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Deutschland soll mäßigend auf Extremisten einwirken: Pakistaner verbrennen in Karatschi auch eine israelische Fahne.

Deutschlands Beziehungen zu Israel bleiben besonders

Die Bundesrepublik kann sich ihrer historischen Verantwortung nicht entziehen, was sie nicht hindert, bei der Schlichtung des Nahost-Konflikts zu helfen. Gegen ein im Herbst formuliertes Manifest deutscher Politologen gibt es jetzt Widerspruch aus Israel.

Von Dov Ben-Meir

Sehr geehrte Damen und Herrn,

ich habe mit großem Interesse Ihr Manifest, das am 15. November 2006 in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht wurde, gelesen und möchte Ihnen für die Offenheit und Aufrichtigkeit danken, mit der Sie Ihre Meinung zum Ausdruck gebracht haben.

Denn nur Offenheit und Aufrichtigkeit können eine intellektuelle und offene Diskussion der Probleme, die Sie ansprechen, ermöglichen.

Erlauben Sie mir bitte zunächst, einige in Ihrem Manifest enthaltene historische Ungenauigkeiten und Missverständnisse richtig zu stellen:

1)Ihre Einstellung zum israelisch-palästinensischen Konflikt ist zu meinem Bedauern zu simplifiziert: Es ist richtig, dass der Holocaust Völker und Staaten davon überzeugte, im Jahre 1947 für die Errichtung eines jüdischen Staates zu stimmen. Aber sie votierten auch gleichzeitig für die Errichtung eines arabisch-palästinensischen Staates. Die Palästinenser lehnten das Angebot ab und entschieden, uns mit Hilfe der ausgerüsteten Armeen der fünf arabischen Nachbarländer ins Meer zu treiben. Nun stellen Sie sich bitte vor, welches Idyll zwischen uns und den Palästinensern herrschen könnte, hätten sie die Resolution so wie David Ben-Gurion akzeptiert.

2)Das palästinensische Flüchtlingsproblem entstand hauptsächlich durch diesen Krieg. Anstatt die Flüchtlinge in den arabischen Ländern aufzunehmen oder ihnen einen Staat in der Westbank bzw. im Gazastreifen (beide Gebiete waren 19 Jahre!! unter jordanischer bzw. ägyptischer Herrschaft) zu errichten, wählte man, sie in Lager zu zwängen, um sie als politische Waffe gegen Israel zu benutzen und sie dort auf den kommenden militärischen Angriff auf Israel warten zu lassen.

3)Hieraus folgt, dass die anhaltend schwere Lage der Palästinenser nicht alleine aus dem Holocaust und der Einwanderung der jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland nach Palästina resultiert. Schließlich hat Westdeutschland nach dem Krieg ca. 15 Millionen deutsche Flüchtlinge, die aus Polen und dem Sudetenland vertrieben worden waren, aufgenommen. Bestand eine solche Verpflichtung nicht auch für arabische Staaten, die in Petrodollars schwammen und diese in europäischen Spielkasinos verschwendeten?

4)Obgleich Israel schon fast 60 Jahre existiert und als regionale Supermacht gilt und obwohl die palästinensische Bevölkerung andererseits keine Möglichkeit hat, Israel militärisch zu besiegen, ist die Mehrheit der Palästinenser heute genauso wenig wie vor 58 Jahren bereit, das Existenzrecht Israels im Nahen Osten anzuerkennen. Dies ist nicht nur der Standpunkt der Hamas, sondern jedes überzeugten Muslims, der in der Existenz Israels eine Beleidigung und eine Verletzung der heiligen Kontinuität des dem arabischen Volk gehörenden Bodens sieht.

5)Arafat wurde anlässlich seines Besuches in der Moschee von Johannisburg im Jahre 1994 gefragt (nach der Unterzeichnung der Osloer Abkommen), warum er die erklärte Haltung der muslimischen Welt, das Verbot, mit Israel Frieden zu schließen, verraten hat (diese Frage wurde ihm gestellt, weil sich die arabischen Staaten basierend auf dieser Ablehnung nach 1967 weigerten, ein Abkommen mit Israel zu unterzeichnen und sich für die berühmten drei Neins entschieden). Er antwortete (?), dass er nur das tat, was der Prophet Mohammed vor ihm tat. Wie bekannt ist, schloss Mohammed mit den Einwohnern Mekkas (?) einen zehnjährigen Frieden, den er nach drei Jahren, als er sich stark genug fühlte, brach. Alle Einwohner der Stadt wurden mit dem Schwert ermordet.

Arafat fügte auch hinzu, dass es die Pflicht jedes Muslims sei, Kompromisse einzugehen, wenn er schwach sei, dass er aber sein endgültiges Ziel nicht aufgeben dürfe, wenn der Tag der Rache käme.

6)Und deshalb: Wir fürchten uns! Wir fürchten uns sehr! Vor dem Hass, der nicht abgebaut werden kann (ich werde an dieser Stelle nicht auf dutzende von Versuchen eingehen, die wir unternahmen, um Frieden zu schließen und zurückgewiesen wurden); vor den Terror-Organisationen mit El Kaida an ihrer Spitze; vor der im Iran tickenden Zeitbombe, auf die einzugehen, Sie nicht bereit sind, und vor dem iranischen Präsidenten, der erklärt, dass er die Absicht hegt, ein Land, das UN-Mitglied ist, zu zerstören. Und Sie schweigen alle. Und wir fürchten uns, dass der islamische Fundamentalismus in Pakistan erstarken und Extremisten den Zugriff auf vorhandene Atomwaffen ermöglichen wird.

7)Und vor allem fühlen wir uns wieder isoliert, weil wir aus Erfahrung gelernt haben und wissen, dass die europäische "Objektivität" höchstens Protestentscheidungen in den Parlamenten sowie Protestschreiben, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben werden, erzeugen wird.

Wahrlich, meine gelehrten Freunde, das Problem hat nicht mit Hitler angefangen! Nicht er hat den deutschen Juden befohlen, den Judenstern zu tragen, ihm sind andere Deutsche zweihundert Jahre zuvorgekommen! Und nicht er war es, der Moses Mendelssohn anlässlich seines ersten Besuches in Berlin dazu zwang, die Stadt durch das Viehtor zu betreten ? und nicht Hitler war es, sondern der Komponist Wagner, der bereits im Jahr 1848 eine Schmähschrift über die Juden in der Musik schrieb.

Und so fürchten wir uns sehr vor dem neuen Erwachen des Antisemitismus, dessen Glut bereitsunter den Füßen der Juden in vielen europäischen Ländern und insbesondere in Deutschland zu spüren ist. Vergessen Sie nicht, dass hier die Rede von einem bösartigen Krebsgeschwür ist, das sich schon viele Jahrhunderte in das Fleisch Deutschlands frisst, das wiederkehren und sich so ausbreiten kann, dass es Ihre demokratische Existenz ein weiteres Mal bedroht.

8)Und was noch viel beunruhigender ist, ist die Tatsache, dass Sie als Ausgangspunkt Ihres Manifestes Deutschland wie ein demokratisches und erleuchtetes Land behandeln, dessen ganze antisemitische Vergangenheit (noch vor dem Holocaust) eigentlich nicht existierte; als ob die geleisteten Entschädigungszahlungen und die exklusive Auseinandersetzung mit der Holocaust-Epoche und nicht mit der chronischen Krankheit, die sich in der deutschen Öffentlichkeit einnistet, Deutschland heute von der Verpflichtung befreien würden, besondere Beziehungen mit dem jüdischen Staat zu unterhalten. Und deshalb ist Ihrer Meinung nach der Zeitpunkt gekommen, eine objektive Haltung im israelisch-palästinensischen Konflikt einzunehmen.

Jedoch fehlt die zweite Seite der Gleichung unserer Beziehungen: Ich meine hiermit, dass das jüdische Volk Deutschland die Rückkehr in die Völkergemeinschaft ermöglichte ,(?) indem es bereit war, nur acht Jahre nach dem Holocaust, einen Versöhnungsvertrag mit Ihnen zu unterzeichnen, geistige Größe bewies sowie die Fähigkeit zeigte, die Wunden der Vergangenheit zu überwinden. (Der jüdische Boykott Spaniens infolge der Judenvertreibung im Jahre 1492 dauerte fast 500 Jahre!)

Deshalb ist die Unterstützung, die Sie uns gewähren, nicht nur ein Tribut finanzieller Entschädigungszahlungen und politischer Unterstützung! Dies ist Ihre innere Schutzformel, dass Sie weiterhin ein demokratischer Staat bleiben können und dass Sie mit dem inneren negativen Phänomen, das sich zu unserem Bedauern noch immer in Ihren politischen Gruppen einnistet, fertig werden können.

Es war David Ben-Gurion, der uns auftrug, die besondere Beziehung mit dem deutschen Volk zu schützen, um Ihnen zu helfen, ein "anderes Deutschland" aufzubauen, ein demokratisches, erleuchtetes und tolerantes. Solange die besonderen Beziehungen zwischen den beiden Staaten bestehen, ist die demokratische Staatsform in Ihrem Land garantiert. All dies steht in keinerlei Zusammenhang mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt!

Es gibt in Ihrem Manifest auch eine unglückliche Äußerung: Der Versuch, jüdische Wissenschaftler und Philosophen, die seinerzeit auf beschämende Weise von ihren Professorenfreunden aus deutschen Universitäten und wissenschaftlichen Institutionen verwiesen und zu Flüchtlingen wurden, zu rekrutieren. Sie wollten nicht gehen, sie strebten danach, weiterhin jüdische Deutsche zu sein, die friedlich in ihrem Land sitzen, sie attackierten Deutschland nicht und drohten nicht, es zu zerstören, wie es die Palästinenser mit Israel taten - und Sie führen diese Wissenschaftler und Philosophen an, ausgerechnet diese, um die palästinensische Seite zu rechtfertigen. Diese Einstellung beinhaltet mehr als eine Spur von Zynismus?

9)Zum Schluss gestatten Sie mir bitte, einige faktische Fehler zu korrigieren, die Ihnen in Ihrem Manifest unterlaufen sind:

a)Der jüdisch-palästinensische Konflikt im Eretz-Israel (Land Israel) wurde nicht durch die Immigration deutscher Juden in das Land Israel ausgelöst. Dutzende von Juden wurden bereits viele Jahre vorher von Palästinensern umgebracht:

Schon im Jahre 1886 überfielen die arabischen Nachbarn Petah Tikva, die erste Siedlung, die im Land Israel von Juden in der Nähe von Jerusalem gegründet worden war, um sie zu vernichten.

Im Jahre 1920 wurden die jüdischen Siedlungen im Norden des Landes und in Jerusalem angegriffen.

Im Jahre 1921 wurden Tel Aviv, Jaffa und die an der Küste gelegenen jüdischen Siedlungen im Zentrum des Landes angegriffen.

Im Jahre 1929 überfielen die Einwohner Hebrons ihre jüdischen Nachbarn, mit denen sie viele hunderte von Jahren zusammengelebt hatten, vergewaltigten und schlachteten (genauso!) fast hundert von ihnen.

b)Der Führer der Araber im Land Israel, Hadsch Amin al-Husseini, der in den Jahren 1936 bis 1939 die blutigen Zusammenstöße von Juden und Arabern im Land Israel organisiert hatte und von den Briten ausgewiesen wurde, kam später nach Berlin und volontierte bei der Rekrutierung muslimischer Truppen zur Unterstützung der Nazi-Armee, nachdem sich Hitler verpflichtet hatte, die jüdische Ansiedlung im Land Israel zu vernichten. Somit ist es nicht die Immigration von etwa 120 000 deutschen Juden ins Land Israel (übrigens befanden sich bereits Mitte der dreißiger Jahre 330 000 Juden im Lande, die Einwanderung aus Deutschland erhöhte ihre Zahl auf 450 000), die den palästinensischen Widerstand gegen eine jüdische Präsenz im Land Israel auslöste.

Deutschland muss und kann sich nicht seinen besonderen Beziehungen mit dem jüdischen Staat entziehen, und zwar aus allgemein moralischen als auch aus subjektiv egoistischen Gründen der deutschen Gesellschaft, die dafür Sorge tragen muss, dass sie nicht von neuem in antisemitische Abgründe rollt. Und dies trotz der Versuche der Muslime, Deutschland die Schuld für die Errichtung des Staates Israel zuzuweisen. Andererseits sollten die von mir oben angeführten Fakten Deutschland nicht von seinen Bemühungen abhalten, bei der Schlichtung des Konfliktes zu helfen; im Gegenteil: Israel wird eine solche Beteiligung begrüßen, in der Hoffnung, dass sie wirklich helfen wird. Wem es gelingen sollte, die Hamas, die Hisbollah, El Kaida, die muslimischen Brüder und die Iraner davon zu überzeugen, die Existenz des jüdischen Staates im Nahen Osten zu akzeptieren, der hat sich ein ruhmvolles Blatt in der Weltgeschichte verdient.

Hochachtungsvoll

Dov Ben-Meir

Vizepräsident der Knesset (a.D.)

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