Den Dialog bringt der Teufel

Die Ungläubigen predigen Toleranz - doch mit dem Gott der Frommen ist nicht zu diskutieren

Von Norbert Bolz

Die Aufhebung des Religionsprivilegs und das Verbot des Kölner Kalifats beleuchten ein Grundproblem der modernen Gesellschaft mit dem hellen Licht der Tagesaktualität: Wie verhält sich eine aufgeklärte Kultur der Toleranz angesichts religiöser Intoleranz?

Wenn etwa das Reich Gottes gepredigt wird, dann kann der moderne Staat das tolerieren, solange es irgendwie metaphorisch, also spirituell und innerlich gemeint ist - nicht aber als Aufruf zur politischen Theokratie. Der säkulare Staat kann den Gläubigen also nicht in seinem Glauben ernst nehmen. Wie in anderen Lebensbereichen auch, wird die Forderung nach Gleichheit vom Staat in Form von Gleichgültigkeit erfüllt.

Unter Soziologen ist es seit Max Weber unstrittig, dass sich das spezifisch Moderne unserer Gesellschaft darin zeigt, dass die einzelnen Wertsphären (wie etwa Wirtschaft, Politik, Kunst und eben auch Religion) ausdifferenziert sind, das heißt dass sie autonom operieren und einer je eigenen Logik folgen. Das ist nicht für jedes System ein Glück. Ausdifferenzierung heißt nämlich für die Religion Säkularisierung. Und deshalb ist die Religion unglücklich über ihre Systemautonomie. Mit anderen Worten: Religion ist das soziale System, das eigentlich nicht anerkennen kann, nur ein soziales System unter anderen zu sein. Jede Religion, die sich noch ernst nimmt, beansprucht nämlich, einen privilegierten Zugang zur Wahrheit zu haben.

Und diesen Anspruch kann der Staat natürlich nicht anerkennen. Deshalb wäre es sinnvoll, im Blick auf die gesellschaftliche Stellung der Religion Toleranz von Respekt zu unterscheiden. Toleranz nimmt die anderen nicht ernst. Stanley Fish spricht in diesem Zusammenhang von Boutique-Multikulturalismus; der reicht vom Palästinenserschal über den Urlaub in Nepal bis zu fernöstlichen Managerweisheiten. Und wenn man diese eminent moderne Haltung des Boutique-Multikulturalismus auf die eigene religiöse Überlieferung anwendet, dann resultiert die sogenannte Zivilreligion. Das heißt im Klartext: Man glaubt zwar nicht an einen Gott, aber man schätzt die verhaltenssichernde Kraft der Rituale - etwa bei der Taufe, bei der Beerdigung und an Weihnachten. Oder man beschwört christliche Werte, wenn man politisch nicht mehr weiter weiß.

Zwischen Toleranz und Respekt

Mit dieser Form der Toleranz kann sich eine Religion, die sich ernst nimmt, nicht begnügen. Sie fordert Anerkennung und Respekt. Respekt kann aber gerade auch darin bestehen, die andere Auffassung zu bekämpfen - man denke etwa an zwangsverschleierte Frauen, abgehackte Diebeshände und Salman Rushdie. Wir können das Andere nur anerkennen, wenn wir unserer Toleranz eine Grenze setzen. Die politische Frage lautet dann konkret: Verläuft diese Grenze bei Schill oder bei Schily? Und das ist eine durch und durch pragmatische Frage - Prinzipien helfen hier nicht weiter.

Religion, die es ernst meint, ist nicht tolerant. Deshalb kann sie von der Religion der Toleranz, dem Liberalismus also, nicht toleriert werden. Man sollte sich hier nicht von der humanistischen Seminarerfahrung der Religionswissenschaftler und der politischen Korrektheit der Politiker irreführen lassen, die uns heute unisono einreden wollen, der Islam sei eine Religion des Friedens. Eine Religion predigt Toleranz, solange und wo sie nicht an der Macht ist. Und umgekehrt ist Macht immer ein Maß dafür, wie weit man sich nicht anpassen muss.

Für die Muslime ist der Koran das Wort Gottes. Dagegen heißt Aufklärung, die heilige Schrift als Literatur zu lesen. Der Gott der Frommen ist immer einwertig - man kann nicht mit ihm diskutieren. Gott sprach - aber erst mit dem Teufel kommt dann Dialog in den Logos. Damit ist aber der Dialog, dieses Lieblingskind der Liberalen, des Teufels. So heißt es bei Adolf von Harnack sehr schön: "Man tritt in das Schema des Gegners über, wenn man stückweise seinen Thesen andere entgegensetzt!"

Wenn der Dialog beginnt, hat der Liberalismus schon gewonnen. Und dafür haben die Frommen ein untrügliches Gespür. Es ist deshalb absurd, sich irgendeinen politischen Fortschritt vom Dialog der Religionen zu versprechen. Wenn sich die Fundamentalisten auf einen Dialog einlassen würden, gäbe es gar keinen Grund mehr für einen Dialog.

Fundamentalistische Bewegungen sind für die demokratische Politik ein Skandal und für den Liberalismus ein Ärgernis. Hatte der Prozess der Modernisierung das religiöse Bedürfnis nicht erfolgreich in den Hobbykeller der je eigenen Innerlichkeit zurückgedrängt? Vielleicht müssten wir heute umgekehrt fragen, was wir von der Rache Gottes über unsere moderne Gesellschaft lernen können. Deren Grundparadoxie ist die Notwendigkeit der Kontingenz. Und auf diese einzige Notwendigkeit der modernen Welt, nämlich dass alles auch anders möglich wäre, kann man sich nicht einstellen. Deshalb dominieren heute Begriffe wie Unbestimmtheit, Ungewissheit und Unübersichtlichkeit.

Das stolze Selbstbewusstsein der Moderne bestand nun genau darin, diese Kontingenz als Stimulans (Hans Blumenberg) einer resolut technischen Welteinstellung zu rezipieren. Doch von Anfang an lag darauf der Schatten des Unbehagens derer, die das Ganze nur als das Unwahre erleben konnten - vom Fluch der Kontingenz spricht Adorno einmal in aller wünschenswerten Klarheit.

Das klingt sehr abstrakt, markiert aber exakt das Zentrum unseres Problems: Kontingenz als Stimulans oder als Fluch? Setzt man auf Heilsgewissheit, oder arrangiert man sich mit der Ungewissheit als der Erwartung des Unerwarteten? Auch der Fundamentalismus ist ja eine Antwort auf die Herausforderung prinzipieller Unsicherheit. Diese Unsicherheit kann man absorbieren, indem man sie personalisiert - nämlich als Feind. Die Weltreligion des Antiamerikanismus ist dafür das aktuellste und eindrucksvollste Beispiel.

Der Ruf nach Werten

Natürlich sind Osama bin Laden und der Kalif von Köln Fanatiker. Aber es ist nicht die Vernunft selbst, die uns heißt, sie aus unserer Gesellschaft auszuschließen. Hier steht nicht Rationalität gegen Irrationalität. Seit Max Webers religionssoziologischen Untersuchungen könnte man vielmehr wissen, dass der Kampf der Kulturen im Kern ein Konflikt von Rationalitäten ist. Und jede Rationalität operiert als Ausschlussmechanismus. Deshalb können die Intelligenten unter den Frommen die Beweislast leicht umkehren und den säkularen Geistern zeigen, dass sie den Gott der Vernunft beziehungsweise der Diskussion anbeten. Besonders leichtes Spiel haben sie dabei mit den Atheisten, die eben an den Unglauben glauben. Man denkt mit dem, was man glaubt - dieses Bewusstsein haben die Intelligenten unter dem Frommen den aufgeklärten Universalisten voraus. Mit anderen Worten: Der Glaube, der uns hat, ist der blinde Fleck unseres Denkens.

Das hat nun eine für die Utopie eines Dialogs der Religionen vernichtende Konsequenz: Ein Universalist und Multikulturalist kann einem Frommen keine zwingenden Gründe nennen. Denn um die Gründe als zwingend zu erfahren, dürfte er kein Frommer mehr sein. Deshalb sind Fundamentalisten und Universalisten heillos ineinander verklammert. Um diese Blockade zu lockern, müsste man die Alternative zurückweisen. Der entscheidende Schritt dazu läge in der Erkenntnis, dass unsere kulturelle Lage durch einen Wiedereintritt der Unterscheidung Tradition/Moderne ins Unterschiedene geprägt ist: Wir verstehen uns, erstens, aus der Tradition der Moderne und sind auf die einzigartigen Errungenschaften des okzidentalen Rationalismus stolz. Zweitens sind wir mit der Modernität des Traditionalismus konfrontiert, die den Fundamentalismus als Intellektuellenbewegung ausweist.

Nur wer das nicht sieht oder sehen will, wird die Herausforderung der westlichen Welt durch den Islamismus als eine geistige missverstehen. Diese Perspektive legt dann natürlich nahe, der Westen möge sich wieder auf seine Werte besinnen. Der Ruf nach Werten zielt eigentlich auf die Unentrinnbarkeit eines Dogmas. Doch wer derart über einen Werteverlust jammert, verkennt den spezifischen Werteverzicht der modernen Gesellschaft. Dass sie nicht mehr zu bieten hat als formale Demokratie, Liberalismus und soziale Marktwirtschaft, ist gerade das Geheimnis ihrer Stärke.

Aber es ist eben nicht die Vernunft, die uns diese Minimalwerte diktiert hat; sie sind vielmehr das unwahrscheinliche, erstaunliche Resultat der Geschichte abendländischer Rationalität, das wir uns nicht ernsthaft anders wünschen können. Andere können darin nur Kapitalismus oder Gottlosigkeit sehen und stoßen uns mit ihrer Militanz in jenen Wertekonflikt der Toleranz. Man darf gespannt sein, wie unsere Gesellschaft sich nun verhält. Sicher ist nur, dass man einen Wertekonflikt nicht mit übergeordneten Werten lösen kann - sondern eben nur politisch. Und damit sind wir wieder bei Schily.

Norbert Bolz ist Professor für Kommunikationstheorie an der Universität Essen.

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