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Jetzt kommt Chrystia Freeland. Im Hintergrund maskiert – ihr Vorgesetzter, Justin Trudeau.

Kanada

Chrystia Freeland: Die Durchstarterin

  • Jörg Michel
    vonJörg Michel
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Chrystia Freeland räumt im Kabinett des kanadischen Premiers Justin Trudeau kräftig auf und könnte ihrem Mentor bald auf dem Chefposten nachfolgen – ein Porträt

Auf die Frage war Chrystia Freeland vorbereitet: Wie sie sich denn fühle als erste Finanzministerin ihres Landes, wollte eine Reporterin wissen: „Es wurde höchste Zeit, dass wir diese Barriere durchbrechen“, sagte Freeland und fügte mit einem Schmunzeln hinzu, sie gehöre ja schließlich einer Regierung mit feministischer Agenda an.

Tatsächlich gehört die Regierung in Kanada zu den wenigen weltweit, die zu gleichen Teilen mit Frauen und Männern besetzt ist – und Chrystia Freeland ist ihr Star. Seit einem Jahr fungiert sie im Kabinett von Premierminister Justin Trudeau als dessen Stellvertreterin, davor war sie Außen- und Handelsministerin. Sollte Trudeau plötzlich den Chefposten aufgeben – seine Vize stünde sofort bereit für die Nachfolge.

So undenkbar ist das Szenario nicht: Immer öfter strauchelt der sonst so smarte, athletisch jugendliche Premier – der sich rühmen kann, die Corona-Pandemie bislang vorbildlich in Schach gehalten zu haben – über Affären und zweifelhafte Vorgänge. Just ist es ein Millionenauftrag seiner Regierung an eine der Trudeau-Familie nahestehende gemeinnützige Organisation. Prompt sackten die Umfragewerte der Liberalen ab. Der Ethikbeauftragte des Parlaments ermittelt nun wegen Korruption, die Opposition fordert Trudeaus Rücktritt.

Finanzminister, Bill Morneau, ist ebenfalls in die Affäre verstrickt gewesen und nahm am 17. August seinen Hut – wegen Differenzen in der Finanzpolitik, heißt es.

Nun also soll Freeland es richten. Und der angeschlagene Chef verteilte schon mal ordentlich Vorschusslorbeeren: „Ich kennen niemanden, der als Finanzminister besser geeignet wäre als sie.“ Tatsächlich hat die 52-jährige ehemalige Journalistin reichlich ökonomische Erfahrung. Sie hat Slawistik und Wirtschaftsjournalismus studiert und schrieb lange für so renommierte Blätter wie die „Financial Times“, den „Economist“ und die „Washington Post“ sowie für den Wirtschaftsdienst Reuters, schrieb, unter anderem auch aus Kiew. Die globale Finanzwelt kennt sie wie aus dem Effeff. In ihrem Buch „Die Superreichen“, das es 2013 auf die „Spiegel“-Bestsellerliste schaffte, beleuchtete sie kritisch die Herrschaft der Geldeliten und trat für mehr staatliche Kontrollen von Konzernen und Banken ein. Bei einer ihrer Lesungen traf sie ihren jetzigen Chef Trudeau. Und der überredete sie, die journalistische Distanz aufzugeben und selber Politik zu machen.

Seit 2013 vertritt die Mutter dreier Kinder einen Wahlkreis in der Vielvölkermetropole Toronto und das passt: Freeland pflegt ihre ukrainische Abstammung und spricht neben Englisch und Französisch auch Ukrainisch und Russisch. Bis heute steht ihr Name auf einer Liste von Personen, denen wegen Kritik an der Krim-Annexion die Einreise nach Russland verwehrt wird.

Als Handelsministerin managte Freeland 2015 die Verhandlungen mit der EU über das umstrittenen Freihandelsabkommen Ceta. Später als Außenministerin handelte sie die Neuauflage des Freihandelsvertrages mit den USA und Mexiko aus. Laut US-Medien ging es zwischen Freeland und Donald Trump dabei ziemlich frostig zu. In der Corona-Krise hat die Vize-Premier unter anderem die Schließung der Landgrenze zum mächtigen Nachbarn umgesetzt. Sie koordiniert auch die diversen Hilfsprogramme im Sozial- und Gesundheitsbereich mit den in Kanada einflussreichen Provinzen und will die staatlichen Investitionen trotz des noch nie dagewesenen Defizits von 340 Milliarden Dollar intensivieren, auch in grünen Industrien. Millionen Kanadier sind wegen Corona ohne Job.

Ende September will die Regierung bei einer Thronrede im Parlament den Weg aus der Krise weisen. Da Trudeau seit 2019 nur noch einer Minderheitsregierung vorsteht, könnte die Opposition ihn bei der obligatorischen Vertrauensabstimmung danach stürzen. Falls Trudeau in einem solchen Fall nicht mehr antritt dürfte erneut die Stunde von Chrystia Freeland schlagen.

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