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Charlotte Njikoufon arbeitet bei der Frankfurter Frauenhilfsorganisation FIM (Frauenrecht ist Menschenrecht)
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Charlotte Njikoufon arbeitet bei der Frankfurter Frauenhilfsorganisation FIM (Frauenrecht ist Menschenrecht).

Genitalverstümmelung

„Die Frauen finden ihr Frausein wieder“

  • Ursula Rüssmann
    VonUrsula Rüssmann
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Beraterin Charlotte Njikoufon über Traditionen und Folgen von Zwangsbeschneidung und Hilfen auf dem Weg in ein zweites Leben

Frau Njikoufon, warum suchen Frauen Ihre Beratung?

Sie kommen wegen ganz verschiedener Probleme zu uns, das muss gar nichts mit Genitalbeschneidung zu tun haben. Zum Beispiel Aufenthaltsprobleme, Schwierigkeiten in der Ehe, gesundheitliche Beschwerden und anderes mehr. Viele kommen aber auch ganz gezielt wegen Problemen im Zusammenhang mit FGM/C.

Zur Info

Charlotte Njikoufon arbeitet bei der Frankfurter Frauenhilfsorganisation FIM (Frauenrecht ist Menschenrecht) als psychosoziale Beraterin für afrikanische Frauen.

FIM engagiert sich stark gegen Genitalbeschneidung und arbeitet ferner zu Themen wie Menschenhandel und Gewalt im Namen der „Ehre“. Die Organisation ist nicht nur in Frankfurt aktiv, sondern in vielen Netzwerken auch hessen- und bundesweit. Infos:
fim-frauenrecht.de.

Was heißt das für Sie?

Egal um was es geht, ich kläre als erstes, ob die Frau aus einem der Prävalenzländer kommt, in denen weibliche Genitalbeschneidung sehr verbreitet ist. Das sind zum Beispiel Somalia, Guinea, Nigeria, Sudan, Ägypten, Indonesien. Wenn sie aus einem der Länder kommt, spreche ich das Thema auf jeden Fall an. Wir sind eine Menschenrechtsorganisation, FGM/C ist eine schwere Menschenrechtsverletzung und in Deutschland verboten. Uns geht es um Prävention, etwa wenn es Töchter gibt, die gefährdet sein könnten, und um Hilfe für die betroffenen Frauen.

Welche Probleme haben Frauen im Zusammenhang mit Genitalverstümmelung?

Viele haben massive gesundheitliche Probleme, etwa chronische Harnwegsinfekte, die Menstruation bleibt aus oder ist mit extremen Schmerzen verbunden, sie leiden unter Inkontinenz. Immer wieder klagen die Frauen über Schmerzen im Unterleib. Viele haben Probleme mit der Sexualität und dabei starke Schmerzen.

Wie gehen Sie vor?

Wichtig ist, dass wir Dolmetscherinnen haben, die kultursensibel sind. Damit können wir Sprachbarrieren überwinden. Wir reden ganz offen und klären die Frauen auf. Viele wissen zum Beispiel nicht, dass Genitalbeschneidung nicht „normal“ ist, dass sie nur in manchen Regionen der Welt traditionell praktiziert wird. Wir arbeiten mit Abbildungen, auf denen man die verschiedenen Typen von FGM/C sieht, und die Frauen sagen dann oft: Ja, bei mir sieht es so oder so aus. Wir unterstützen die Frauen dabei, sich ärztlich untersuchen zu lassen. Und wir sprechen mit ihnen über die Möglichkeiten einer rekonstruierenden OP. Diese Perspektive können wir geben: Dass ihre körperliche Integrität wiederhergestellt wird und sie eine erfülltere Sexualität erleben können.

Wie reagieren die Frauen?

Sie können sich das oft nicht gleich vorstellen. Wir begleiten sie in dem Prozess. Ich war zum Beispiel gerade mit einigen Frauen am Luisenhospital Aachen, bei dem Arzt Dan O’dey. Er ist ein Spezialist auf dem Gebiet, wir kooperieren eng mit ihm. Er berät die Frauen ganz individuell, wie eine Rekonstruktion bei ihnen laufen könnte. Das ist ein großer Schritt, viele Frauen waren noch nie bei einem Arzt. Wir sind stärkend an der Seite der Frau – ob sie sich für die OP entscheidet oder nicht. Viele der Betroffenen in unserer Beratung möchten diesen Weg gehen, vor allen Dingen, wenn sie unter massiven körperlichen und psycho-sozialen Folgen leiden.

Und die anderen?

Es sind eher Jüngere, die sagen: Das wäre doch gegen meine Kultur. FGM/C bedeutet ja auch eine Initiation in die große Gemeinschaft, diese sehen sie durch eine Operation gefährdet. Einige wollen erst heiraten. Besonders somalische Frauen sind oft sehr stark in der Tradition verhaftet.

Wie gehen Sie vor, wenn die hilfesuchende Frau das Thema Beschneidung nicht anspricht?

Wenn Töchter vorhanden sind, spreche ich es aktiv an. Bei mir war zum Beispiel eine Frau mit vier Töchtern. Sie war hier aufgewachsen und wollte jetzt mit den Mädchen für einige Zeit in das afrikanische Herkunftsland ihrer Familie reisen. Sie kam wegen Fragen zu den Ausweispapieren. Ich habe sie gefragt, ob ihr bewusst sei, dass ihre Töchter im Heimatland beschnitten werden könnten, ob sie selbst beschnitten sei. Nein, sie sei zum Glück nicht beschnitten, sagte sie, und dann wurde ihr erst bewusst, was bei der Reise passieren könnte. Sie war dann richtig geschockt. Sie wusste gar nicht, was sie nun machen soll.

Was konnten Sie tun?

Ich habe ihr geraten, Schutzpapiere mitzunehmen: Atteste vom Kinderarzt, dass die Mädchen unversehrt sind, und ein Dokument des Jugendamtes, dass es sich um deutsche Kinder handelt und die Beschneidung verboten und strafbar ist, auch wenn sie im Ausland durchgeführt wird. Mit diesen Papieren war sie stark, so hat sie es gemacht. Inzwischen gibt es für solche Fälle einen Schutzbrief der Bundesregierung, den die Familien bei Reisen mitführen sollen.

Nicht immer geht es aber um Reisen.

Nein. Eine Frau aus einem arabischen Land kam zu mir, sehr traditionell, sehr gebildet, ohne Partnerschaft. Sie hatte alle möglichen Probleme. Aber erst als ich sie fragte, ob sie Erfahrungen mit FGM/C habe, ob sie überhaupt wisse, wie das aussieht, da fing sie sofort an, heftig zu weinen. Sie war als Kind beschnitten worden von ihrer eigenen Mutter. Die Mutter war aus Afrika zugewandert in das Land und hatte diese Tradition mitgebracht, die dort gar nicht praktiziert wurde. Die Tochter hat sie dafür lebenslang gehasst, für diese Gewalt, die sie gar nicht verstanden hat. Jetzt lag die Mutter im Sterben, und nun war die Tochter gequält von Schuldgefühlen. Als sie mir das alles erzählte, zitterte sie am ganzen Körper. Sie sehen daran, wie stark ihr Trauma war. Aber es war eine große Befreiung für sie, endlich darüber reden zu können. Sie ist dann auch zum ersten Mal in ihrem Leben zum Arzt gegangen, und hat sich für die Rekonstruktion entschieden, das sei ihre „Chance auf ein zweites Leben“, hat sie mir gesagt. Sie war unendlich dankbar.

Ein großer Erfolg…

Ja. Die Frauen finden ihr Frausein wieder. Sie werden dann auch oft zu wertvollen Multiplikatorinnen für uns.

Trotzdem gibt es auch die Schattenseite – eine unbekannte Zahl von Zwangsbeschneidungen auch hier in Deutschland. Die Schätzungen gehen von einigen tausend Fällen pro Jahr aus.

Es gibt darüber keine offiziellen, belegten Zahlen. Wichtig ist: Wir alle haben einen Schutzauftrag. Das Thema muss in der Beratung noch öfter angesprochen werden, das gilt für Behörden, Beratungsstellen, Arztpraxen. Aber gerade viele Frauenärzt:innen kennen sich noch viel zu wenig aus. Deshalb arbeitet FIM intensiv an Vernetzungen und wir bieten hessenweit Fortbildungen für Fachkräfte an. Es ist ein gemeinsamer Kampf von uns allen.

Interview: Ursula Rüssmann

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