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Deutschland fehlen 150.000 Lehrkräfte

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Von: Peter Hanack

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Sieht so die Zukunft der Schulen in Deutschland aus?
Sieht so die Zukunft der Schulen in Deutschland aus? © iStock/Bruckmann/Ippen.Media

Der Verband Bildung und Erziehung rechnet für das Jahr 2030 mit einem erheblichen Mangel an den Schulen in Deutschland. Dabei geht es auch um Bildungsgerechtigkeit.

Frankfurt - Deutschland gehen die Lehrerinnen und Lehrer aus. Diesen Schluss legt eine am Dienstag vorgestellte Untersuchung des renommierten Bildungsforschers Klaus Klemm im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) nahe. Davon betroffen wäre nicht nur der reguläre Unterricht, sondern gefährdet wären auch Vorhaben wie Inklusion oder der Ausbau von Ganztagsangeboten.

Klemm legt seiner Studie Zahlen zugrunde, die auch die Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) verwendet. Demnach müssen in Deutschland bis zum Jahr 2030 rund 363 000 neue Lehrkräfte eingestellt werden. Diese seien nötig, um ausscheidende Pädagog:innen zu ersetzen und der um rund acht Prozent steigenden Zahl von Schüler:innen gerecht zu werden.

Kultusministerkonferenz sieht moderaten Mangel

Während allerdings die KMK davon ausgeht, dass bis zum Jahr 2030 rund 350 000 neue Lehrkräfte zur Verfügung stünden, kommt Klemm zu einem anderen Ergebnis. Er rechnet mit 286 000 neuen Lehrerinnen und Lehrern. Fehlen nach Einschätzung der KMK im Jahr 2030 also lediglich rund 14 000 Lehrkräfte an Deutschlands Schulen, sieht Klemm eine riesige Lücke von 81 000.

Jung und Lehrerin. Eine gute Kombination, denn das pädagogische Personal wird rar in Deutschland.
Jung und Lehrerin. Eine gute Kombination, denn das pädagogische Personal wird rar in Deutschland. © Julian Stratenschulte/dpa

Das ergibt sich laut Klemm daraus, dass die KMK weder die jüngsten Entwicklungen bei den Studierendenzahlen im Lehramt berücksichtige noch die zurückgehende Zahl der Schulabgänger:innen in den nächsten Jahren. Die Rechnung sei daher „höchst unseriös“, sagt Klemm, der unter anderem dem wissenschaftlichen Beirat der Pisa-Studien und dem Beirat für die deutsche Bildungsberichterstattung angehörte.

„Ernste Bedrohung“

Und noch ein weiterer Punkt lasse die KMK-Prognose eines vergleichsweise moderaten Mangels hinfällig erscheinen. Würden die großen Bildungsvorhaben wie Inklusion, der Abbau von Bildungsungerechtigkeiten sowie Ganztagsbetreuung bzw. -unterricht weiterverfolgt, ergebe sich daraus ein weiterer Bedarf an rund 74 000 Lehrkräften, rechnete Klemm vor. In der Summe fehlten im Jahr 2030 also mehr als 150 000 Lehrerinnen und Lehrer.

„Das ist eine ernsthafte Bedrohung der Bildungsqualität und Bildungsgerechtigkeit sowie des Wohlstands in Deutschland“, sagte dazu der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann. Die Kultusministerkonferenz verschleiere den Ernst der Lage, die Situation sei „viel dramatischer“. Zumal selbst bei der Zahl der mehr als 150 000 fehlenden Lehrkräfte noch keinerlei Verbesserungen wie beispielsweise kleinere Klassengrößen oder eine Entlastung der Lehrkräfte bei der Pflichtstundenzahl eingerechnet seien.

Vor allem im Osten: alte Lehrkräfte

Ein Blick in die Ländertabellen zeigt, dass der Lehrkräftebedarf unterschiedlich ausfällt. Das liegt vor allem am Alter der heute Beschäftigten. So sind in Sachsen-Anhalt und Thüringen fast zwei von drei Lehrkräften älter als 50 Jahre. Ihr Ausscheiden aus dem Schuldienst ist also absehbar. Im gesamten deutschen Osten liegt dieser Anteil um die 60 Prozent, bundesweit sind es knapp 38. Hessen liegt mit 34 Prozent etwas darunter, Spitzenreiter ist Saarland mit 26 Prozent.

Besonders gravierend fällt der Mangel bei Lehrkräften in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik aus. In diesen so genannten Mint-Fächern wird schon heute häufig fachfremd unterrichtet. Klemm geht davon aus, dass 2030 nur noch ein Drittel der frei werdenden Stellen mit Fachlehrkräften besetzt werden können, bei den Informatiklehrkräften seien es sogar weniger als sechs Prozent.

Gleiche Bezahlung gefordert

Bund, Länder und Kommunen müssten umgehend gegensteuern, forderte Beckmann. Nötig sei eine Fachkräfte-Offensive, mehr Studienplätze und bessere Studienbedingungen, auch um die Zahl der Abbrechenden zu verringern. Das Personal an den Schulen müsse multiprofesssioneller werden, um Lehrkräfte im Unterricht zu unterstützen und etwa von Verwaltungsaufgaben zu entlasten. Zudem müsse der Beruf durch bessere Arbeitsbedingungen und eine gleiche Bezahlung aller Lehrkräfte attraktiver gemacht werden.

Siehe Kommentar „Lücken schließen“

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