Eine von wenigen Schwarzen, die in der öffentlichen Debatte sichtbar sind: Aminata Touré, Grünen-Abgeordnete und Vizepräsidentin des Landtags in Schleswig-Holstein.
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Eine von wenigen Schwarzen, die in der öffentlichen Debatte sichtbar sind: Aminata Touré, Grünen-Abgeordnete und Vizepräsidentin des Landtags in Schleswig-Holstein.

Kaum schwarze Politiker:innen

People of Color in Politik unterrepräsentiert: „Deutschlands Führungsriege ist weiß. 100 Prozent“

  • vonClara Gehrunger
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Daniel Gyamerah von „Citizens For Europe“ über Rassismus und die Frage, warum People of Color in der Politik unterrepräsentiert sind.

  • Rassismus ist in der Politik in Deutschland noch immer kein zentrales Thema
  • Im Interview spricht Daniel Gyamerah von „Citizens For Europe“ über Rassismus
  • Er sagt: „Deutschlands Führungsriege ist weiß. 100 Prozent“

Herr Gyamerah, wie steht es um die Beteiligung Schwarzer Menschen in der Politik?

Ich würde gerne mit einem Bild anfangen. Vielleicht erinnern Sie sich an das letzte Foto des Kabinetts von Angela Merkel oder auch an das Foto, wo Innenminister Seehofer mit seiner Führungsriege vor der Pressewand sitzt. Bei dem einen von Horst Seehofer gab es einen Aufschrei: „Oh mein Gott, man sieht keine Frau.“ Wir haben aber noch nicht den Zustand erreicht, wo ein ähnlicher Effekt kommt, weil nur weiße Menschen auf dem Foto sind. Das ist leider im Bereich der Bundespolitik wie auch in vielen Landesregierungen der Fall, dass die komplette Führungsriege weiß ist. 100 Prozent.

Also kein Spiegelbild der Gesellschaft.

Deutschland ist ein Land mit einer sehr, sehr großen Bevölkerung, die nicht weiß ist. Statistisch kann man nur näherungsweise herankommen mit dem sogenannten Migrationshintergrund. Aber dieser erfasst bei Schwarzen Menschen nicht die ganze Community. Es ist ja immer nur die erste und zweite Generation, hier leben aber Schwarze Menschen seit über 400 Jahren. Das gilt zum Beispiel auch für Sinti und Roma, die auch seit Hunderten von Jahren hier leben. Und nicht am Entscheidungstisch repräsentiert sind.

Daniel Gyamerah, 34, erhebt als Bereichsleiter des Berliner Thinktanks Citizens For Europe Daten zu Gleichstellung und Antidiskriminierung und ist Vorstandsmitglied des Vereins Each One Teach One.

Woran liegt das?

Ich würde sagen, dass es bis jetzt keine Partei gibt, die strukturellen Rassismus und strukturelle Barrieren für nichtweiße Menschen innerhalb ihrer Parteien als ein zentrales, prioritäres Thema auf die Agenda gesetzt hat. Es wurde als legitim anerkannt und auch als Teil des gesellschaftlichen Diskurses, dass weiße Menschen über Integration von vermeintlichen Ausländerinnen und Ausländern sprechen und urteilen. Dass das Ganze nur unter der Überschrift „Fordern und fördern“ verhandelt wird. Nicht unter der Perspektive, dass es gleichberechtigte, wichtige Stimmen von Menschen aus dieser Gesellschaft sind, die mit über die Zukunft unseres Landes entscheiden sollten. Das fehlt mir bis jetzt total.

„Rassismus noch nicht als strukturelles, allgegenwärtiges Problem anerkannt“

Ein paar Schwarze Stimmen gibt es in den deutschen Parlamenten.

Bis jetzt gibt es zwei Schwarze PolitikerInnen, die in der öffentlichen Debatte sichtbar repräsentiert sind und immer wieder auch interviewt werden. Das sind Karamba Diaby von der SPD-Fraktion im Bundestag und Aminata Touré, die Vizepräsidentin des Landtags in Schleswig-Holstein. Darüber hinaus gibt es einige weitere, zum Beispiel von den Grünen im Europaparlament, da hat es letztens Pierrette Herzberger-Fofana geschafft, einen Sitz zu erkämpfen.

Was ist mit der Gesellschaft?

Wenn ich wahrnehme, wie in der Bevölkerung, Parteien und anderen Bereichen Menschen argumentieren, dann habe ich den Eindruck, dass die dahinterliegende Auseinandersetzung oft ist: Was ist eigentlich Rassismus? Das fängt schon bei der Definition an, dass jahrelang Rassismus immer als intentionale, individuelle Diskriminierung abgetan wurde. Ein breiteres Verständnis von Diskriminierung haben wir bis jetzt nur im Bereich sexistische Diskriminierung erlangt. Aber auch hier werden Schwarze Frauen und Frauen of Colour meistens nicht mitgedacht. Im Bereich rassistische Diskriminierung sehen wir jetzt gerade, dass der Diskurs ein bisschen vorangeht, aber eben noch nicht gelungen ist, dass der Diskussion ein menschenrechtliches, strukturelles Rassismusverständnis zugrunde liegt. Dabei gibt es dazu eine Menschenrechtskonvention, in der klar definiert ist: Ob Rassismus vorliegt, hängt nicht von der Intention, sondern vom diskriminierenden Effekt ab. Das ist, glaube ich, ein zentrales Problem: dass Rassismus noch nicht als strukturelles, allgegenwärtiges Problem anerkannt wurde und wird.

Sie sagen, dass Sexismus und Rassismus ähnlich funktionieren.

Beides sind strukturelle Ausschließungsmechanismen. Wenn man sagt, man hat keine Ahnung von Rassismus, was ich nachvollziehen kann, weil es in den Schulbüchern nicht gelehrt wird, weil es an Universitäten nicht gelehrt wird, weil es nicht auf der Agenda ist, dann sagen wir immer: „Aber wir haben doch schon seit Jahrzehnten den Diskurs zu Geschlechtervielfalt, was fällt Ihnen dazu ein, was hilfreich ist, und was nicht?“ Wenn nicht konkret etwas getan wird für Geschlechtergerechtigkeit, dann bringt auch der tollste Diskurs nichts dazu, weil dann immer noch die Entscheidungen durch Männer getroffen werden. Das ist ein Beispiel, was man 1:1 auf die Erfahrung von rassistisch Diskriminierten übertragen kann.

Ich habe in den letzten sechs Wochen mehr Presseanfragen erhalten als bisher in meinem kompletten Leben. Das gilt nicht nur für mich, sondern für fast alle Schwarzen Menschen, die sichtbar sind zum Thema strukturelle Diskriminierung in Deutschland und dazu arbeiten. Jetzt ist die Frage in allen gesellschaftlichen Bereichen: Bleiben die Menschen, die nicht direkt negativ davon betroffen sind, an dem Thema mit dran? Selbstorganisationen von People of Colour und Schwarzen Menschen arbeiten seit Jahren darauf hin. Ich sehe die Medien klar in der Verantwortung, den Finger langfristig in die Wunde zu legen.

Thema Rassismus an den Universitäten? „Nicht einen einzigen Lehrstuhl zu Black Studies“

Wie hat die Politik reagiert?

Was jetzt passiert ist im Kontext der Debatte, ist, dass auf einmal sehr viele Parteien Konsultationen machen. Sowohl von der Regierungsfraktion als auch von der Opposition auf Bundes- und Landesebene. Die laden einen dann ein, und man soll erzählen, was sich ändern muss. Das haben wir gemacht. In anderen Kontexten gab es in der Vergangenheit immer wieder einen punktuellen Konsultationshype, wo man dann ganz schnell eingeladen wird und irgendwelche Sachen erzählen soll. Da ist in der Vergangenheit nicht viel drauf passiert.

Was hätte passieren sollen?

Im Anschluss an die rechtsextremen Morde in Hanau hat Merkel das Anti-Rassismus-Kabinett ins Leben gerufen. In der Vorbereitung der Dokumente der ersten Sitzung wurden Schwarze Menschen und antischwarzer Rassismus nicht einmal benannt. Die Erfahrung von antischwarzem Rassismus ist so marginalisiert, dass sie im höchsten Gremium auf Bundesebene, das dazu etwas machen soll, nicht einmal benannt wird.

Sie sehen aber auch Universitäten in der Pflicht.

Es gibt in Deutschland nicht einen einzigen Lehrstuhl zu Black Studies, antischwarzem Rassismus und Empowerment. In den USA gibt es ganze Traditional Black Colleges, in Großbritannien gibt es einen Studiengang zu Black Studies und hier nicht einen einzigen Lehrstuhl. Das muss sich ändern. Deshalb machen wir zur Zeit auch den Afrozensus. (Siehe untenstehende Infobox)

Afrozensus

In Deutschland leben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mehr als eine Million Menschen afrikanischer Herkunft. Die Daten basieren auf dem jährlich erhobenen Mikrozensus und beziehen sich auf Menschen, die laut Definition einen Migrationshintergrund haben. Einen Migrationshintergrund haben demnach Menschen, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil bei der Geburt nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.

Wie viele Schwarze , afrikanische und afrodiasporische Menschen insgesamt in Deutschland leben und wie deren Lebensrealität aussieht, geht aus den Daten nicht hervor. Aktuell findet deshalb die anonyme Onlinebefragung „Afrozensus“ statt, entwickelt von der Denkfabrik Citizens for Europe (CfE) und dem Verein Each One Teach One (EOTO) und finanziell gefördert von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Ziel des „Afrozensus“ ist es unter anderem, Einblicke in die Erfahrungen Schwarzer Menschen mit rassistischer Diskriminierung zu erhalten und Daten zur Vielfalt der Gesellschaft zu gewinnen. Daraus sollen einerseits konkrete Schritte zur Verbesserung des Angebots von CfE und EOTO, andererseits Forderungen etwa an die Politik entstehen. Die Teilnahme ist ab 16 Jahren unter afrozensus.de möglich. Bis spätestens Frühjahr 2021 sollen die Daten ausgewertet werden.

Rassismus: Warum „Migrationshintergrund“ ein umstrittener Begriff ist

Oft ist von Menschen mit Migrationshintergrund die Rede, aber das ist ein umstrittener Begriff. Warum?

Laut Bundesregierung gibt es in Deutschland mindestens vier Gruppen, die auf besondere Weise von rassistischer Diskriminierung betroffen sind. Schwarze Menschen, muslimische oder muslimisch markierte Menschen, Sinti und Roma und die jüdische Community. All diese Menschen haben zunehmend keinen Migrationshintergrund. Ein paar haben einen, so gesehen, dass die Definition auf sie zutrifft, andere eben nicht, weil sie beispielsweise in der dritten Generation sind.

Was heißt das konkret?

Solange wir eine Debatte haben, bei der es nicht möglich ist, rassistisch diskriminierte Menschen als eine vulnerable Gruppe wahrzunehmen und zu erfassen und auch als politisch wahrzunehmende Gruppe zu platzieren, werden wir keine nachhaltigen Lösungen zum Abbau rassistischer Diskriminierung formulieren und umsetzen können. Weil wir das Problem nicht spezifisch genug beschreiben. Wenn zum Beispiel Parteien jetzt die Zielgruppe repräsentieren wollen, dann müssen sie die Gruppen spezifisch benennen. Rassistisch diskriminierte Menschen. Nicht nur von Menschen mit Migrationshintergrund sprechen. Sie müssen People of Colour und Schwarze Menschen gezielt ansprechen und diese auf sichere Listenplätze setzen.

Interview: Clara Gehrunger

Unterdessen will die „Hof-Apotheke zum Mohren“ in Friedberg ihren Namen behalten. Dabei ist das M-Wort genauso rassistisch wie das N-Wort.

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