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Einreise-Visum für Deutschland: „Es bestehen begründete Zweifel“

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Begehrtes Stück Papier: Schengen-Visum
Begehrtes Stück Papier: Schengen-Visum © Imago

Die kenianische Autorin Lorna Likiza beantragt ein Visum für einen Besuch in Deutschland – zwei Mal. Ihre Anträge werden abgelehnt. Hier erzählt sie, wie demütigend die Begründung für sie ist.

Wenn ich in den vergangenen Jahren einen Beitrag für eine Literaturzeitschrift oder einen Preis eingereicht habe, habe ich in meiner Biografie immer den Wunsch erwähnt, europäische Städte zu besuchen. Ich wollte vor allem in die kleinen Städte, von denen ich im Französischunterricht gehört und die ich in den Lehrbüchern gesehen hatte, mit ihren gepflasterten Straßen, den Restaurants im Freien und den alten, gut erhaltenen Gebäuden, die so dicht aneinandergebaut waren, dass die Gassen dazwischen wie Abenteuerpfade aussahen. Ich wollte die frische Luft atmen, mein Sommerkleid anziehen, die Sonnenbrille tragen, ohne mich um den Rest der Welt zu kümmern.

Als Afrikanerin war mir bewusst, wie schwierig es ist, ein Visum für eine Reihe von Reisezielen im westlichen Ausland zu erhalten. Das schwierigste ist sicherlich das Visum für die Vereinigten Staaten. Ich wusste von Verwandten und Freunden, die mehrmals versucht hatten, ein US-Visum zu bekommen, und jedes Mal wurde es ihnen verweigert. Dabei spielte es keine Rolle, dass sie Verwandte in den USA hatten, die eine Green Card besaßen und dort lebten und arbeiteten. Das Visum blieb für sie unerreichbar. Es war wie eine scheinbar unüberwindbar hohe Hürde, und ich musste mit ansehen, wie sie jede Hoffnung verloren, ihre Familienmitglieder jemals zu besuchen.

Dann verliebte ich mich in einen deutschen Mann aus Frankfurt, und es schien die Zeit für mich gekommen, endlich meinen Wunsch wahr werden zu lassen und Europa zu besuchen. Die Fotos, die er mir regelmäßig von seiner Heimat schickte, machten mich neugierig darauf, seinen Teil der Welt zu sehen. Aber wie es das Schicksal wollte, kam er zuerst nach Kenia. Das Visumverfahren überraschte ihn, wie schnell und effizient es ablief. Alles wurde online erledigt, und er musste nicht persönlich bei der kenianischen Botschaft in Berlin vorstellig werden.

Ein paar Monate später war ich an der Reihe. Ich hatte mit Freundinnen darüber gesprochen, dass ich nach Deutschland reisen wollte, und sie hatten mir versichert, dass das Verfahren im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien und den USA nicht so schlimm sei. Das beruhigte mich, und ich freute mich darauf, in der deutschen Botschaft in Nairobi mein Schengen-Visum zu beantragen. Ich stellte alle Unterlagen zusammen, mein Freund schickte mir wiederum seine Dokumente per Post. Die Gebühr für den Visumsantrag betrug 80 Euro, etwa 9700 Kenia Schilling. Es gab keinen Grund zur Sorge, dachten wir.

Lorna Likiza , 32 Jahre alt, ist Autorin von Kinderbüchern und Essays. Aufgewachsen ist sie in Eldoret, Kenia, und studierte Touristik in Nairobi. Sie organisiert alljährlich die mehrtägige Literaturveranstaltung „Heroe Book Fair“ in Mombasa.
Lorna Likiza. © Privat

Zur Person

Lorna Likiza , 32 Jahre alt, ist Autorin von Kinderbüchern und Essays. Aufgewachsen ist sie in Eldoret, Kenia, und studierte Touristik in Nairobi. Sie organisiert alljährlich die mehrtägige Literaturveranstaltung „Heroe Book Fair“ in Mombasa. Zudem ist sie für die Webseite cultureafrica.net mitverantwortlich. Sie lebt in Mombasa. FR privat

Mir wird unterstellt, dass ich nicht nach Hause zurückkehren will

In der deutschen Botschaft in Nairobi wurde ich in der Biometrie-Abteilung vorstellig. Ein kenianischer Beamter stellte mir die üblichen Fragen, und ich beantwortete sie, so gut ich konnte. Besonders interessiert war er an den Gründen für meinen Besuch in Deutschland, die ich mit touristischen Zwecken angab. In unserer Naivität hatten mein Freund und ich nicht bemerkt, wie heikel die Beantragung eines Visums sein konnte, und dass wir unbedingt hätten angeben müssen, dass wir ein Paar waren. Es gibt, wie ich heute weiß, sogar ein Formular dafür, der „Proof of Relationship“ – der „Nachweis einer Beziehung“. Als uns die Tragweite dieses Versäumnisses klar wurde, war es zu spät: Es dauerte eine Woche, bis ich meinen Reisepass und ein Dokument erhielt, in dem stand, dass mein Visum abgelehnt worden war.

Mir stiegen sofort die Tränen in die Augen, vor allem als ich die Gründe für die Verweigerung las. Es hieß, dass „meine Reiseroute nicht klar genug war“ (wir hatten angegeben, sowohl Deutschland, als auch Frankreich zu besuchen) und dass „begründete Zweifel an meiner Absicht bestanden, das Schengen-Gebiet vor Ablauf meines Visums zu verlassen“. Kurz gesagt, man traute mir nicht zu, wieder nach Hause zurückzukehren.

Ich empfand das als beleidigend. In meinem Wunsch, Europa zu besuchen, hatte ich doch nie in Erwägung gezogen, mich irgendwo auf dem Kontinent zu verstecken. Ich hatte immer vorgehabt, zurückzukommen, aber die deutsche Botschaft war offensichtlich anderer Meinung und unterstellte mir, bloß einen Fluchtweg nach Europa zu suchen und meinem Land den Rücken zu kehren. Ich starrte auf die Papiere mit einer Mischung aus Unglauben, Schmerz und Wut.

Meine Integrität gilt als „fragwürdig“

In den folgenden Tagen zogen mein Freund und ich in Erwägung, die Entscheidung offiziell anzufechten. Doch ich hatte zunehmend das Gefühl, dass ich meinen Patriotismus unter Beweis stellen musste, indem ich diesem Schengen-Visum nicht hinterherlief. Wir einigten uns schließlich darauf, die Entscheidung der Botschaft nicht anzufechten. Und so fügte ich mich in die Reihe der vielen Afrikaner:innen ein, denen ein Visum verweigert wurde, weil ihre „Integrität“ als „fragwürdig“ galt.

Aber das englische Sprichwort „einmal gebissen, zweimal gescheut“ traf in diesem Fall nicht auf mich zu. Genau ein Jahr später, Ende Juli 2022, war ich wieder in Nairobi, um meine Unterlagen für einen Schengen-Visumantrag für Deutschland vorzulegen. Mein Freund und ich waren uns sicher, dass wir unsere Lektion gelernt hatten, und ich hatte akribisch alle notwendigen und zusätzlichen Dokumente zusammengetragen, damit es keinen Grund gab, an meiner Bereitschaft zu zweifeln, nach Ablauf der Aufenthaltsdauer wieder nach Hause zu kehren. Ich kam noch früher als zu meinem Termin um 11.30 Uhr und verbrachte schließlich fast fünf Stunden in der Behörde, bis ich endlich nach Hause konnte, müde vom Schlangestehen, aber mit der Hoffnung, dass es dieses Mal anders ausgehen würde.

Ich meinte, man würde mir nun sicher kein Visum mehr verweigern, wenn ich alle erforderlichen Dokumente vorgelegt hatte, um zu beweisen, dass ich mit einem deutschen Staatsbürger liiert war. Auch mein Freund war zuversichtlich, dass ich Ende September in Frankfurt sein würde, und ich freute mich schon darauf, der Flug war gebucht.

Aber wie falsch wir doch lagen! Ich erhielt meine Antwort eine Woche später, zugestellt von DHL um 6.30 Uhr an einem ungewöhnlich kühlen Montagmorgen. Zu meinem großen Entsetzen las ich, dass ich zum zweiten Mal eine Ablehnung erhielt. Und siehe da, wieder gab es „begründete Zweifel“ an meiner Absicht, das Schengen-Gebiet vor Ablauf meines Visums zu verlassen.

Jedes Jahr erhalten die westlichen Staaten Millionen Euro an Visagebühren

Ich hatte mit Tränen in den Augen gerechnet, wie beim ersten Mal. Doch ich weinte nicht. Ich hatte den Drang erwartet, die Papiere wütend in Stücke zu reißen, wie beim ersten Mal. Aber ich fühlte keine Wut. Ich war wie stumpf, legte die Papiere zur Seite. Mein Freund war zu diesem Zeitpunkt bereit zwei Mal in Kenia gewesen, die Beantragung eines Visums verlief für ihn jeweils problemlos.

Nicht zuletzt das bürokratische Drama, mit dem einige afrikanische Athlet:innen in diesem Sommer konfrontiert waren, um zu den Leichtathletikweltmeisterschaften in den USA zu gelangen, wirft ein Schlaglicht auf die Visaprobleme, mit denen insbesondere Afrikaner:innen zu kämpfen haben. Das Verrückte ist, dass wir jedes Jahr unfreiwillig Millionen an die reichen Länder spenden, indem wir hohe Visagebühren zahlen, ohne ein Visum gewährt zu bekommen. Tourist:innen aus den Vereinigten Staaten, die Südafrika besuchen, benötigen beispielsweise kein Visum, während Südafrikaner:innen 160 Dollar oder mehr für ein US-Visum zahlen.

Im Jahr 2015 gaben Staatsangehörige von 16 afrikanischen Ländern fast 45 Millionen Pfund für Visumanträge in Großbritannien aus. Davon entfielen 13 Millionen Pfund auf erfolglose Anträge. Abgesehen davon, dass es teuer ist, ist der Umfang der geforderten persönlichen und finanziellen Informationen indiskret und oft demütigend. Und es ist eine dokumentierte Tatsache, dass Afrikaner:innen zum Beispiel doppelt so häufig ein Visum für Großbritannien verweigert wird wie anderen Reisenden.

Mein Freund und ich haben Einspruch gegen die Ablehnung eingelegt

Meinem Freund und mir wurde klar, dass eines der entscheidenden Hindernisse bei Fernbeziehungen in dem grotesken und schon viel zu lange währenden Unterschied besteht, ein Visum für das jeweilige Land zu erhalten. Das ist die Realität, gegen die wir beide so gut wie möglich ankämpfen wollen. Es ist, als wollte man uns einen Grund dafür geben, selbst an unserer Entschlossenheit zu zweifeln, wieder nach Hause zurückzukehren. Der weitaus größte Teil der Menschen in Afrika will das, selbstverständlich. Sie lieben ihr Land, trotz tatsächlicher oder auch vermeintlicher Probleme, mit denen sie dort konfrontiert sind. Sie lieben ihre Familien, legen Wert auf sie, wollen sie nicht verlassen.

Es ist höchste Zeit für ein Umdenken. Es muss aufhören, den Menschen afrikanischer Abstammung mit Misstrauen und Unterstellungen zu begegnen. Und im Zweifelsfall gibt es ohnehin genügend Möglichkeiten in den westlichen Ländern, um sicherzustellen, dass Afrikaner:innen die Länder, die sie besuchen, auch wieder verlassen, wenn ihr Visum abgelaufen ist.

Mein Freund und ich haben nun gegen die Ablehnung Einspruch eingelegt. Mal sehen, was demnächst in der Post ist. (Lorna Likiza)

Übersetzt aus dem Englischen von Hans Hofele

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