Proteste in Berlin: „Ich freue mich, dass es eine Reaktion auf die Gewalt gibt“, sagt Oguntoye.
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Proteste in Berlin: „Ich freue mich, dass es eine Reaktion auf die Gewalt gibt“, sagt Oguntoye.

Interview

Der ewige Kampf gegen Rassismus - Gespräch mit einer Afrodeutschen

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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Die Historikerin und Aktivistin Katharina Oguntoye über Fortschritte und Rückschläge im langen Kampf der Afrodeutschen um ihre Gleichberechtigung.

  • Rassismus gegen Schwarze ist auch in Deutschland präsent
  • Katharina Oguntoye spricht im Interview über die Entwicklung von rassistischen Strukturen. 
  • Hat sich die Situation in den letzten zehn Jahren verbessert? 

Frau Oguntoye, in den 80er und 90er Jahren waren Sie eine Schlüsselfigur der afrodeutschen Bewegung und kämpfen auch heute noch gegen Rassismus. Überall in der Welt gehen derzeit Menschen auf die Straße, um gegen Polizeigewalt und rassistische Strukturen zu demonstrieren. Wie verfolgen Sie diese Entwicklung?

Ich freue mich sehr, dass es eine Reaktion auf die Gewalt gibt. Das zeigt, dass die Menschen bewegt sind und das, was passiert, vor allem auch wahrnehmen und verstehen. Vor zehn Jahren hätte der breiten Masse das Verständnis gefehlt. Es ist eine große Veränderung, dass wir von immer mehr Fällen von Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA hören. Die gab es vorher ja auch, nur hat man das nicht so oft mitbekommen.

„Du wirst immer reduziert auf deine Hautfarbe“

Was hat sich verändert?

Früher hieß es immer: Das war ein Ausrutscher. Oder: Die Leute müssen besser ausgebildet werden. Diese Antworten funktionieren nicht mehr. Je mehr Fälle von Opfern von Polizeigewalt in den USA bekannt werden, desto mehr wird deutlich, dass es sich um die Fortsetzung des Lynching-Systems handelt, also das öffentliche Töten von Menschen, nur weil sie schwarz sind. Dabei ging es damals wie heute um die Verbreitung von Terror, Einschüchterung und die grundsätzliche Verunsicherung von Menschen mit afrikanischen Wurzeln. Egal, wer du bist oder wo du bist, du wirst immer reduziert auf deine Hautfarbe.

Jetzt blicken praktisch alle auf die USA. Besteht die Gefahr, dass das von den Problemen ablenkt, die hier bestehen?

Die Leute gehen auch hier auf die Straße. Die „Black Lives Matter“-Bewegung hat deutsche Ableger und ist zu einer breiten Bewegung geworden. Wir führen diese Diskussion über systemischen Rassismus seit 30 Jahren. Das ist zwar eine Sisyphusarbeit, aber meine Erfahrung ist, dass diese viele Arbeit an vielen Punkten auf lange Sicht doch zu einer Veränderung führt.

„Das kann nicht sein, wir sind nicht rassistisch“

Was wurde erreicht?

Die Rassismus-Debatte hat seit einigen Jahren die Öffentlichkeit erreicht, das zeigen Diskussionen über „Racial Profiling“, das „N-Wort“ und „Blackfacing“. Die ersten Phasen der Leugnung und heftigen Abwehr, wenn Menschen sagen: „Das kann nicht sein, wir sind nicht rassistisch“, sind bereits durchlaufen. Der gesellschaftliche Diskurs hat sich in die Phase des Erkennens und der Trauerstarre bewegt.

Was muss nun passieren?

Als nächster Schritt beginnt die Suche nach Handlungsmöglichkeiten, dazu gehören die Analyse und das Erkennen der Situation. Für mich war zum ersten Mal 2013 bei der Ausstellung „Zerstörte Vielfalt – Berlin 1933 bis 1938“ im Deutschen Historischen Museum ein ernsthaftes Interesse am Thema spürbar. Plötzlich änderte sich die Einstellung und ein Staatssekretär sagte bei der Eröffnung über unseren Teil der Ausstellung zur Geschichte schwarzer Menschen in der NS-Zeit: Da ist ein Thema, dass wir noch nicht beachtet haben.

Wo hat Deutschland noch Nachholbedarf in der historischen Aufarbeitung?

Es darf nicht nur auf den Nationalsozialismus geschaut werden, sondern auch der Kolonialismus muss aufgearbeitet werden. Was in dieser Zeit an Verbrechen begangen wurde, ist noch nicht im gesellschaftlichen Bewusstsein angekommen.

Deutschland: „Der Rassismus muss kontinuierlich neu verlernt werden“

Immerhin wird nun auch hierzulande ein in der Gesellschaft verankerter und struktureller Rassismus beklagt. Wie können wir diesen konkret bekämpfen?

Die Gesetze gegen Diskriminierungsformen sind ganz wichtig, weil sie beginnen, das gesellschaftliche Selbstverständnis zu verändern. Natürlich ist das nicht das Ende des Prozesses, vielmehr müssen diese nun auch in den Köpfen und den Herzen der Menschen ankommen.

Wie schaffen wir das?

Da Rassismus von klein auf vermittelt und täglich neu gelernt wird, ist es notwendig, diesen kontinuierlich wieder zu verlernen. Das geschieht durch persönliche, aber auch durch politische sowie Kultur- und Bildungsarbeit für Kinder und Erwachsene. Ein Beispiel ist da die Initiative der Schwarzen Filmschaffenden in Deutschland: Sie hat bereits zu mehr und besseren Rollen für schwarze Schauspieler*innen in deutschen Fernsehproduktionen geführt.

Hat sich die Situation für Afrodeutsche in den vergangenen Jahrzehnten verbessert?

Katharina Oguntoye (61) ist Mitgründerin der Organisation Adefra für schwarze deutsche Frauen wie auch des interkulturellen Netzwerks Joliba, das in Berlin Sozialarbeit leistet und Kulturangebote offeriert.

Es ist uns gelungen, Fremdbezeichnungen zu selbst gewählten Benennungen zu ändern: „Afrodeutsche“ und „schwarze Deutsche“ sind jetzt gebräuchlich und beziehen sich sowohl auf die kulturellen Wurzeln als auch auf die Sozialisation in Deutschland. Es gibt zahlreiche Gruppen und Initiativen von Afrodeutschen: Die „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“, den Verein „Adefra“ für schwarze Frauen in Deutschland, das Bildungsprojekt „Each One Teach One“, das Afrika-Haus Berlin oder die Theaterarbeit im HAU, im Ballhaus Naunynstraße und im Maxim-Gorki-Theater. Es ist heute eine Vielfalt da, die meine Generation in ihrer Kindheit nicht kannte.

1997 gründeten Sie in Berlin das interkulturellen Netzwerk „Joliba“. Welches Ziel verfolgen Sie damit?

Einerseits hilft der Verein „Joliba“ seit 1997 afrodeutschen und afrikanischen Familien sowie Migrant*innen. Und andererseits wollen wir mit unserer Kultur- und Bildungsarbeit einen positiven interkulturellen Input geben und das Bild afrikanischer Menschen wie auch Afrikas verbessern. Es soll nicht nur der Aspekt „Ich bin ein Opfer, ich muss mich gegen Diskriminierung wehren“ im Vordergrund stehen, sondern schwarze Jugendliche sollen sehen, dass sie etwas haben, worauf sie stolz sein können.

Interview: Jakob Maurer

Nach dem Tod von George Floyd gibt es viele Proteste in den USA. Demonstranten richten eine „autonome Zone“ ein, Fox News macht daraus ein Gebiet voller Gewalt.

Dass das Thema noch immer aktuell ist, zeigt ein neuer Rassismus-Vorwurf gegen Rossmann.

Ein Bild im Städel ist ebenfalls Teil einer Rassismus-Diskussion. Die Verantwortlichen verteidigen den Künstler.

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