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Nour Key, 10, wurde nach eigener Aussage von Soldaten in Myanmar verbrannt. Sie fand im Flüchtlingscamp Kutupalong, ganz im Süden Bangladeschs, Schutz.

Rohingya

"Deutschland könnte in Myanmar Druck aufbauen"

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"Unbeschreiblich" sei die Lage der aus Myanmar vertriebenen Rohingya, sagt der Publizist Jürgen Todenhöfer. Von der deutschen Regierung fordert er mehr politischen Druck - ein Gespräch.

Herr Todenhöfer, seit Wochen fliehen Mitglieder der muslimischen Minderheit Rohingya aus Myanmar nach Bangladesch. Sie kommen gerade von dort zurück. Was haben Sie gesehen?
Wir waren in Bangladesch in mehreren Flüchtlingslagern und Krankenhäusern. Auf meinen Reisen habe ich auch früher schon viele Flüchtlingslager gesehen und viel Elend. Aber was ich in den Lagern an der Grenze zu Myanmar gesehen habe, war einfach unbeschreiblich. Das Schlimmste ist: Die Lage für diese Menschen ist völlig aussichtslos.

Myanmar hat sie aus meiner Sicht bewusst aus rassistischen und religiösen Gründen vertrieben. Und will sie nicht zurück. In Bangladesch werden sie auch nicht bleiben können. Die Regierung dort bemüht sich zwar nach Kräften, die Rohingya zu versorgen. Aber Bangladesch ist eines der ärmsten Länder der Welt. Es hat schon Schwierigkeiten, die eigenen Staatsbürger zu versorgen. Wir sprechen schließlich über mehr als eine halbe Million Flüchtlinge, die in den letzten Wochen über die Grenze gekommen ist.

Woher kommt der Hass auf die Rohingya? Die Mehrheit der Menschen in Myanmar gehört dem Buddhismus an, einer angeblich besonders friedfertigen Religion.
Rassismus lässt sich schwer erklären. Es gibt in Myanmar verschiedene Ethnien, auch andere Volksgruppen haben Probleme. Aber sie haben zumindest die myanmarische Staatsangehörigkeit. Die Regierung behauptet, die Rohingya seien erst mit der britischen Kolonialherrschaft aus Bangladesch gekommen – obwohl sie nachweislich schon Hunderte von Jahren in Myanmar leben. Aber die Rohingya haben eine andere Religion, und die meisten sind dunkelhäutiger als die durchschnittliche Bevölkerung. Diese Kombination von auch äußerlich erkennbarer ethnischer Verschiedenheit hat offenbar ausgereicht, um Hass zu schüren. Der Buddhismus ist und bleibt eine friedliche Religion. Aber es gibt in jeder Religion Hassprediger. Und es gibt in Myanmar extremistische Nationalisten. Die feuern diesen Hass an.

Wie ist die humanitäre Lage der Flüchtlinge in Bangladesch?
Die Menschen hausen in Zelten, die eigentlich nur aus Stangen und Plastikplanen bestehen. Sie schlafen meist auf dem nackten Boden. Es regnet in dieser Jahreszeit sehr viel, alles versinkt im Schlamm.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich schwere Krankheiten ausbreiten. Es gibt humanitäre Hilfe, aber sie reicht längst nicht aus. Selbst in den Krankenhäusern reicht es jeden Tag gerade für etwas Reis für die Patienten. Die meisten werden nur notdürftig versorgt, einige müssen auf dem Boden liegen, weil es nicht genügend Betten gibt. In einem Krankenhaus, das wir besucht haben, lag ein etwa 18-jähriger Junge. Seinen Brüdern hatten die myanmarischen Streitkräfte die Kehle durchgeschnitten. Er selbst wurde so schwer am Hals verletzt, dass er nicht mehr sprechen konnte. Kapazitäten, ihn zu operieren, gibt es in diesem Krankenhaus nicht.

Hilfsorganisationen und Flüchtlinge berichten, dass Regierungstruppen die Rohingya vertrieben und ihre Dörfer niedergebrannt haben. Die Regierung in Myanmar widerspricht dem.
Schon von Bangladesch aus haben wir in Myanmar riesige Rauchsäulen aufsteigen sehen. Aber ich wollte mich auch mit eigenen Augen überzeugen. Am vorletzten Tag konnten wir die Grenze zu Myanmar überqueren und in eines der Dörfer vordringen. Dort war alles verbrannt, die Häuser, Bäume, Felder – vermutlich, damit die Menschen gar nicht zurückkommen können –, ihre Lebensgrundlage ist ja zerstört.

Es ist unübersehbar, dass die Sicherheitskräfte Myanmars mit großer Brutalität gegen die Rohingya vorgehen. Ich habe in den Krankenhäusern Kinder mit Schusswunden gesehen. In einem Bett lag ein Mädchen, sechs Jahre alt, dessen Bein von der Hüfte bis zum Knie eine einzige Brandwunde war. Die Hütte der Familie wurde angezündet, als die Kleine noch im Bett lag. Sie ist beinahe verbrannt. Frauen wurden vergewaltigt. Die Berichte, die uns Flüchtlinge darüber gaben, waren sehr bitter. Aus meiner Sicht deutet das alles auf die geplante Auslöschung der Rohingya als Volk hin.

Wie kann das gestoppt werden?
Überall auf der Welt geschieht Schreckliches. Aber dass die Vernichtung einer ethnischen Gruppe in unserer Zeit noch möglich ist, ohne dass die Staatengemeinschaft einschreitet, ist einfach unfassbar. Ich verstehe nicht, warum europäische Politiker nicht viel mehr Druck ausüben.Die zivile Regierung von Myanmar hat zumindest versagt. Natürlich ist die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi als De-facto-Führerin der Regierung in einer schwierigen Lage. Ihr Einfluss auf die Armee ist begrenzt. Trotzdem müsste der Westen oder zumindest Europa sowohl der zivilen Regierung als auch den Militärs klarmachen: Wenn die Vertreibung nicht aufhört, wenn die Rohingya nicht zurückkehren können und sie nicht die gleichen Rechte erhalten wie alle anderen, dann kann es keine Integration in die internationale Staatengemeinschaft, keine Wirtschaftsbeziehungen geben.

Myanmars Militär legt großen Wert auf gute Verbindungen zu Deutschland. Auch die Bundesregierung hat also die Möglichkeit, politischen Druck aufzubauen. Und ich finde, auch die Verpflichtung. Wenn wir Menschenrechte ernst nehmen.

Welche Rolle spielt der bewaffnete Widerstand der Rohingya? Die Regierung in Myanmar behauptet, die Rebellen hätten mit den Angriffen begonnen.
Es hat allein in den letzten Jahren rund 20 große Militäraktionen gegen die Rohingya gegeben. Die meisten davon ohne vorausgehende Provokation. Aber es gab auch Widerstand. Am 25. August haben Rebellen zwölf Sicherheitskräfte der Armee getötet. Das kritisiere ich auch. Uneingeschränkt. Aber: Allein bei diesem Angriff starben deutlich mehr Rohingya als Soldaten. Und anschließend wurden Tausende getötet und vergewaltigt. Und über 600.000 vertrieben. Es sieht für mich fast so aus, als hätte das Militär auf einen Vorwand gewartet.

Welche Verantwortung trägt die Staatengemeinschaft?
Es gibt Stimmen, die sagen: Was geht uns das an? Das ist so weit weg, das ist eher der Einflussbereich von China oder Russland. Ich sage: Wir müssen uns einmischen. Ich bin dankbar, dass viele Medien auch in Deutschland inzwischen über die Lage der Rohingya berichten.

Aber Deutschland und Europa müssen unbedingt auch politisch aktiv werden, nicht militärisch. Auch ohne große wirtschaftliche Interessen. Menschenrechtspolitik ist nur glaubwürdig, wenn wir Menschen auch außerhalb von nationalen Eigeninteressen helfen. Die Welt hat 1994 in Ruanda politisch weggesehen. Es wurde nicht gehandelt. Hier muss gehandelt werden. Schnell und entschlossen. Wozu haben wir eine EU-Außenministerin?

Was ist die Hoffnung der Menschen in den Flüchtlingslagern?
Ich habe diese Frage vielen Flüchtlingen gestellt. Fast alle haben gesagt, dass sie wieder zurückwollen – wenn sie dort in Sicherheit und gleichberechtigt sind. Vorher können und wollen sie nicht zurück. Ich erinnere mich besonders an ein Gespräch mit einer jungen Frau. Sie ist zwanzig Jahre alt und hat eine kleine Tochter, ihren Mann hatte sie schon vor längerer Zeit verloren. Ich habe sie gefragt, welche Träume sie hat. Sie hat mich nur kopfschüttelnd angesehen und gesagt: „Träume? Träume hat hier niemand.“ Also habe ich gefragt, was sie sich für die Zukunft wünscht. Sie hat gesagt, sie wünsche sich, dass ihre Tochter etwas zu essen und anzuziehen hat. Und dass es ein bisschen Sicherheit gibt. Mehr nicht. Das war alles, was sie sich wünschte.

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