Deutschland im Herbst 77

Schwierigkeiten von Filmemachern / Manche Stoffe angeblich nun unmöglich

Von Florian Hopf

MÜNCHEN. Volker Schlöndorff muß sich mit einer - fast nur Juristen befriedigenden - Presseerklärung rechtfertigen, er denke gar nicht an einen Rücktritt von seinem Amt als SPD-Beauftragter im Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt, die Tageszeitung 'Die Welt' veröffentlicht eine Kritik zu dem Film 'Der Umsetzer' (über Leute, die zwangsweise in andere Wohnungen umgesiedelt werden) anläßlich seiner Fernsehausstrahlung, in der es u. a. heißt, dieser sei 'von allen Hetzfilmen gegen den Rechtsstaat, mit denen uns das Deutsche Fernsehen regelmäßig beglückt... einer der widerwärtigsten'; der Filmverlag der Autoren kündigt seine erste eigene Produktion an: 'Deutschland im Herbst' und formuliert: 'In sehr persönlichen Beiträgen, die von der Dokumentation bis zu Spielfilmepisoden gehen, wollen sie die Möglichkeiten des freiproduzierten Kinofilms nutzen... Der Film wird Anfang 1978 vom Filmverlag der Autoren in die Kinos gebracht, beteiligt sind u. a. Alf Brustellin, Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Volker Schlöndorff, Edgar Reitz und Bernd Sinkel.' Gemeint ist mit dem Titel 'Deutschland im Herbst' selbstverständlich die Bundesrepublik in den ersten Monaten nach der Schleyer-Ermordung und nach den Selbstmorden von Baader, Ensslin und Raspe im Stammheimer Gefängnis. Zwar strahlte das ARD am 19.11.1977 um 20.15 Uhr den italienischen Film 'Sacco und Vanzetti' aus, der - bringt man ihn in Zusammenhang mit den vielen Unklarheiten, die es aus Stammheim zu hören gibt - von voreingenommenen Zuschauern durchaus wie eine Wertung jüngster Vorgänge mit Hilfe eines historischen Beispiels betrachtet werden könnte: Zwei Anarchisten werden in einem auf Justizirrtümern und Vorurteilen basierenden Prozeß in den USA der 20er Jahre zum Tode verurteilt und trotz vieler Proteste hingerichtet, ein anderer Anarchist stürzt unter merkwürdigen Umständen aus dem Polizeihauptquartier zu Tode, aber andererseits gibt es bereits Regisseure, die das Fernsehen hat wissen lassen, ihre - eigentlich schon genehmigten - Vorhaben könnten von öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht mehr mitgetragen werden, weil ihre Thematik zu nahe an Vorgängen der Monate September/ Oktober/November in der BRD lägen.

Kein Zweifel: So sehr das Thema der Gewalt in der Gesellschaft der Bundesrepublik aktuell wird, desto mehr wird es tabuisiert und heute nun auch zensiert. Das gilt nicht nur für solche Vorhaben, die in ihrer kritischen Haltung links genannt werden könnten: das gilt für simple Krimis, in denen beispielsweise ein Krimineller eine Erpressung per Kidnapping versucht; das gilt auch für Stoffe, in denen ein sozial gedemütigter Mann unter ständigen obrigkeitlichen Pressionen zum Amokläufer wird. Und, wenn man ehrlich ist, dann wird sich in der nächsten Zeit auch kein Fernsehredakteur an das Porträt solcher Leute wagen, die während der Schleyer-Entführung gefordert haben, von Zeit zu Zeit ein Mitglied der Stammheimer zu liquidieren, um damit Druck auf die Entführer auszuüben. Das Thema der Gewalt, obgleich sie täglich aufspürbar ist - bei uns wie in allen anderen Ländern auch -, wird in der nächsten Zeit wohl erst einmal totgeschwiegen werden: es gehört der Politik, die will's (scheinbar) für uns alle erledigen.

Deswegen ist der Versuch des 'Spiegel'-Herausgebers Rudolf Augstein, einer Reihe deutscher Regisseure ganz aktuell und spontan die Möglichkeit eines filmischen Beitrags zu dieser Situation zu ermöglichen, auch so außergewöhnlich - und so schwer realisierbar. Bei der ersten gemeinsamen Sitzung, zu der Augsteins Filmverlag der Autoren geladen hatte, waren sämtliche beteiligten Regisseure unter dem Eindruck der Schleyer-Entführung und der nachfolgenden Sympathisanten-Jagd bereit und auch in der Lage, rasche Themenvorschläge zu entwickeln. Doch die Idee zu diesem Film 'Deutschland im Herbst' verlangte eine bestimmte Begabung ab: die zur Spontaneität. Rainer Werner Fassbinder drehte innerhalb kürzester Zeit mit seiner Mutter und mit Armin Meier eine sehr persönliche und deprimierende Filmepisode zur deutschen Situation von knapp 40 Minuten Länge. Volker Schlöndorff und Alexander Kluge sammelten Dokumentarisches und Interviews bei und nach den Beerdigungen von Schleyer, Baader, Raspe und Ensslin, und wollen das Dokumentarische wohl auch beibehalten: Da sieht man zwischen der steinernen Mutter des Stuttgarter Oberbürgermeisters Rommel und der eisigen Frau Schleyer Bundeskanzler Schmidt sitzen. Der Mann der einen hat 'auf höchsten Befehl' und aus Gründen der Staatsräson Selbstmord begangen, der Mann der anderen ist von Kidnappern getötet worden, denen auch aus Gründen der Staatsräson nicht nachgegeben werden konnte. 'Die Realität schreibt die stärksten Romane', hat Kluge mir mal gesagt. Schlöndorff erwartet zudem ein Drehbuch von Heinrich Böll für eine weitere 'Herbst'-Episode.

Bei der zweiten Sitzung der Autoren war Fassbinders Film bereits vorführbereit, war vielleicht auch ein bißchen von dem Engagement verlorengegangen, das die 'Herbst'-Autoren beim ersten Mal beflügelt hatte: Für Spontanes war es nun schon zu spät, schon stellte sich die Frage einer wie auch immer gearteten Objektivität oder auch längerfristigen, perspektivischen Reflexion der Situation. Es war auch just die Zeit, als das SPD-Büro in Bonn ganz einseitig Schlöndorffs Rücktritt aus der FFA meldete und der sich kaum dagegen wehren konnte, weil er sich - während der Rechtsanwalt Klaus Croissant von Frankreich an die Bundesrepublik ausgeliefert wurde - in Paris befand, um mit dem Bunuel-Autor Jean-Claude Carriere Einzelheiten des Drehbuchs zur Verfilmung eines der raren anarchistischen deutschen Nachkriegsromane zu besprechen: der von Günter Grass' 'Blechtrommel'. Jedenfalls: Sich einfach von der Seele zu schreiben, was man angesichts der Auseinandersetzung von 'Sympathisanten'-Jägern und jenen hielt, die noch wenigstens an bürgerliche Sitte und Anstand glaubten, das war da wohl nicht mehr möglich. Da selbst Diskussionen zum Thema 'Deutschland im Herbst' des Jahres 1977 deswegen schwierig sind, weil sie erst einmal damit anfangen, daß man sich von verschiedenen politischen oder aktionistischen Positionen distanzieren muß, ist dieses Gespräch so mühsam wie rar. Auch unter Filmemachern.

Und schon war ja auch durch die Berichterstattung in den aktuellen Medien der Normenkatalog des Möglichen an Formulierung und Rekonstruktion festgelegt. (Man erinnere sich an den Tag der Auffindung der Leiche von Hanns-Martin Schleyer: Da änderte das Bayerische Fernsehen nicht nur sein Programm, indem es statt eines geplanten Jerry-Lewis-Films den Klassiker 'La regle du jou' von Renoir ausstrahlte, es besann sich auch kurz vor dem Ende des Films, daß da zwei Mordanschläge verübt werden und blendete den Film ohne Angabe von Gründen aus. Und da befand sich das an diesem Abend vom Sport besessene ZDF in der Zwickmühle, für die ganze Nation zu entscheiden, was mehr interessierte: ein Elfmeter in der Fußballpartie zwischen Schalke 04 und dem DDR-Verein Magdeburg, oder aber ein aktueller Bericht aus Mülhausen.) Und schon muß der Schriftsteller Max Frisch wenigstens einen unterstreichenden Nebensatz bauen, wenn er vor einem SPD-Parteitag sagen möchte, daß im Oktober 1977 nicht nur Schleyer ermordet, sondern auch noch drei weitere Menschen gestorben sind, damit er für einen kleinen Augenblick lang die Zustimmung zu der Bezeichnung 'Menschen' bekommt. Was kann da der Film, der so viel eindeutiger und einprägsamer ist als das Wort.

In der Tat ist die Ankündigung des Filmverlags der Autoren für den geplanten Film da schön formuliert, wo sie davon spricht, die Regisseure wollten 'die Möglichkeiten des freiproduzierten Kinofilms nutzen...' So frei ist der nicht mehr.

FR vom 31. Dezember 1977

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