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Deutschlands Schulleitungen schlagen Alarm

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Von: Peter Hanack

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Aufgepasst, Unterricht! In vielen Schulen sind Lehrkräfte überstrapaziert, vor allem dort, wo die soziale Lage ohnehin schwierig ist.
Aufgepasst, Unterricht! In vielen Schulen sind Lehrkräfte überstrapaziert, vor allem dort, wo die soziale Lage ohnehin schwierig ist. © obs

Das Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung zeigt: Es fehlt vor allem an Lehrkräften. Darunter leiden vor allem Kinder und Jugendliche, die schon benachteiligt sind.

Deutschlands Schulen leiden massiv unter einem Mangel an Lehrkräften und anderem pädagogischen Personal. Das hat Folgen – vor allem für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Verhältnissen. Diese geraten immer weiter ins Hintertreffen. Und Besserung ist kaum in Sicht.

Die Lage der Schulen wurde selten so düster gezeichnet wie in dem an diesem Mittwoch veröffentlichten Deutschen Schulbarometer der Robert-Bosch-Stiftung. Die repräsentative Umfrage unter Schulleitungen macht deutlich: Die Lernrückstände bei Schülern und Schülerinnen in Folge der Corona-Beschränkungen sind nach wie vor groß, das bundesweite Aufholprogramm hat seine Ziele offenbar weitgehend verfehlt.

Digitalisierung und Bürokratie

Digitalisierung und zunehmende Bürokratie machten Lehrkräften ebenso wie den Schulleitungen schwer zu schaffen. Gleichzeitig steige beispielsweise der Bedarf für Deutschförderung bei neu hierhergekommenen Schüler:innen, heißt es im Schulbarometer. Vor allem in den Grundschulen fehle es an Ressourcen. Rund die Hälfte der Schulen gibt an, keine weiteren Geflüchteten aufnehmen zu können. All das fällt mit einem massiven Mangel an Lehrpersonal und pädagogischen Fachkräften.

So benannten zwei Drittel der Befragten diesen Personalmangel als ihr größtes Problem. Bei Schulen in einem schwierigen sozialen Umfeld waren es sogar 80 Prozent. „Dieser Mangel dominiert in weiten Teilen den Schulalltag“, sagte Dagmar Wolf, die in der Stiftung den Bereich Bildung leitet. Neben Lehrkräften fehlten auch Sozialpädagog:innen oder Schulpsycholog:innen.

Dramatisch auch die Zahlen zu den Lernrückständen. Bei mehr als einem Drittel der Schülerschaft seien diese „deutlich“. Besonders gravierend: Bei Kindern, deren Eltern staatliche Transferleistungen wie Bürgergeld erhalten, liegt der Anteil laut Umfrage sogar doppelt so hoch.

„Lage nicht verbessert“

„Die Lage hat sich seit unserer letzten Erhebung im Herbst nicht verbessert“, so Wolf. Auch ein Bundesprogramm, das helfen soll, coronabedingte Defizite aufzuholen, habe in weiten Teilen „so gut wie überhaupt keinen Effekt gehabt“. Nur etwa in einem Drittel der Fälle sei es gelungen, die Lernrückstände deutlich zu verringern.

„Wir gehen in den Schulen am Stock“, berichtete Thilo Engelhardt, Leiter der Waldparkschule in Heidelberg, die auch Trägerin des Deutschen Schulpreises 2017 ist. Falle eine Lehrkraft aus, gebe es keinen Ersatz. Aufgaben wie das Erstellen von Statistiken etwa zu den Ergebnissen von Bundesjugendspielen, deren Nutzen zweifelhaft sei, binde viele Kräfte. „Wir kommen oft kaum noch zu unserem Kerngeschäft, der pädagogischen Arbeit“, so Engelhardt.

Kein Platz für Geflüchtete

Gerade bei der Beschulung von neu zugewanderten oder geflüchteten Schülern und Schülerinnen sehen die Schulleitungen große Defizite. Die dafür vorhandenen finanziellen Mittel genügten ebenso wenig wie das dafür vorgesehene Personal. Das gaben insgesamt rund 90 Prozent der Befragten an. Verschärfend komme hinzu, dass Geflüchtete und Zugewanderte überwiegend Schulen besuchten, die aufgrund ihrer schwierigen sozialen Lage ohnehin den gestellten pädagogischen Anforderungen kaum noch gerecht werden können.

Falk Radisch, Professor für Schulpädagogik an der Universität Rostock, geht nicht davon aus, dass der Personalmangel in „absehbarer Zeit“ behebbar ist. Kurzfristig sei es nötig, Quereinsteiger:innen aus anderen Berufen für die pädagogische Arbeit möglichst gut zu qualifizieren. Bislang gebe es dabei in den Bundesländern höchst unterschiedliche Standards. Langfristig müsse an der Attraktivität des Berufsfeld gearbeitet und die Ausbildung neuer Lehrkräfte reformiert werden.

Sozialindex ausbauen

Mehrere Bundesländer weisen Schulen in schwierigen Lagen zusätzliche Mittel gemäß einem Sozialindex zu. Dies müsse weiter ausgebaut werden, forderten Radisch und Wolf. Auch sollten Lehrkräfte und Schulleitungen von administrativen Aufgaben entlastet werden. „So manche Datenerhebung, die aktuell gefordert wird, ist sicher ebenfalls verzichtbar“, sagte Wolf.

Der renommierte Bildungsforscher Klaus Klemm hatte Anfang vergangenen Jahres im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) den Lehrkräftebedarf für Deutschland ermittelt. Der Mangel betreffe nicht nur den regulären Unterricht, gefährdet seien auch Vorhaben wie Inklusion oder der Ausbau von Ganztagsangeboten, mahnte Klemm.

Seinen Erhebungen nach müssten in Deutschland bis 2030 rund 363 000 neue Lehrkräfte eingestellt werden. Diese seien nötig, um ausscheidende Pädagog:innen zu ersetzen und der um rund acht Prozent steigenden Zahl von Schüler:innen gerecht zu werden. Tatsächlich zur Verfügung stünden bis dahin nur 286 000 neue Lehrerinnen und Lehrer. Die daraus resultierende Lücke ist riesig, es fehlen rund 80 000 Lehrkräfte.

Das Deutsche Schulbarometer ist zu finden unter: www.bosch-stiftung.de

Die größten Herausforderungen, wie sie Deutschlands Schulleitungen sehen
Die größten Herausforderungen, wie sie Deutschlands Schulleitungen sehen, © Frankfurter Rundschau

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