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Will sich für ihren großen Körper nicht schämen: die Fat- Acceptance-Aktivistin Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum.
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Will sich für ihren großen Körper nicht schämen: die Fat- Acceptance-Aktivistin Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum.

Körper

Dicke Schönheiten

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
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Die „Body Positivity“-Bewegung will Menschen bestärken, sich in ihren Körpern wohl zu fühlen – unabhängig von gängigen Normen.

Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum ist es leid, von fremden Leuten beim Essen angestarrt zu werden, sie hat keinen Bock mehr auf Kommentare über ihr Aussehen, ihren Lebensstil. Die Offenbacherin ist dick – „mehrgewichtig“, wie sie auch sagt, weil sie den Begriff „übergewichtig“ abwertend findet. „Warum der Drang, dicke Körper zu kommentieren und zu bewerten?“, fragt sie.

Als eine Freundin sie mal beim Reibekuchenessen fotografierte, entstand ein Bild, das eine Frau zeigt, die einfach nur genießt. „Precious“, also „wertvoll“ sei dieser Moment, schreibt Nkwendja-Ngnoubamdjum unter @nkweeny dazu auf dem Fotoportal Instagram. Denn als dicke Frau öffentlich Essen zu genießen, sei nicht selbstverständlich.

Die 32-Jährige wird als Schwarze, dicke Frau gleich mehrfach marginalisiert. Menschen wie sie starteten in den 60ern die Fat-Acceptance-Bewegung. Heute ist es oft der Begriff „Body Positivity“, mit dem Aktivist:innen einfordern, dass jeder Körper ein bedingungsloses Existenzrecht hat. Nkwendja-Ngnoubamdjum bezeichnet sich als „Schwarze Fett-Aktivistin“, gibt Workshops, schreibt und spricht mit intersektionaler Perspektive – sie hat also vorhandene Mehrfachdiskriminierungen im Blick.

Im Internet ist der Begriff „Body Positivity“ zum Trend geworden. Alleine auf Instagram finden sich darunter Millionen Einträge. Viele der Fotos sind von Frauen, deren Körper dick sind. Manche sind auch sehr dünn. Manchmal sind auch Männer zu sehen. Doch immer wieder mischen sich auch Fotos von normschönen, schlanken Frauen darunter.

Der Begriff „Body Positivity“ sei mittlerweile „verwässert“, sagt Nkwendja-Ngnoubamdjum. „Body Positive zu sein“ bedeute für sie mehr als „nur“ einen dicken Frauenkörper als normal zu akzeptieren. Body Positivity bedeute zwar, sich „klar gegen Gewichtsdiskriminierung“ zu positionieren – doch man müsse dabei auch Themen wie Rassismus oder die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung mitdenken. „Body Positive zu sein, bedeutet auch, feministisch zu sein und patriarchalen Strukturen die Kante zu zeigen“, findet Nkwendja-Ngnoubamdjum.

„Wir müssen es zur Normalität machen, Frauen jeder Größe in den Medien zu sehen“, lautet indes ein Zitat der Berliner Körperaktivistin Charlotte Kuhrt. 180 000 Leute folgen ihr unter @charlottekuhrt auf Instagram. Postet die 29-Jährige ein Bild in Unterwäsche, Größe 48, klicken Tausende auf „gefällt mir“.

Ist das Thema jetzt also Mainstream? Nkwendja-Ngnoubamdjum findet: nein. Die Gesellschaft sei weiterhin „fettfeindlich“. Umfragen bestätigen das. So kam eine Studie der DAK 2016 zu dem Schluss, dass 71 Prozent der Deutschen Menschen mit sehr großen Körpern unästhetisch finden. Jede achte Person gab an, Kontakt mit ihnen zu vermeiden.

Eine YouGov-Umfrage aus 2019 ergab andererseits, dass eine Mehrheit ihren Körper verändern möchte – oft durch Abnehmen. Und ein Forschungsteam der Uni Bielefeld fand 2012 heraus, dass sich die Hälfte der 15-jährigen Mädchen in Deutschland und ein Drittel der Jungs als zu dick empfinden – selbst wenn sie nach medizinischen Maßstäben gar nicht in diese Kategorie fallen.

Sophie Schwarz ist Yogalehrerin – und inspiriert auf Instagram Tausende.

Sophie Schwarz kennt das. Auch sie war unzufrieden mit ihrem dicken Körper. Am Telefon erzählt die 30-Jährige, wie schwierig es gewesen sei, mit einer Sendung wie „Germany’s Next Topmodel“ klarzukommen – eine Show, die nur Schlanke zeigt: „Ich sehe mich noch als 14-Jährige in meinem Zimmer sitzen und erinnere mich, dass es mir gar nicht gutgetan hat, so etwas zu sehen.“ Gerade bei Mädchen trügen geltende Schönheitsideale zu psychischen Problemen bei – die gar zu Essstörungen führen können. Schwarz hat über die Jahre durch positive Erfahrungen Selbstvertrauen gewonnen und gelernt, ihren Körper gern zu haben. Heute ist sie Yogalehrerin – und inspiriert unter @sophies_safespace auf Instagram, wo ihr im Vierfüßlerstand auch mal das Fett vom Bauch runterhängt, Tausende. „Ich würde mich selbst gar nicht als Aktivistin bezeichnen“, erzählt die Wahlberlinerin und fügt lachend hinzu: „Ich bin einfach nur dick und mache Yoga!“

Sie bewege sich aus Freude und nicht, weil sie abnehmen wolle. Dick zu sein, bedeute nicht automatisch, ungesund zu leben.

Sie erhalte auch negative Kommentare. Warum sie trotz Sport nicht abnehme etwa. Aber vor allem komme „sehr viel Zuspruch“. So habe ihr neulich eine dicke Yogaschülerin anvertraut, dass sich ihr Körpergefühl verändert und sie erstmals seit langem wieder mit ihrem Partner geschlafen habe. „Schau auf dich“, ist Schwarz‘ Losung. Bei einigen scheint es zu funktionieren.

„Im Endeffekt ist es traurig, dass meine Arbeit so viel Aufmerksamkeit bekommt“, sagt sie. Es gebe noch viel zu tun. Mit den Sehgewohnheiten gehe es los. Und zumindest auf Instagram lasse sich ja frei entscheiden, wem man folge – und wem nicht.

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