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Deutschland reißt sein Klimaziel

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Von: Jörg Staude

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Die aufgehende Sonne steht hinter dem Steinkohlekraftwerk Mehrum bei Hohenhameln (Niedersachsen)
Deutschland hat die Klimaziele des Jahres 2022 deutlich verpasst. Ein Grund dafür könnte sein, dass mitten in der Klimakrise die Kohlekraftwerke wieder angefeuert weurden. © Julian Stratenschulte/dpa/Archiv

Vor allem Verkehr und Gebäude emittieren zu viel

Wenigstens die Energiewirtschaft kann aufatmen. Ihr hatte der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) kürzlich bescheinigt, ihre Klimavorgabe für 2022 gerissen zu haben – mit 260 statt der gesetzlich erlaubten 257 Millionen Tonnen CO2-Emissionen. In seiner heutigem Jahresbilanz kommt der Thinktank Agora Energiewende aber zum Ergebnis, die Emissionen der Energiewirtschaft seien nur um acht Millionen auf 255 Millionen Tonnen CO2 angestiegen, das Reduktionsziel sei also knapp eingehalten worden.

Den Unterschied von fünf Millionen Tonnen zum BDEW erklärte Agora vor allem damit, dass der BDEW auch den Eigenverbrauch der Pumpspeicherwerke eingerechnet habe. Der Hauptgrund für die steigenden CO2-Emissionen ist bei beiden Prognosen aber derselbe: Dass wegen der stark gestiegenen Erdgaspreise mehr Kohle verbrannt wurde, um Strom zu erzeugen.

Jahresbilanz kommt der Thinktank Agora: Rekord für Erneuerbare

Wie der Thinktank hervorhebt, machte auch der verstärkte Einsatz von Öl, vor allem zum Heizen, die CO2-Einsparungen durch den sinkenden Energieverbrauch 2022 zunichte. Letzterer nahm laut den Angaben gegenüber dem Vorjahr um 4,7 Prozent oder 162 Milliarden Kilowattstunden ab. Das lag unter anderem an den massiven Preissteigerungen bei Erdgas und Strom sowie an der milden Witterung.

Wie der BDEW stellt auch Agora Energiewende für 2022 einen neuen Höchstwert für Strom aus erneuerbaren Quellen fest. Der Thinktank gibt hier einen Anteil von 46 Prozent am Bruttostromverbrauch an, der BDEW von 47 Prozent. All das aber konnte laut Agora-Bilanz nicht verhindern, dass Deutschland 2022 rund 761 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent emittierte und damit sein Budget von 756 Millionen Tonnen um fünf Millionen Tonnen überzog. Für Agora-Direktor Simon Müller ist das ein „Alarmsignal“.

Insbesondere Gebäude und Verkehr blieben 2022 laut Agora Energiewende weiter hinter den Klimavorgaben zurück. Der Verkehr überzog sein Budget um elf Millionen Tonnen, der Gebäudebereich um fünf Millionen Tonnen. Müller warnte auch davor, das Plus bei den Erneuerbaren überzubewerten: Das Rekordjahr sei wetterbedingt und kein struktureller Beitrag zum Klimaschutz. Deutschland steuere vielmehr auf eine massive Lücke beim Erneuerbaren-Ausbau zu, vor allem dauere die Ausbaukrise bei der Windenergie an. Hier seien 2022 nur rund 2 000 Megawatt hinzugekommen.

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