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„Mentalitätsunterschiede“? Angela Merkel und Emmanuel Macron sind nicht immer auf einer Linie.

Deutsch-französische Missverständnisse: Merkels Worte sorgen für Aufregung

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Der Wahlkampf macht Paris nervös und sorgt für Irritationen. Eine Analyse von Birgit Holzer.

Es sind nur ein paar Sätze, die die deutsche Kanzlerin über ihr Verhältnis zum französischen Präsidenten gesagt hat. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ räumte sie diese Woche „Mentalitätsunterschiede“ und „Unterschiede im Rollenverständnis“ ein, während Deutschland und Frankreich „in den großen Linien natürlich“ übereinstimmten.

Dennoch haben diese wenigen Worte in Frankreich für Aufregung gesorgt, wo die Beziehungen zum Nachbarn im Osten nervös beobachtet werden. Sie gelten als Gradmesser für die eigene Position in Europa, zwischen dem Wunsch, die französische Stärke zu behaupten, und jenem, eine gute Beziehung zu Deutschland zu bewahren. Aus dieser machte Präsident Emmanuel Macron eine Priorität, indem er Angela Merkel in wichtigen Reden meist erwähnt und bei öffentlichen Auftritten demonstrativ ihre Nähe sucht. Erst im Januar wurde mit großem Pomp der „Aachener Vertrag“ für eine vertiefte Zusammenarbeit unterzeichnet.

Umso sensibler wurde nun Merkels Aussage über „Mentalitätsunterschiede“ wahrgenommen – auch wenn sie hinzufügte, dass sie schon mit früheren französischen Staatschefs bestanden. Hinzu kommt, dass ihr Satz „Wir ringen miteinander“ zunächst missverständlich als „konfliktreiche Beziehung“ übersetzt wurde. Der Chef der oppositionellen Republikaner, Laurent Wauquiez, der fließend Deutsch spricht, setzte noch eins drauf, indem er erklärte, Merkel habe einen Ausdruck aus dem Boxen verwendet. „Die Beziehungen zwischen beiden Ländern waren seit Jahrzehnten nicht mehr so beschädigt“, folgerte Wauquiez.

Merkel sprach hingegen von keiner Verschlechterung ihres Verhältnisses zu Macron, lediglich von „Ungleichzeitigkeiten“: Der Präsident hatte kurz nach der Bundestagswahl im September 2017 in seiner Sorbonne-Rede zahlreiche europapolitische Vorschläge gemacht, auf die Deutschland – monatelang in Koalitionsverhandlungen gefangen – wenig erwiderte. Der Koalitionsvertrag fiel weitaus weniger leidenschaftlich aus als Macrons Ausführungen. Bewusst positionierte er sich damit als mutiger Europa-Visionär, während Berlin die Rolle der lahmen Ente zukam.

Macron lehnt Weber als EU-Kommissionspräsidenten ab

In deutschen Diplomatenkreisen heißt es hingegen, ein fruchtbarer Austausch könne nicht darin bestehen, dass Frankreich vorschlage und Deutschland Ja sage: Manchen Ideen Macrons wie jener eines Budgets für die Eurozone fehlten über die plakative Forderung hinaus die konkretere Ausgestaltung.

Dass auf den „Brief an die europäischen Bürger“, mit dem Macron Anfang März den EU-Wahlkampf einleitete, nicht Merkel antwortete, sondern ihre Nachfolgerin an der CDU-Spitze, Annegret Kramp-Karrenbauer, sorgte wiederum in Paris für Irritation.

Seinen Vorschlag eines europäischen Mindestlohns lehnte „AKK“ ab, plädierte aber dafür, dass Frankreich seinen permanenten Sitz im UN-Sicherheitsrat mit den Europäern teile. Zudem forderte sie die Abschaffung des zweiten Sitzes des Europäischen Parlamentes in Straßburg – ein Affront für den Nachbarn. Beim Thema der Förderung von Zusammenarbeit unter anderem bei Technologieentwicklung, Grenzschutz oder Verteidigung pflichtete Kramp-Karrenbauer Macron bei. Tatsächlich gehört es aber auch zu den Merkmalen der deutsch-französischen Beziehung, dass Gemeinsamkeiten weniger hervorgehoben werden als Unterschiede.

So lehnt Macron den CDU-Politiker Manfred Weber als möglichen künftigen EU-Kommissionspräsidenten ab; er strebt mit seiner Partei „La République en Marche“ in eine andere Fraktion. Die EU-Wahl ist wichtig für ihn, er fürchtet, hinter den Rechtspopulisten zurückzubleiben. Vor diesem Hintergrund wird die Beziehung zum Nachbarn zum Wahlkampfthema mit nationaler Bedeutung. Aber das gilt für beide Seiten.

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