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Die allerletzte Generation: Wer klebt hier wirklich fest?

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Von: Rainer Grießhammer

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Aktivist:innen der Klimaschutz-Initiative „Letzte Generation“ haben sich in München am Stachus mit ihren Händen auf die Straße geklebt.
Aktivist:innen der Klimaschutz-Initiative „Letzte Generation“ haben sich in München am Stachus mit ihren Händen auf die Straße geklebt. © dpa

Die eigentlich Klebengebliebenen sind nicht die Klimaschützenden auf Autobahnen und Rollfeldern – es sind Leute und Unternehmen, die an ihren Gewohnheiten hängen.

Frankfurt – Natürlich sind wir gegen die Klimaerhitzung. Toll, dass die jungen Leute dagegen protestieren. Aber bitte nicht festkleben, weder auf Straßenkreuzungen noch am Schutzglas von Gemälden? Denn wir kleben an den herrlichen Werken der Vergangenheit. Wir kleben an dem Glauben, dass Gemälde 80 Millionen wert sind, Fußballer bis zu einer Milliarde, aber die Natur umsonst ist.

Wir kleben an unseren alten Gewohnheiten. Wir kleben an unseren viel zu großen Wohnungen. Wir halten die Amerikaner für Waffennarren und kleben stattdessen an unseren übergroßen Autos, an PS-Orgien, am Recht auf Raserei und am uralten Slogan: „Freie Fahrt für freie Bürger“. Wir kleben an der täglichen großen Fleischportion und am uralten Slogan: „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“. Wir sind selbstverständlich für den Kohleausstieg, kleben aber am Uraltbeschluss, dass Lützerath weggebaggert werden darf. Wir sind eigentlich für den Atomausstieg, haben jetzt aber Angst, dass irgendwann irgendwo vielleicht für ein paar Minuten der Strom ausfallen könnte.

Kampf der letzten Generation: Verkehrsminister Wissing als Geisterfahrer im Klimaschutz

Die FDP klebte bei der Bundestagswahl zwar das Wahlplakat: „Nie gab es mehr zu tun“. FDP-Verkehrsminister Wissing klebt stattdessen vor allem am Stau und betätigt sich als Geisterfahrer im Klimaschutz. Im Frühjahr weigerte er sich, die nach dem Klimaschutzgesetz vorgeschriebenen Maßnahmen zur Einhaltung der Sektorziele vorzulegen, obwohl gerade der Verkehr seit Jahren viel zu hohe CO2-Emissionen aufweist. Hinzu kommen die von Wissing verantworteten langen Verzögerungen bei der Reform der Straßenverkehrsordnung und bei dem Gesetz zur Beschleunigung von Infrastrukturvorhaben (wie Windkraftanlagen).

Stattdessen kleben wir an den fossilen Energien und lassen zu, dass auf der Klimakonferenz von den Energie-Multis so viele Neuexplorationen von Gas und Öl angekündigt werden, dass allein damit das 1,5-Grad-Limit überschritten wird. Auch außerhalb des Energiesektors kleben viele Großunternehmen an ihren alten Produkten und Prozessen. Sie übertünchen das durch irreführende, falsche Werbung, schon heute oder demnächst klimaneutral zu sein. Da kann man nur sagen: Die vielen Millionen Kleber sind wirklich die allerletzte Generation. (Rainer Grießhammer)

Zum Autor

Professor Dr. Rainer Grießhammer ist Vorstand der Stiftung Zukunftserbe. Er war viele Jahre Geschäftsführer des Öko-Instituts und ist Bestseller-Autor.

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