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In Berlin besteht die Möglichkeit, seine Stimme vor der eigentlichen Bundestagswahl in der Briefwahlstelle auf den Bürgerämtern abzugeben.

Bundestagswahl

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Rund 61,5 Millionen Deutsche können am Sonntag wählen. Die FR stellt typische und untypische Wahlkreise vor und zeigt auf, wie sie politisch ticken.

Rund 61,5 Millionen Deutsche sind zur Bundestagswahl an diesem Sonntag aufgerufen. Sie können sich ihre Volksvertreter aus 4828 Kandidaten aussuchen. Gewählt wird in bundesweit 299 Wahlkreisen. Die FR zeigt, welche davon besonders typisch oder untypisch sind – und wie sie politisch ticken.

55 – Bremen II: Die Arbeitslosen

Hoch im Norden und tief im Westen liegen die beiden Wahlkreise mit den höchsten Arbeitslosenzahlen bei dieser Bundestagswahl. Die Negativliste führt Gelsenkirchen in Nordrhein-Westfalen an, in Sachen Langzeitarbeitslosigkeit jedoch dicht gefolgt vom Wahlkreis Bremen II, der neben den nördlichen Bremer Stadtteilen auch die kreisfreie Stadt Bremerhaven umfasst. Im Wahlkreis lebt jeder Sechste von Hartz IV. Die Ergebnisse von 2013 zeigen, dass die SPD in Bremen II mit 38,8 Prozent vergleichsweise stark ist – übrigens auch in Gelsenkirchen, wo sie zuletzt mit 44 Prozent ihr bundesweit bestes Ergebnis erreichte. Den Wahlkreis Bremen II vertrat im Bundestag in der endenden Legislaturperiode der frühere Bremer Senator und SPD-Landeschef Uwe Beckmeyer, zuletzt Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Zur Wahl am Sonntag tritt er nicht nochmal an. Um sein Mandat bemüht sich nun der Hafenfacharbeiter Uwe Schmidt, erst seit 2010 in der SPD.

182 – Frankfurt/Main I: Die Zuwanderer

Frankfurt am Main ist sowohl internationale Wirtschaftsmetropole, die Banker und Manager vor allem aus ganz Europa anzieht, als auch eine Einwanderungshochburg. So kommt es, dass in diesem Jahr erstmalig mehr als die Hälfte der Stadtbevölkerung selbst Ausländer ist oder ausländische Wurzeln hat. Bereits 2015 waren mehr als 90 Prozent der weltweit 194 Staatsangehörigkeiten in Frankfurt vertreten. Frankfurt besteht aus zwei Wahlkreisen mit sozialen Gegensätzen: So verdienen die Einwohner von Frankfurt I deutlich schlechter als im benachbarten Wahlkreis Frankfurt II, auch die Arbeitslosenquote ist höher. 31,4 Prozent der Bewohner im Wahlkreis Frankfurt am Main I haben eine ausländische Staatsangehörigkeit – das ist bundesweiter Rekord. Die größte Gruppe sind Menschen mit türkischen Wurzeln. 2013 ging das Mandat an die CDU: Kandidat Matthias Zimmer siegte mit 33,5 Prozent vor der SPD mit 26,8. Die AfD kam damals auf 5,3 Prozent, wenig mehr als im Bundesdurchschnitt.

51 – Helmstedt-Wolfsburg: Die Autobesitzer

Mit mehr als 60.000 Arbeitnehmern ist Volkswagen nicht nur der größte Arbeitgeber in Wolfsburg – sondern auch ein politischer Faktor. Seit die Dieselkrise ausbrach, liegen hier die Nerven blank. Kein Wunder: Im Wahlkreis Helmstedt-Wolfsburg – der die Städte und Gemeinden Wolfsburg, Büddenstedt, Helmstedt, Königslutter am Elm, Lehre und Schöningen umfasst –, ist man gleich doppelt betroffen: wegen des Hauptarbeitgebers und weil es nirgends in Deutschland so viele Fahrzeuge gibt. Laut Kraftfahrt-Bundesamt sind hier pro 1000 Einwohner 977,4 Pkw zugelassen. Der nationale Durchschnitt liegt bei 668,9. Kein Wunder, dass auch der bisherige Volksvertreter des Wahlkreises eine Verbindung zum Autobauer hat: CDU-Mann Günter Lach absolvierte schon seine Ausbildung zum Werkzeugmacher bei VW. Er tritt wieder an und hat gute Chancen. Vor vier Jahren war die CDU hier stärkste Kraft mit 41 Prozent, gefolgt von der SPD mit knapp 35 und den Grünen mit knapp 7, der Rest lag unter 5 Prozent.

77 – Berlin-Reinickendorf: Der Bundesdurchschnitt

Die Hauptstadt ist in ein Dutzend Wahlkreise aufgeteilt, aber einer davon, ganz oben im Nordwesten auf dem Gebiet des ehemaligen West-Berlin, könnte prophetische Kräfte haben: Bei der bisher letzten Bundestagswahl jedenfalls votierten die knapp 182.000 Wahlberechtigten in Berlin-Reinickendorf fast genauso wie alle bundesdeutschen Wähler insgesamt. In keinem anderen Ort Deutschlands stimmten die Menschen so repräsentativ ab wie im fünftgrößten Berliner Bezirk. Im Schnitt wichen CDU, SPD, Linkspartei, Grüne, FDP und AfD nur 0,8 Prozentpunkte vom bundesweiten Endergebnis ab. Kleiner, aber feiner Unterschied: Wäre es nach den Berlinern in Reinickendorf gegangen, wäre die AfD mit 6 Prozent in den Bundestag gekommen – tatsächlich fehlten ihr dazu 0,3 Prozent der Stimmen. Dass der Wahlkreis das Bundesergebnis insgesamt so gut abbildet, lässt sich vor allem soziodemografisch begründen: Der Bezirk ist sehr ähnlich zusammengesetzt wie die bundesweite Wählerschaft auch.

68 – Harz: Die Nichtwähler

Vor vier Jahren haben sich rund 30 Prozent aller Wahlberechtigen in Deutschland der Stimme enthalten. Dabei war die Wahlbeteiligung in Ostdeutschland mit 67,6 Prozent niedriger als im alten Bundesgebiet (72,4 Prozent). Die Hochburg der Nichtwähler lag dabei in Sachsen-Anhalt: Im Wahlkreis Harz gingen seinerzeit 41,1 Prozent nicht zur Wahl. Diejenigen, die im Harz ihre Stimmen abgaben, wählten überwiegend CDU (43,5 Prozent), damals war die Linke noch mit rund 23 Prozent zweite Kraft und die AfD unter ihrem damaligen Bundes-chef Bernd Lucke mit 3,8 Prozent weit von der 5-Prozent-Hürde entfernt (aber schon stärker als die Grünen). Bei der Landtagswahl 2016 erreichte die AfD dann bereits 24,3 Prozent der Stimmen. Der Bundestagswahlkreis mit der höchsten Beteiligung war vor vier Jahren übrigens ein Berliner: In Steglitz-Zehlendorf gaben fast vier von fünf Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Auch hier siegte die CDU.

15 – Greifswald III: Die AfD-Anhänger

Die größten Überraschungen am Sonntagabend werden der „Alternative für Deutschland“ zugetraut. Nervös blickt die Politik besonders auf Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und NRW, wo der AfD zugetraut wird, einzelne Wahlkreise zu gewinnen und einen Direktkandidaten in den Bundestag zu entsenden. In Mecklenburg-Vorpommern holten die Rechtspopulisten bei Landtagswahlen im September 2016 ihr bislang bestes Wahlkreis-Ergebnis: In Greifswald III wurden sie mit 32,4 Prozent der Zweitstimmen stärkste Kraft vor der SPD; mit 35,5 Prozent der Erststimmen wurde zudem Ralph Weber der AfD-Direktkandidat mit den meisten Stimmen. Wahlanalysen zeigten, dass die Partei rund 20.000 frühere NPD-Anhänger überzeugte, zudem etwa 23.000 einstige CDU- und 16.000 SPD-Wähler. Auch bei anderen Landtagswahlen konnte die AfD jüngst punkten: In Sachsen-Anhalt schaffte sie 2016 landesweit 24,3 Prozent – der Wahlkreis mit der stärksten AfD-Wählerschaft war Bitterfeld mit 31,9 Prozent.

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