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Deutschland fackelt Biogas ab

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Von: Jörg Staude

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Wenn dem Stromnetz Überlastung droht, haben manche Biogasanlagen plötzlich mehr Gas, als sie brauchen.
Wenn dem Stromnetz Überlastung droht, haben manche Biogasanlagen plötzlich mehr Gas, als sie brauchen. © Bodo Schackow/dpa

Sind die Stromnetze überlastet, müssen manche Erzeuger ihre Abgabe herunterfahren. Bei Biogas-Anlagen bedeutet dies, dass dann die Speicher überlaufen.

Am vergangenen Donnerstag bekam Biogasanlagen-Betreiber Hans-Dieter Kuhlenkamp eine Nachricht seines Netzbetreibers. Der Inhalt: Für viereinhalb Stunden muss er die Stromerzeugung seiner Anlage im niedersächsischen Wietzen herunterfahren, die 750 Kilowatt also vom Netz nehmen.

Am Freitagmorgen ging es mit der erzwungenen Null-Leistung weiter, zunächst für zwei Stunden von sechs bis acht Uhr. Um die Mittagszeit wurde dann noch mal für weitere Stunden abgeregelt – so der Fachbegriff.

Für den Anlagenbetreiber ist das Prozedere nichts Neues. Von Oktober 2021 bis März 2022 hatte er die Stunden, in denen die Anlage vom Netzbetreiber abgeregelt wurde, zusammengezählt und kam auf fast 200.

Die längste Abregelung ging über zwei Tage. Da läuft dann auch sein Gasspeicher voll und das weiter anfallende Biogas muss abgefackelt werden.

Besonders fatal für Kuhlenkamp: Wird der Strom voll abgeregelt, muss auch die Wärmebereitstellung eingestellt werden. Die Verpflichtungen zum Wärmeliefern laufen aber weiter. Es bleibt dem Betreiber dann nichts anderes übrig, als ersatzweise fossiles Gas oder Öl einzusetzen.

All das findet der Geschäftsführer ziemlich widersinnig, gerade seitdem der Erdgaspreis durch den Ukraine-Krieg in astronomische Höhen geschossen ist. „Das versteht niemand mehr, dass wir Biogas abfackeln und dafür zugleich teilweise sogar Erdgas verbrennen müssen“, sagt er. Dass erneuerbare Energien über den sogenannten Redispatch abgeregelt werden, ist ein altes Problem. Gerade im Norden hält das Stromsystem mit dem Ausbau der Erneuerbaren nicht Schritt. Kommt es zu Engpässen im Netz, werden im Redispatch vor dem Engpass Stromerzeuger herunter- und danach wieder hochgefahren.

„Das Problem mit der Abregelung zeigt sich besonders in Nordniedersachsen, Schleswig-Holstein und teilweise auch im Osten Deutschlands, wo relativ viel Windenergie vorhanden ist“, erläutert Florian Strippel, beim Biogasverband für Stromnetze und Systemdienstleistungen zuständig. Die Einnahmeverluste bekommen die Erzeuger ersetzt. Das Geld dafür zahlen die Stromkunden über die Netzentgelte.

Ums Geld geht es der Biogasbranche bei ihrer Kritik am Abfackeln aber nicht. „Mittlerweile hörten wir schon oft, dass die Fackeln nicht mehr stillstehen, weil die Anlage über mehrere Tage abgeregelt wird oder man gar nicht gesagt bekommt, wie lange das dauert“, skizziert Energieexperte Strippel den wachsenden Ärger. Und wie Kuhlenkamp müssen Betreiber mit Wärmeversorgung eine Ersatzwärmebereitstellung organisieren. „Die ist in vielen Fällen fossil, egal, ob dann der Betreiber oder der Wärmekunde selbst dafür sorgen muss“, bestätigt Florian Strippel.

Eingriff in die Produktion der Kraftwerke

Beim „Redispatch “ wird der Einsatz der Kraftwerke zwangsweise geändert, um Netzengpässe zu vermeiden. Wo der Stromverbrauch hoch ist, kann von den Netzbetreibern zusätzliche Kraftwerksleistung abgerufen werden. Wo der Bedarf geringer ist, wird weniger Strom eingespeist.

Konventionelle Kraftwerke können ab zehn Megawatt ins Redispatch einbezogen werden, erneuerbare Erzeuger und Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen ab 100 Kilowatt Leistung. Wenn sie fernsteuerbar sind, auch bei geringer Leistung.

Im Jahr 2021 wurde durch das Redispatch insgesamt eine potenzielle Erzeugung von 27 400 Millionen Kilowattstunden verhindert, das entspräche rund fünf Prozent der gesamten deutschen Stromerzeugung. Die Kraftwerksbetreiber erhielten als Entschädigung im vergangenen Jahr rund 2,3 Milliarden Euro. js

Schon im Frühjahr sorgten sich niedersächsische CDU-Landtagsabgeordnete über die Folgen der Gasfackeln. In der Öffentlichkeit werde das Verbrennen von Biogas mit Blick auf die Verfügbarkeit von Erdgas mit Unverständnis zur Kenntnis genommen, bemerkten die Parlamentarier in einer Anfrage an die Landesregierung.

Seit Monaten rührt sich bei dem Problem aber nichts. „Der Fokus der Bundesnetzagentur und der Netzbetreiber liegt ausschließlich auf dem Stromnetz“, kritisiert Florian Strippel.

Tatsächlich gilt die Stromproduktion als das einzige Kriterium beim Abregeln. Ob eine Anlage auch Wärme erzeugt, spielt keine Rolle. „Beim Redispatch gibt es derzeit keine Unterscheidung zwischen Erneuerbaren-Anlagen, die Strom und Wärme erzeugen, und solchen, die nur Strom erzeugen“, erläutert Strippel.

Über den wirklichen Umfang des Notfackelns sind keine Angaben bekannt, weder beim besonders betroffenen Land Niedersachsen noch bundesweit. Es gebe keine energierechtliche Meldepflicht für Biogasbetreiber zum Umfang möglicher Abfackelungen, räumt das niedersächsische Energieministerium ein.

Die Bundesnetzagentur erhebt lediglich, welche Strommengen durch das Abregeln nicht erzeugt wurden. Nach ihren Angaben betrug diese „Ausfallarbeit“ 2021 bei Strom aus Biomasse, Biogas eingeschlossen, bundesweit 77 Millionen Kilowattstunden. 2022 erreichte die Ausfallarbeit dieselbe Höhe von 77 Millionen schon Mitte des Jahres. Damit hätten rechnerisch mehr als 50 000 Haushalte mit Strom versorgt werden können.

Die Bundesnetzagentur ziehe sich auf die Position zurück, dass die abgeregelten Betreiber ja entschädigt würden, kritisiert Biogasexperte Strippel. „Uns geht es aber darum, dass es dem Verbraucher nicht vermittelbar ist, wenn er zuschauen kann, wie die Fackel brennt, und in den Nachrichten zugleich hört, dass er nur noch fünf Minuten duschen soll, um Gas zu sparen.“

Um wenigstens einen Teil des Problems zu lösen, schlägt er vor, die Abschaltreihenfolge zu verschieben und zwischen Anlagen, die nur Strom erzeugen, und solchen zu unterscheiden, die Strom und Wärme erzeugen.

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