Brexit

Ein deutscher Pass als Sicherheit

Britische Juden lassen sich einbürgern.

Mit einer weißen Lockenperücke auf dem Kopf steht Simon Wallfisch mit seinem Cello vor dem Parlament in London und schmettert Beethovens „Ode an die Freude“ – die Europahymne. Seit eineinhalb Jahren trifft sich der Opernsänger einmal im Monat mit Gleichgesinnten, um gegen den Austritt Großbritanniens aus der EU zu protestieren. „Musiker brauchen Reisefreiheit“, ist auf einem Schild der EU-Anhänger zu lesen.

Wallfisch wird auch nach einem Brexit problemlos in Europa reisen können: Er hat sich einen deutschen Pass besorgt – obwohl die Nazis drei seiner jüdischen Urgroßeltern umgebracht haben.

„Ich musste die große Tragödie meiner Familie nutzen, um die familiäre Zukunft zu sichern“, sagt der 36-jährige Vater von zwei Kindern. Nach dem deutschen Grundgesetz können im Ausland lebende Opfer der NS-Diktatur und ihre Nachfahren die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen.

2015 nutzten gerade einmal 43 Briten dieses Recht. Nach dem Brexit-Votum im darauffolgenden Jahr stieg die Zahl auf 684, im Folgejahr waren es 1667 Anträge und in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres 1229.

Bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs flohen etwa 70.000 Juden vor den Nazis nach Großbritannien. Immer mehr ihrer Kinder und Enkel nehmen nun wieder die Staatsangehörigkeit an, die ihren Vorfahren entzogen worden war.

Musiker Wallfisch ist dieser Schritt nicht leicht gefallen. „Ich fühle mich, als würde ich meine Urgroßeltern verraten“, sagt er. „Andererseits ist da auch ein Gefühl des Triumphs: Dass ich Deutscher werde und dadurch Europäer bleibe, ist auch ein Sieg über die Nazis.“ Dmitry Zaks, (afp)

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