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„Black Lives Matter“

Rassismus gegen Juden und Schwarze - „Weiße Vorherrschaft" gibt es nicht nur in den USA

  • Ursula Rüssmann
    vonUrsula Rüssmann
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Eine Diskussion über das wechselhafte Verhältnis von Schwarzen und Juden in den USA, über deutsche Denkverbote und Systeme, die Menschen ausschließen.

  • Tod von George Floyd stößt auch Diskussionen über Rassismus in Deutschland an
  • Das jüdische Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk (ELES) versucht, Allianzen zwischen Minderheiten zu entwickeln
  • Rassismus in Deutschland wird noch immer mit einem "sehr weißen Blick" betrachtet

Es ist wieder ruhiger geworden auf den Straßen, die Demos gegen Rassismus nach dem Tod von George Floyd werden weniger und kleiner. Den Zusammenbruch einer Massenaufwallung muss das aber nicht markieren, denn zugleich wird so viel und heftig diskutiert wie lange nicht – über Rassismus im Grundgesetz, über Kolonialismus, weiter anschwellenden Antisemitismus, auch einen weit weniger Solidarität provozierenden antimuslimischen Rassismus. Und darüber, wie das alles eng miteinander verwoben ist.

Rassismus in den USA: Geschichte der Juden und Afroamerikaner ist grundsätzlich verschieden

Das jüdische Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk (ELES), das seit längerem versucht, offensiv Allianzen zwischen Minderheiten und für eine plurale Demokratie zu schmieden, hat dazu kürzlich einen bemerkenswerten Beitrag geleistet. In einer Online-Diskussion hat ELES den Blick auf Schwarze Juden und Jews of Colour gelenkt, auf die Geschichte der schwarz-jüdischen Beziehungen in einer von White Supremacy (Weißer Vorherrschaft) durchdrungenen US-Gesellschaft und darauf, wie die Probleme in Deutschland liegen. Das Resümee, vorab: Sie liegen hier anders, weitestgehend unbearbeitet und in ihrer strukturellen Tiefe größtenteils unerkannt.

Zunächst aber ein Blick in die USA, vermittelt durch Atina Grossmann, die renommierte deutsch-jüdische Historikerin und Genderforscherin. Grossmann, in den 1950ern als Tochter jüdischer Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland in New York aufgewachsen, ist spürbar berührt von der breiten Mobilisierung in ihrer Heimat für die Black-Lives-Matter-Bewegung, auch in der jüdischen Community. Denn die Geschichte der Juden und der Afroamerikaner in den USA sei „grundsätzlich eine ganz verschiedene“. Juden kamen nicht versklavt in die USA, sondern als Flüchtlinge und Migranten, und „sie konnten eben, trotz bis heute vorhandener Antisemitismuserfahrungen, am ,american dream‘ teilnehmen“. Juden waren, betont Grossmann, in den Südstaaten Teil der Sklavenhalterklasse; ob sie auch am Sklavenhandel beteiligt waren, sei umstritten. Allerdings waren sie in der Zwischenkriegszeit teils massiven Diskriminierungen ausgesetzt, der damals mächtige Ku-Klux-Klan wurde zum gemeinsamen Feind schwarzer und jüdischer US-Amerikaner.

Rassismus USA: Beziehungen zwischen Afroamerikanern, People of Colour und Juden heute komplizierter

Nichtsdestotrotz: Grossmann sieht den roten Faden jüdischer Geschichte in den USA eindeutig in der starken „Anpassung, teils Überanpassung an die weiße Bürgergesellschaft“. Die Frage: „Wie weiß sind Juden?“ sei deshalb immer häufiger gestellt worden, auch in der Community – wobei Weiß-Sein eine gesellschaftlich konstruierte Dominanz-Kategorie meint, nicht die Hautfarbe. Dass Juden sich später überproportional in der Bürgerrechtsbewegung engagierten, sieht die Wissenschaftlerin als eine Gegenbewegung zur vorher starken Assimilation.

Heute sind die Beziehungen zwischen Afroamerikanern, People of Colour und Juden eher komplizierter und konfliktiver geworden: Die Women’s-March-Bewegung zerbrach am Streit über Zionismus und Antisemitismus, jüdische Feministinnen mussten gehen. Wie sehr der verschärfte Israel-Palästina-Konflikt spaltet, ist bis in den US-Kongress spürbar: Die schwarzen US-Demokratinnen Ilhan Omar und Rashida Tlaib, die von Präsident Donald Trump massiv rassistisch attackiert wurden, sind zugleich bekennende Unterstützerinnen der umstrittenen Bewegung BDS („Boycott, Divestment, Sanctions“), die etwa der deutsche Bundestag als antisemitisch verurteilt hat. Umso „überraschender“, sagt Grossmann, sei deshalb die aktuelle, landesweite Solidarisierung mit den Afroamerikanern.

Struktureller Rassismus muss aufgedeckt und angegangen werden

Weit weg das alles von deutschen Verhältnissen? Keineswegs, sagen Whitney Nosakhare und Rebecca Ajnwojner. Nosakhare ist Krefelderin mit griechisch-nigerianischen Wurzeln, Juristin und Aktivistin der Black Sisterhood Germany. Rebecca Ajnwojner, Schwarze Jüdin aus Frankfurt, ist studierte Psychologin und arbeitet als Dramaturgin am Berliner Maxim-Gorki-Theater. Die beiden Frauen verkörpern sozusagen selbst Diversität und Intersektionalität (Verschränktheit mehrerer Diskriminierungsgründe), beide wollen sich aber nicht mehr länger damit aufhalten, über ihre persönlichen Rassismuserfahrungen zu sprechen.

Denn, so Ajnwojner, „wir müssen es endlich schaffen, die Institutionen hierzulande dazu zu bringen, den ihnen eingeschriebenen strukturellen Rassismus anzugehen“. Rassismus ist in dieser Sicht weit mehr als das Problem einzelner Menschen.

Deshalb ist es in den Augen Nosakhares auch fatal, wenn Polizeirassismus hierzulande relativiert werde mit Aussagen wie: „Ist ja nicht so schlimm wie in den USA“. So droht die Solidarisierung mit Black Lives Matter und People of Colour (PoC) hier zur bloßen „Betroffenheitsperformance“ (Ajnwojner) zu werden, nach der man wieder zur Tagesordnung übergeht und sich nichts ändert. Nosakhare erinnert an den unaufgeklärten Tod von Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle, an den NSU und seine rassistischen Morde, nach denen die Ermittler die Täter lange in migrantischen Milieus suchten – also bei den Opfern.

Nötig ist ein internationalen Standards angepasstes Verständnis von Rassismus

Bezeichnend in dem Zusammenhang, welche massiven Angriffe SPD-Chefin Saskia Esken sich kürzlich zuzog, als sie sagte, es gebe latenten Rassismus in den deutschen Sicherheitskräften, die große Mehrheit der Polizeibediensteten aber lehnte dies ab. Eine ausgewogene Formulierung, die jedoch offenbar an für bestimmte Kreise noch Unaussprechliches rührte.

Nosakhare sieht aber eine Chance für Deutschland in den Geschehnissen seit Floyds Erstickungstod. Nötig sei ein geweitetes, internationalen Standards angepasstes Verständnis von Rassismus, das nicht nur von deutscher Scham bestimmt sei, und: „Wir brauchen eine offene Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte Deutschlands, der NS-Diktatur und dem rassistischen Zusammenhang zwischen beidem.“

Auch Ajnwojner bemängelt, hierzulande fehle ein Bewusstsein „für das, was der Rassismus hervorbringt“. Denn dieser habe sich über Jahrhunderte „tief eingeschrieben in Strukturen und in Zugangschancen zu Ressourcen“. In dieser Sicht sind deutscher Kolonialismus, Rassismus, Nationalsozialismus und Antisemitismus ineinander verschränkte Systeme – und die Verhältnisse heute ihr unbearbeitetes Erbe.

Rassismus: Aus Solidarität muss breite Einmischung werden

Womit der Begriff der White Supremacy ins Spiel kommt als einer Ideologie, mit der die eine Gruppe sich über die andere(n) erhebt. Wie steht es um so verstandenen „Weißen Rassismus“ bei uns? Bricht da nicht gerade etwas zum Besseren auf? Ajnwojner bleibt skeptisch. Sie sieht selbst in der aktuellen deutschen Debatte einen „sehr weißen Blick“, vor allem, wenn es um Alltagserfahrungen von Rassismus geht: „Die Fäden haben nicht die Betroffenen in der Hand.“ Erreicht sei erst etwas, wenn aus der gegenwärtigen vielstimmigen Bekundung von Solidarität auch breite, auf strukturelle Veränderungen zielende Einmischung wird.

Andererseits: Die Betroffenen treiben den Wandel selbst voran. Postmigrantische Selbstorganisationen, PoC und Schwarze Deutsche, Institutionen wie das jüdische Förderungswerk ELES und andere prägen die aktuellen Debatten und Proteste wesentlich mit und vernetzen sich zunehmend, auch wenn das nicht ohne schwierige Aushandlungsprozesse und Konflikte geht. Vor allem aber drängt ihre Klientel immer mehr in die Institutionen. Zwar sind es bei weitem noch nicht genug, aber sie werden dort bleiben und Wirkung entfalten, wenn die Solidaritätswellen abgeebbt sind. (Von Ursula Rüssmann)

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