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In einem sind sich die Experten in der Exitdebatte einig: Auf den richtigen Abstand wird es weiterhin ankommen.

Corona-Virus

Wie Deutschland die Kurve kriegt

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Regierungsberater empfehlen eine schrittweise Öffnung der Schulen, Landespolitiker warnen vor vorzeitigen Lockerungen – wie wird die neue Normalität aussehen?

Im Kanzleramt wird gerade ein Meinungsbild erstellt. Diesmal geht es nicht um die Bundesbürger als Ganzes, sondern nur um eine spezielle Gruppe: 14 Männer und zwei Frauen, die am Mittwoch mit der Kanzlerin per Videokonferenz verbunden sein werden. Wie ticken die Ministerpräsidenten in der Viruskrise? Für Angela Merkel ist dies eine Schlüsselfrage. Denn auch beim Ausstieg aus den Zwangsmaßnahmen will die Kanzlerin unbedingt jenen breiten Konsens bewahren, der den Deutschen schon beim Einstieg half.

Der Ausstieg aber könnte sich als das kompliziertere Manöver erweisen. Es geht um wichtige Dinge, am Ende sogar um die Frage, ob es richtig ist, die Freiheit von vielen zu wahren, wenn dies die Sicherheit von wenigen gefährdet. Die Gruppe der 16 zerfällt schon jetzt in Bremser und Drängler.

Gramzerfurcht warnte etwa der Grüne Winfried Kretschmann, Regierungschef in Baden-Württemberg, in diversen Interviews am Osterwochenende vor einem vorschnellen Ende der Ausgangsbeschränkungen. „Eine zu frühe Lockerung wäre verheerend“, sagte der 71-Jährige dem „Spiegel“. In Nordrhein-Westfalen zeigte sich zur gleichen Zeit der Amtskollege Armin Laschet von der CDU sehr viel entspannter. „Weg in eine verantwortungsvolle Normalität“ heißt ein 15-Seiten-Papier, das Laschet in einem eigenen Expertenrat seines Landes hatte erarbeiten lassen. Darin wird, unter einer Vielzahl von Bedingungen, eine zügige Rückkehr zur Normalität empfohlen.

Wer hinter die Kulissen der deutschen Staatskanzleien blickt, stößt nicht nur auf sehr unterschiedliche Stimmungen und Strömungen. Man findet auch verblüffend stark voneinander abweichende Darstellungen der Wirklichkeit – sogar bei Dingen, die eigentlich klar sein sollten: Daten, Fakten, Kurvenverläufe.

Kretschmann und Laschet blicken bei gleichen Themen auf verschiedene Zahlen. Es beginnt bereits bei der Letalität des Virus, also der alles andere als nebensächlichen Frage, wie tödlich das neue Coronavirus nun wirklich für den Menschen ist. In Stuttgart wird der Erreger, grob gesagt, für gefährlicher gehalten als in Düsseldorf.

Mathematisch ausgedrückt wird die Tödlichkeit als „case-fatality-ratio“ (CFR). Das ist das rechnerische Verhältnis zwischen der Zahl der Infektionsfälle und der Zahl der Toten. In der weltweiten CFR-Hitliste nimmt Italien mit 12,8 Prozent einen traurigen Spitzenplatz ein. Dagegen ragt Deutschland mit zurzeit 2,2 Prozent eher positiv heraus. Hintergrund dieser Differenzen ist nicht zuletzt ein lediglich rechnerischer Effekt: Weil in Italien viel zu wenig Infizierte registriert waren, stieg der errechnete prozentuale Anteil der Toten umso höher.

Laschet aber hält auch die Zahl 2,2 noch für viel zu hoch gegriffen – seit ihm der Bonner Virologe Hendrik Streeck etwas ganz anderes erzählt hat. Streeck hat den Virusausbruch in der Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg untersucht. 1000 Bürger der Gemeinde wurden von seinem Team zu Stichproben gebeten. Dabei erwiesen sich 15 Prozent der Untersuchten, viele zu ihrer eigenen Überraschung, als aktuell infiziert – oder bereits immun.

Aus diesem Befund schloss Streeck, dass die Dunkelziffer der unerkannt Infizierten bislang unterschätzt wurde. Die Letalität des neuen Coronavirus liege in Wahrheit wohl nur bei etwa 0,37 Prozent.

Was für den Laien aussieht wie eine Zahlenklauberei, brächte für die Krisenstäbe in Bund und Ländern eine völlige Neubewertung der Dinge. Bisher waren die meisten Rechenmodelle mindestens von einer Letalität von 1,0 ausgegangen. Die mögliche Überlastung der Klinikkapazitäten, der Bedarf an Intensivbetten, sämtliche Szenarien möglicher alptraumhafter Zuspitzungen hängen an dieser Zahl.

Dass jede CFR-Berechnung einen Haken hat, liegt auf der Hand. Da die Zahl nur ein rechnerisches Verhältnis ausdrückt, wird die Letalität eines Virus regelmäßig dann überschätzt, wenn man zu wenig Infizierte auf der Rechnung hatte, etwa wegen fehlender Tests. So war es in Italien. Was aber, wenn jemand mit allzu vielen Infizierten rechnet – indem er Dunkelziffern annimmt, die vielleicht allzu hoch gegriffen sind? Kritiker von Streeck glauben, er unterschätze die Tödlichkeit des Virus. Genau das befürchten offenbar Berater, mit denen Kretschmann sich umgibt.

Wissenschaftler versus Wissenschaftler: Was soll die Politik am Ende glauben? Keinen seriösen Streit gibt es allerdings darüber, ob die Kontaktverbote vielleicht komplett übertrieben waren. Mathematiker haben die jüngsten Daten von Gesundheitsämtern und Robert-Koch-Institut zusammengeworfen und kamen zu einem klaren Schluss: Deutschland war wie einst die Titanic in Richtung Eisberg unterwegs, hat aber noch kurz vor der Kollision die Kurve gekriegt.

„Unsere Gesellschaft kann wirklich stolz darauf sein, dass sie diese Wende geschafft hat“, sagt Viola Priesemann, Jahrgang 1982, Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen. Inzwischen ist bei ihr die Beklommenheit neuem Optimismus gewichen. Schon am 8. April zog Priesemann Modellrechnungen aus ihrem Computer, die nahelegten, dass man sich wohl um den 18. April herum behutsam einer Rückkehr zur Normalität nähern könne – unter diversen Bedingungen.

Priesemann ist keine Virologin. Sie hat in Physik promoviert, ist aber auch Mitglied des elitären Cortex Clubs, dessen Mitglieder sich regelmäßig in den heiligen Hallen von Oxford über den allerletzten Stand der globalen Hirnforschung austauschen. Als Expertin für Ausbreitungsprozesse aller Art kann Priesemann Algorithmen formen, die in der Meeresbiologie ebenso hilfreich sein können wie bei Finanzkrisen. Oder eben bei Epidemien.

In all diesen Fällen, sagt Priesemann, komme es darauf an, mit wenigen verlässlichen Daten auf das mitunter verblüffend große und mächtige Gesamtgeschehen zu schließen. In dieser Hinsicht nötigte ihr das exponentielle Wachstum des neuen Coronavirus Respekt ab. Ihre Rechner am Max-Planck-Institut spuckten Kurvenverläufe für vier verschiedene Modelle aus.

– Hätten Bund und Länder das Virus komplett ignoriert, wäre die Fallzahlen Ende März nach oben geschossen.

– Die Maßnahmen vom 8. März – etwa Fußball ohne Fans – hätten die Prozesse nur ein wenig verschoben.

– Die zusätzlichen Beschlüsse vom 16. März – vor allem Schulschließungen – bewirkten ein erstes Abflachen der Kurve, aber nicht in ausreichendem Maß.

– Erst die Ausgangsbeschränkungen vom 22. März ließen die Kurve nach unten sinken. Die Zahl der Neuinfektionen lässt inzwischen nach, die Zahl der Genesenen nimmt zu – damit wächst auch die Chance, zurückliegende Kontakte einzelner Kranker zu identifizieren und den Ausbruch auf diese Art wieder in den Griff zu bekommen.

Deutschland, warnt Priesemann, dürfe jetzt aber nicht den Fehler machen, so zu tun, als sei alles schon wieder gut. Würde man ohne Begleitkonzept einfach die Beschränkungen aufheben, erhebe sich bald eine zweite Welle: „Dann sind wir wieder ganz am Anfang.“

Deutschlands Nationale Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina, sieht es genauso. Schon Anfang April veröffentlichte sie, damals noch weitgehend unbeachtet, erste Modellrechnungen zum Wiederhochfahren des öffentlichen Lebens mit und ohne Schutzmaßnahmen wie Masken, digitales Tracing und mehr Testkapazitäten. Das Ergebnis: Ohne Begleitmaßnahmen zieht die Epidemie schon Ende Mai wieder an – und erreicht Ende Juni gruselige Höchststände.

Die Gefahr der zweiten Welle wurde weltweit erkannt, aber nicht gebannt. Hier und da zucken einige Kurven, die schon geglättet schienen, wieder nach oben. Mit Sorge blicken Virologen zum Beispiel erneut nach China. Dort wurde am Ostermontag die höchste Zahl an Neuinfektionen seit mehr als einem Monat gemeldet.

Wer jetzt in Deutschland Richtung Lockerung drängelt, die Ministerpräsidenten wissen das, tut dies politisch immer auch ein Stück weit auf eigene Gefahr. Der Bund wird sich raushalten, wenn notfalls irgendwo doch wieder eine eben erst eröffnete Schule wieder schließen muss. Allerdings muss das auch kein Unglück sein.

Der Flickenteppich, oft kritisiert, könnte zum neuen way of life in Deutschland werden, vielleicht gar zum Ausdruck intelligenter Anpassung an die Verhältnisse. Warum soll in Mecklenburg-Vorpommern, wo 38 von 100 000 Einwohnern infiziert sind, alles genauso sein wie in Bayern, das mit 252 Infizierten pro 100 000 die Liste anführt?

Entscheidend ist, hört man allerorten in den Staatskanzleien, „dass nichts Unwürdiges passiert“. Und „dass nicht allzu viele Menschen sterben“ – jedenfalls nicht gleichzeitig. Aus Pietätsgründen sagt keiner es laut, aber die bislang rund 3000 Corona-Toten in Deutschland werden in den Krisenstäben als relativ gute Nachricht verbucht. Ein Politikum erwächst daraus jedenfalls nicht.

Im Jahr 2019 starben in Deutschland 932 272 Menschen, 2554 pro Tag. Auch solche Zahlen lassen Politiker sich in diesen Tagen vorlegen. Sie sind Teil der mitunter makabren, aber auch erhellenden Mathematik von Leben und Tod.

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