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Deutschlands Kohlehunger

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Von: Klaus Ehringfeld

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Die Energiekrise in Europa könnte den Ausbau der Erneuerbaren in Kolumbien verzögern. Das kommt für die neue, betont grüne Regierung zur absoluten Unzeit.

Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine bringt auch die Politik im fernen Kolumbien durcheinander. Auf der Suche nach Alternativen für die russischen Energieträger schauen europäische Staaten und vor allem Deutschland besonders genau in das südamerikanische Land. Kolumbien gehört weltweit zu den zehn größten Exporteuren von Steinkohle. Und Deutschland ist ein eifriger Abnehmer. Vergangenes Jahr deckte die Bundesrepublik dort 5,5 Prozent ihrer Importe. Und in diesem Jahr steigen die deutschen Einkäufe deutlich an.

Aber der künftige Präsident Gustavo Petro, der am Sonntag sein Amt antritt, will die Abhängigkeit der Wirtschaft von fossilen Brennstoffen deutlich verringern. Das war ein zentrales Wahlkampfversprechen. „Wir müssen die Wirtschaft dekarbonisieren“, unterstrich Petro immer wieder. Das heißt, die erste links-grüne Regierung in der Geschichte Kolumbiens will sich perspektivisch auch von der Kohleförderung verabschieden, dem zweitgrößten Devisenbringer nach dem Erdöl. Der Abbau des schwarzen Gesteins macht etwa 14 Prozent der Exporte Kolumbiens aus. Zudem hängen 130 000 Arbeitsplätze am Kohleabbau.

„Die Energiewende wird schrittweise erfolgen, der Staat wird Kohle aufkaufen. Und die Bergleute werden in neuen Energien ausgebildet“, erklärt die künftige Umweltministerin Susana Muhamad. Die Einnahmen durch den Extraktivismus sollen künftig durch mehr Landwirtschaft und Tourismus ersetzt werden.

Doch Europas Energienot bringt diese ambitionierte Umweltagenda nun durcheinander und die künftige Regierung in eine ethische und ökonomische Zwickmühle. Besonders Deutschland macht Druck. Wurden im ganzen vergangenen Jahr 1,78 Millionen Tonnen aus Kolumbien bezogen, stiegen die Importe im ersten Quartal 2022 laut Statistischem Bundesamt schon auf 687.842 Tonnen. Damit kam mehr Kohle aus Kolumbien als aus Australien und den USA.

Scholz bat um mehr Kohle

Nach Worten der Bundestagsabgeordneten Kathrin Henneberger (Grüne) ist das schon eine unmittelbare Folge des Ukraine-Krieges. Gleich nach Beginn der Invasion hätten sich große deutsche Stromkonzerne wie ENBW, Steag, RWE und auch Uniper nach Alternativen zur russischen Kohle umgeschaut und seien dabei auf Kolumbien gekommen, sagt Henneberger, die im Bundestags-Ausschuss für Klimaschutz und Energie sitzt und sich vergangene Woche vor Ort in Südamerika ein Bild von der Situation machte.

Bundeskanzler Olaf Scholz bat die scheidende Regierung von Präsident Iván Duque bereits im April darum, noch mehr Kohle zu liefern. Duque hinterlässt das Problem seinem Nachfolger. „Da wird Druck aufgebaut, der deutschen Unternehmen die Tür öffnen soll“, kritisiert Henneberger den Kanzler-Anruf und spricht von „neuem kolonialem Verhalten“. „Wir brauchen aber keinen Ausbau der Kohleimporte, sondern eine gemeinsame Exit-Strategie mit Kolumbien.“

Das bekräftigte Henneberger auch in einem Gespräch mit der künftigen Umweltministerin Muhamad. Diese habe noch einmal versichert, dass Kolumbien trotz der globalen Energiekrise am Umbau der Wirtschaftspolitik festhalte und keine neuen Lizenzen für den Kohleabbau vergeben werde. Die künftige Ministerin habe das Interesse geäußert, gemeinsam mit Deutschland einen Weg für den Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen zu entwickeln, sagte Henneberger.

Langfristige Folgen

Die Importe Deutschlands aus Kolumbien seien seit 2018 deutlich zurückgegangen, unterstreicht die Grünen-Abgeordnete. Ein Grund: Die Förderung in der Mine „El Cerrejón“, dem größten Tagebau Lateinamerikas, ist seit Jahren hochumstritten. Das Bergwerk liegt im nördlichen Departement La Guajira auf dem Territorium der Wayuu-Indigenen, die Vertreibung, Einschüchterung und das Versiegen ihrer Flüsse in einer der ohnehin ärmsten Regionen beklagen. Die künftige Vizepräsidentin Francia Márquez kritisierte schon im Februar über den Kurznachrichtendienst Twitter: „In La Guajira befindet sich die größte Kohlemine Kolumbiens, und in diesem Departement sterben Kinder an Hunger. Ist das Entwicklung?“. Noch hat sich die neue kolumbianische Regierung nicht zu dem europäischen Energiewunsch positioniert. Zeigt sich Kolumbien solidarisch mit Europa, werden die eigenen Umweltziele geopfert. Allerdings brächten mehr Importe auch mehr Geld, das die Regierung dringend für die geplanten Sozialprogramme und letztlich auch den Energieumbau braucht.

„Eine für Deutschland kurzfristige Lösung der Energiekrise durch zusätzliche Kohleimporte aus Kolumbien könnte hier langfristige Auswirkungen haben“, warnt aber Florian Huber, Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Bogotá. „Es könnte die Anstrengungen für die Energiewende zurückwerfen.“ Insbesondere die Schließung von Minen sowie politische Entscheidungen zur Renaturierung könnten sich so weiter hinauszögern.

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