worden. „Lange Zeit haben wir uns eingeredet, dass die Erfahrungen normal seien“, schrieb sie. „Dass dieses frauenfeindliche Umfeld aus Erniedrigung und ausbeuterischer Kontrolle einfach der Preis sei, den wir als Athletinnen, die Profisport betreiben wollen, zahlen müssten.“

Der australische Fußball-Verband, gemeinsam mit Neuseeland Gastgeber für die Frauen-WM 2023, muss sich mit Vorwürfen der 150-fachen Nationalspielerin Lisa De Vanna auseinandersetzen. Die berichtete von Übergriffen, Annäherungsversuchen und Einschüchterung vor allem durch ältere Mitspielerinnen zu Beginn ihrer Laufbahn. Es ist ein offenes Geheimnis, dass früher lesbische Spielerinnen den Frauenfußball dominierten.

Missbrauchsskandal im US-Frauenfußball: Ist auch Deutschland betroffen?

Stellt sich unweigerlich die Frage, inwieweit auch Deutschland als eine führende Nation betroffen ist. „Vorwürfe oder Fälle dieser Art sind uns bisher weder aus der Nationalmannschaft noch aus den Frauen-Bundesligen bekannt. Angesichts der eindeutigen Positionierungen des DFB zum Thema der Prävention von sexualisierter Gewalt im Fußball würden wir erwarten, dass entsprechende Vorkommnisse gemeldet würden“, heißt es auf Anfrage. Bis heute habe sich keine professionelle Spielerin mit Missbrauchsvorwürfen gemeldet.

Der Verband unterhält keine Anlaufstelle für den gesamten deutschen Fußball – die sind bei den Landesverbänden angesiedelt – hat aber mit Stefanie Schulte und Karin Steinrücke zwei hauptamtliche Mitarbeiterinnen für eine sensible Thematik, die von sexualisierter Gewalt, sexistischen Witzen über unangemessene Nähe bis hin zu Missbrauch reicht. „Wir sind für das Thema seit langer Zeit höchst sensibel“, teilt der DFB mit.

Bereits 2013 wurde ein Präventionskonzept eingeführt, seit 2015 werden diejenigen geschult, die für den Verband mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, darunter die Teammanager der U-Nationalmannschaften oder Stützpunktkoordinatoren. Der Verband steht auf dem Standpunkt, dass er tut, was er kann, auch wenn er aus der Zahl der Anfragen keine belastbare Statistik ableiten will. Klar ist jedoch, dass die Enthüllungen aus den USA hellhörig machen, so dass der DFB jetzt betont: „Wir rufen abermals alle Spieler*innen und Funktionsteams dazu auf, sich bei Vorfällen bei uns zu melden, sodass wir bei der Aufarbeitung unterstützen können.“ (Frank Hellmann)

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