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„Die Breite und Einigkeit sind nicht mehr so gegeben“

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Von: Jakob Maurer

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Auch in München demonstrieren am Samstag deutlich weniger Menschen als erwartet. kerstin joensson/afp
In München demonstrieren am Samstag deutlich weniger Menschen als erwartet. © kerstin joensson/afp

Protestforscher Simon Teune über verhaltene Gipfelproteste, Erfolge der Globalisierungskritik und „Fridays for Future“.

Herr Teune, der G7-Gipfel 2015 in Elmau galt als sicherster aller Zeiten, auch dieses Jahr ist der Protest verhalten. Gibt es noch Globalisierungskritik im großen Stil?

Eine globalisierungskritische Bewegung wie früher gibt es nicht mehr. Die Globalisierungskritik ist in den Gruppen, die sich damals zusammengeschlossen und eine gemeinsame Identität entwickelt haben, nach wie vor aktuell. Aber es ist nicht mehr das einigende Band wie noch Anfang der 2000er Jahre.

Woran liegt das?

Es ist schlicht nicht mehr das beherrschende Thema, dass man sich der Selbstinszenierung von Alternativlosigkeit der Weltpolitik entgegenstellen muss wie noch Anfang der 2000er Jahre. Die Gipfeltreffen sind heute nicht mehr solche Kristallisationspunkte. Und es gab auch sehr früh schon innerhalb der Bewegung die Kritik, dass man seine Ressourcen nicht darauf verwenden sollte, diese Gipfel als von außen vorgegebene Anlässe mit Protesten aufzuwerten. Für viele hat das damals trotzdem Sinn gemacht, um das Narrativ infrage zu stellen, dass eine globale Wirtschaft sich an neoliberalen Prinzipien ausrichten muss.

Protestforscher Simon Teune. Foto: Chris Grodotzki.
Protestforscher Simon Teune. Foto: Chris Grodotzki. © Chris Grodotzki.

Was hat sich geändert?

Unter anderem wegen der Proteste sind heute Ideen von einer gerechten Globalisierung weiter verbreitet und die G7-Gipfel haben einiges an Legitimität eingebüßt. Es ist insofern als ein Erfolg der Bewegung zu werten, dass jetzt die Gipfelmobilisierung nicht mehr so im Mittelpunkt stehen muss. 2007 in Heiligendamm gab es noch 1000 Protestveranstaltungen und Vorbereitungsveranstaltungen, in denen Menschen die Kritik an dem Gipfeltreffen nahegebracht wurde. Die typische Kombination von Protest und Diskussion gibt es dieses Jahr auch, aber in viel kleinerer Ausführung.

Gruppen wie Attac haben immer mehr Probleme, Unterstützung zu mobilisieren. Wäre der breite Protest nicht wichtig, um kritische Gruppen wieder mehr ins Bewusstsein zu rücken?

Das war immer die Erwägung, dass man über den Protest bei einem weltpolitischen Ereignis Sichtbarkeit schafft für die Kritik. Man war damit auch sehr erfolgreich: Zu Beginn der Gipfeltreffen wurde immer nur von den Treffen selbst berichtet, doch dann hat der Anteil der Proteste in der Berichterstattung immer mehr zugenommen. Und damit auch der Anteil der Kritik an diesen Treffen.

Nichtsdestotrotz sind auch dieses Jahr in München und Garmisch-Partenkirchen Tausende bei Protesten vor Ort.

Es ist nicht so, dass Proteste völlig obsolet werden, und die Organisatoren arbeiten auf eine große Beteiligung hin. Aber es wird eben auch sichtbar, dass die Breite und die Einigkeit, mit der diese Gipfel zentrale Bezugspunkte waren, nicht mehr so gegeben ist.

Die global vernetzte Welt erlebt eine Zeit der Krisen. Wäre es nicht gerade jetzt der Moment, mit voller Präsenz Kritik zu üben?

So kann man argumentieren. Andererseits würden viele Aktivist:innen dagegen halten, die Probleme, die wir heute sehen, unterscheiden sich eigentlich nicht wesentlich von dem, was wir damals kritisiert haben. Mit der Pandemie ist das Thema Gesundheitspolitik in den Mittelpunkt gerückt. Aber auch 2007 waren schon Patente für Pharmaunternehmen ein Thema, die einen gerechten Zugang zu Medikamenten verhindern. Auch was Klima und Frieden anbelangt, hat die globalisierungskritische Bewegung eine zentrale Rolle gespielt, um diese Probleme überhaupt erst in das Bewusstsein zu rücken und internationale Lösungen zu fordern.

2007 in Heiligendamm, 2015 in Elmau und beim G20-Gipfel in Hamburg 2017 gab es „Fridays for Future“ noch nicht. Jetzt protestieren sie mit. Welche Folgen hat das für die Globalisierungskritik?

Ich würde nicht sagen, dass sie Themen verdrängen. Aber das Klima-Thema liegt natürlich sehr stark oben auf im Moment. Ich denke, es geht in beide Richtungen. Auch in der jüngeren Klimabewegung gab es sehr schnell Auseinandersetzungen damit, inwieweit die verfehlte Klima-Politik mit dem Schutz einer ungerechten Weltwirtschaftsweise zusammenhängt. Insofern ist sie lückenlos anschlussfähig zur Globalisierungskritik.

Interview: Jakob Maurer

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