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Fachkräfte in Deutschland: Rumänen, die eigentlich Moldawier sind

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Von: Aleksandra Fedorska

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Vom Schwarzen Meer in die Bundesrepublik: Viele rumänische Arbeiter versuchen hierzulande ihr Glück. Einige von ihnen sind allerdings gar keine Rumänen.

Bukarest – Sie sind auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Einkommen: Immer mehr Menschen verlassen Rumänien, auch in Richtung Deutschland. 2021 lebten hierzulande 844.000 Menschen aus dem südosteuropäischen Staat, 36.000 mehr als noch im Jahr zuvor. Damit waren die Rumänen die größte Zuwanderergruppe aus dem EU-Ausland in der Bundesrepublik.

Arbeiter auf einem Gerüst
Facharbeiter werden in Deutschland händeringend gesucht. © Julian Stratenschulte/dpa

Deutschland ist aber nur eines der Ziele der jungen und höchst mobilen rumänischen Arbeitnehmer. Sprachliche Ähnlichkeiten, kulturelle Verbindungen und persönliche Kontakte machten Italien und die anderen Mittelmeerstaaten zu den beliebtesten Arbeitsmärkten für Rumänen in der EU. Vor der Corona-Pandemie lebten und arbeiteten allein in Italien rund eine Million Menschen mit rumänischer Staatsangehörigkeit. Doch das ändert sich: Das rumänische Arbeitsministerium geht davon aus, dass die durch die Pandemie ausgelösten Verwerfungen in der Touristikbranche viele Arbeitskräfte dazu veranlasst haben, die Mittelmeerländer zu verlassen. Ein Teil der Arbeitnehmer ist nach Rumänien zurückgekehrt, der Rest aber sucht nach anderen Arbeitsmöglichkeiten in anderen Ländern der EU.

Einem Bericht des Wirtschaftsportals Ziarul Financiar zufolge wird die Gruppe der Auswanderer immer jünger. Rund 20 Prozent der Absolventen einiger der besten rumänischen Gymnasien verlassen das Land und kehren nie wieder zurück. „Die meisten gehen in die EU – Niederlande, Deutschland, Frankreich oder Großbritannien“, sagte Vasile Nicoară, Direktor des Mircea cel Bătrân National College in Constanţa, im Gespräch mit Ziarul Financiar. „Nur wenige von ihnen wollen nach ihrem Abschluss zurückkehren.“ Von den Uniabsolventen äußerten in Umfragen rund 80 Prozent den Wunsch, im Ausland arbeiten zu wollen. 

Rumänien: „Kometenhafter Wirtschaftsaufschwung“, aber noch viele Probleme

Viele Rumänen möchten ihren Abschluss im europäischen Ausland machen. Denn das Bildungssystem des Landes ist chronisch unterfinanziert. Das Land gibt lediglich drei Prozent seines Bruttosozialprodukts für Bildung aus. In Ländern wie Norwegen sind es 6,7 Prozent, in Deutschland immerhin noch 4,2 Prozent.

Rund 15 Prozent der Schüler in Rumänien verlassen die Schule ganz ohne Abschluss. Darüber hinaus gehen rumänische Bildungsexperten davon aus, dass rund die Hälfte der Schüler, die die Schule beenden, vom funktionalen Analphabetismus betroffen sind. Das heißt, dass sie nicht in der Lage sind, einen einfachen Text zu verstehen, und auch keine schriftlichen Informationen zusammenfassen und weitergeben können.

Der Rumänienexperte Kamil Całus vom Centre for Eastern Studies ist in Bezug auf diese Zahlenangaben zur rumänischen Arbeitsmigration skeptisch. „Rumäniens kometenhafter Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre hat die Arbeitsmigration weitestgehend ausgebremst“, sagte Całus im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA. „Stattdessen werden aber Moldawier mit rumänischen Pässen in vielen Ländern als Rumänen gezählt“, vermutet der Experte.

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Rumänien: Viele Moldawier besitzen einen rumänischen Pass

Im Gegensatz zu Rumänien, wo die Löhne und Gehälter schnell steigen, sind die Einkommen in Moldawien niedrig. Die Beantragung eines rumänischen Passes ist für die meisten Moldawier eine Selbstverständlichkeit. Der rumänische Staat erkennt die moldauische Unabhängigkeit an und behandelt den Nachbarstaat als souveränes Land. Ethnisch definiert Rumänien die meisten Einwohner Moldawiens jedoch als Rumänen, was ihren Anspruch auf die rumänische Staatsangehörigkeit rechtfertigt. 

Viele Moldawier nutzen die Möglichkeit, einen rumänischen Pass zu beantragen, der ihnen alle Möglichkeiten bietet, gleichberechtigt mit anderen EU-Bürgern auf dem europäischen Arbeitsmarkt zu agieren. Auch diese Gruppe von Arbeitnehmern ist jung und sehr mobil. Unter anderem auch deshalb, weil sie nicht nur rumänische, sondern teilweise auch russische Pässe besitzt. „So optimieren sie ihre beruflichen Chancen“, sagte Maria Domańska, die sich am Centre for Eastern Studies mit Russland beschäftigt, der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA. Die russische Staatsangehörigkeit kann von vielen Rumänen ebenso problemlos beantragt werden wie die rumänische. Das gilt ganz besonders für die Einwohner von Transnistrien, wo russische Truppen stationiert sind und einen Pseudostaat geschaffen haben.

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