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Die Gnade der Ferne

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Von: Sylvia Staude

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Schweizer Idylle.
Schweizer Idylle. © dpa

Wie haben FR-Autorinnen und -Autoren den Tag der Anschläge erlebt? Erinnerungen von Feuilleton-Redakteurin Sylvia Staude.

Der 11. und auch der 12. September 2001 vergingen in Stille, schon herbstlichem Licht und morgens ein wenig Reif auf den Wiesen auf einer Schweizer Berghütte. Wir waren zu zweit, lasen in der Sonne, sinnierten in den Sonnenuntergang, hatten kein Handy, genossen die Abgeschiedenheit.

Am 13. September stiegen wir wieder ab ins Tal, setzten uns in ein Eiscafé am See. Am Nebentisch las ein Mann die „Bild“, mit Buchstaben so groß, dass sie schrieen.

Irgendwann blieb mein Blick daran hängen – und es war vorbei mit Urlaubsstimmung und Seelenfrieden. Ich kaufte mir zwei Zeitungen, die „International Herald Tribune“ und die „Süddeutsche“. Natürlich musste ich sofort wissen, was geschehen war.

Doch in den kommenden Tagen war ich froh, bis heute bin ich froh, die Endlosschleife der schrecklichen Bilder verpasst zu haben. Ich empfinde es sogar als kleine Gnade, dass ich sie bis heute nicht in bewegten Bildern gesehen habe, die brennenden Türme, die stürzenden Leiber.

Ja, ich habe manchmal darüber nachgedacht, was ich wohl gerade gemacht habe, während so viele Menschen starben. Mich unterhalten? Geträumt? Dem flinken Bach gelauscht? Aber für den Lauf der Dinge ist es egal.

Sylvia Staude ist Feuilleton-Redakteurin der FR.

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