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Beinahe schutzlos: Mädchen in Südafrika.
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Beinahe schutzlos: Mädchen in Südafrika.

Impfstoffverteilung

Die Blindheit der Reichen

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Handelsexperte Denton: „Es ist ein notwendiger Akt, dass sich die entwickelte Welt um Impfstoffe für die ärmeren Nationen kümmert“.

Das Verhältnis zwischen den südlich der Sahara lebenden Afrikanern und dem Rest der Weltbevölkerung, der inzwischen gegen Covid-19 geimpft ist, steht bei eins zu 2,4 Millionen. Während bis zum Wochenende mehr als 60 Millionen vor allem in Industrienationen lebende Menschen den befreienden Stich in den Oberarm bekamen, waren es in den 51 südlich der Sahara gelegenen Staaten alles in allem 25. Und diese wurden mit dem russischen Impfstoff Sputnik 5 behandelt, um den Gesundheitsbehörden in anderen Teilen der Welt einen Bogen machen.

In Afrika werde aller Voraussicht nach erst im kommenden Jahr eine für die „Herdenimmunität“ nötige Durchimpfungsrate von 66 Prozent erreicht, sagen Fachleute. Manche rechnen sogar erst für das Jahr 2024 damit. Der Chef der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Ghebreyesus, spricht von einem „katastrophalen moralischen Scheitern“ der Weltgemeinschaft, das die Bevölkerung der Armutsstaaten „mit ihrem Leben“ bezahlen müsse: Die Covid-Sterberate ist in Afrika jüngst stark angestiegen und liegt bereits deutlich über dem weltweiten Durchschnitt.

Keines der im Westen entwickelten Seren ist in Afrika bislang erhältlich: Deren Kontingente haben sich die Regierungen der Industrienationen bereits seit Monaten gesichert. Staaten wie Kanada können mit der bestellten Menge viermal ihre Bevölkerung durchimpfen. Die WHO hat zwar mit Covax einen Fundus an Impfstoffen für ärmere Staaten eingerichtet. Doch dessen 200 Millionen Dosen (Afrika hat alleine 1,3 Milliarden Bewohner) stehen frühestens im April zur Verfügung. Der „Impfnationalismus“ der Industrienationen stößt schon seit Monaten auf Unmut. Niemandem sei damit geholfen, wenn nur die Bevölkerung eines Landes oder Erdteils geschützt ist, heißt es: Das Virus werde gemeinsam oder gar nicht besiegt.

Und das treffe außer auf den Gesundheitsbereich auch auf die Weltwirtschaft zu, heißt es in einer jetzt veröffentlichten Studie von Forschern der US-Universitäten Harvard und Maryland. Sei tatsächlich bis zum Ende des Jahres nur der wohlhabende und nicht auch der ärmere Teil der Menschheit geimpft, müsse mit Einbußen der Weltwirtschaft von bis zu neun Billionen gerechnet werden – das ist mehr als die Wirtschaftsleitung Japans und Deutschlands zusammengenommen. Der Grund für den zu erwartenden Einbruch sei vor allem die weltweite Vernetzung der Produktionsprozesse: Kaum ein komplexes Industrieerzeugnis wird noch in einem einzelnen Land hergestellt. „Keine Volkswirtschaft kann sich selbst immunisieren“, sagt der Generalsekretär der Internationalen Handelskammer, John Denton, der die Studie in Auftrag gab. „Es ist deshalb kein wohltätiger sondern ein notwendiger Akt, dass sich die entwickelte Welt um Impfstoffe für die ärmeren Nationen kümmert.“

Welche zusätzliche Gefahr von einer Verzögerung der Impfkampagnen in einem Teil der Welt ausgeht, wird derzeit in Südafrika deutlich. Dort hat sich der Corona-Erreger durch Mutationen zu einer wesentlich ansteckenderen Variation des Virus verändert, das sich trotz Reisebeschränkungen bereits in mindestens 20 Staaten ausbreitete. Noch ist nicht klar, ob die bislang entwickelten Impfstoffe auch vor dieser Variante schützen.

Südafrika verfügt noch über keinerlei Impfstoffe: Auch wegen Versäumnissen der hiesigen Regierung werden in den kommenden zwei Monaten höchstens 1,5 Millionen Dosen eintreffen. Sie reichen nicht einmal aus, das Pflegepersonal am Kap zu schützen.

Kaum jemand rechnet damit, dass bis zum Jahresende tatsächlich Zweidrittel der Südafrikaner geimpft sein werden – genug Zeit, um das ständig mutierende Virus womöglich noch resistenter zu machen. Impfkampagnen müssten so schnell wie möglich durchgeführt werden, weiß der Johannesburger Epidemiologe Shabir Madhi: „Entweder wir überrumpeln das Virus. Oder es wird uns überrumpeln.“

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