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Sie sind überrascht von diesem Bild zweier prächtiger Schabracken? Ging uns ähnlich. Und leider konnten wir nicht herausfinden, wie ein aus dem Ungarischen und Türkischen entlehnter Begriff für eine Satteldecke zum Schimpfwort wurde. Irgendwann haben wir die Recherche aufgegeben und stattdessen angefangen, den Weihnachtswunschzettel zu schreiben. Wie wohl die Verwandten auf den Wunsch nach einer "bunt gemusterten Schabracke" reagieren?

"Die Deutschen schimpfen auf der fäkalen Linie"

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Im europäischen Sprachraum gehen wir also einen fast diskriminierungsfreien Sonderweg.

Das Deutsche, daran lässt Hans-Martin Gauger keinen Zweifel, ist eine Männersprache. Das zeige sich am generischen Maskulin, sicher, aber noch viel mehr an vielen Schimpfwörtern – vom Flittchen über die Fotze bis zum Luder. Allerdings: In den umliegenden Sprachräumen, dem romanischen und dem slawischen etwa, stehe es noch viel schlimmer um die Beleidigungskultur. Gauger muss es wissen. Der ehemalige Prorektor der Uni Freiburg ist Experte für etwas, das man vielleicht vergleichende Beschimpfungswissenschaft nennen könnte. In seinem vor einigen Jahren erschienenen Buch „Das Feuchte und das Schmutzige. Kleine Linguistik der vulgären Sprache“ beschreibt er verschiedene Traditionslinien beim Schimpfen. Im Vergleich der großen europäischen Sprachräume, so Gaugers These, bestreite das Deutsche einen Sonderweg. Der zentrale Unterschied: „Wir in Deutschland schimpfen auf der fäkalen Linie, während in vielen anderen Sprachen die sexuellen Linie dominiert.“ 

So strotze etwa die Schimpfwörterpalette im Spanischen vor Sex – und vor Frauenverachtung. Und zwar bei jeder erdenklichen Gelegenheit. Das spanische Pendant zu dem bei uns allgegenwärtigen „Scheiße“ sei „Coño“. „Coño“ lässt sich am ehesten mit „Möse“ übersetzen, wird aber in den seltensten Fällen im tatsächlichen Zusammenhang mit Sexualität oder dem weiblichen Körper verwendet, sondern für alles andere. „Ay qué coño“ etwa heißt soviel wie „Ach du Scheiße“. Ähnliche Beispiele gibt es übrigens in vielen anderen Sprachen. Im Französischen etwa. „Tu es con“ wird verwendet im Sinne von „Du bist bescheuert“. Wörtlich übersetzt heißt es aber: „Du bist Fotze“. Und im gesamten slawischen Sprachraum ist „Kurwa“ – also etwa „Schlampe“ oder „Nutte“ – der Beschimpfungs-Allrounder für jede Gelegenheit. Die männliche Sexualität dagegen sei meist positiv konnotiert, stellt Gauger fest, wie im Fall der „Cojones“ (Eier), die für Mut stehen. Negativ-Ausnahmen wie der italienische Fluch „Cazzo“ – also „Schwanz“ – bestätigten die Regel.

Im Deutschen dagegen wird standardmäßig anders geschimpft – auf der „fäkalen Linie“ eben. Neben „Scheiße“ steht etwa der „Arsch“ in allen erdenklichen Varianten hoch im Kurs oder auch „Verpiss dich!“ All das mag weder freundlich noch stilvoll sein, doch einen wesentlichen Vorteil sieht Gauger: Fäkalausdrücke sind diskriminierungsfrei, weil sie alle gleichermaßen betreffen – ob Mann oder Frau, schwarz oder weiß, dick oder dünn. Aufs Klo müssen am Ende alle. 

Vulgäres Fluchen nicht verwerflich

Daran sollten auch Eltern denken, wenn sie das nächste Mal ihren Nachwuchs mit hochgezogenen Augenbrauen dazu bringen, ein angefangenes „Schei...“ in die butterweiche Variante „Scheibenkleister“ abzuwandeln. Denn ganz grundsätzlich, findet Gauger, sei selbst vulgäres Fluchen gar nicht verwerflich. Ja mehr noch, es könne sogar als gesellschaftlicher Fortschritt verstanden werden, „wenn die Tat sich zum Wort ermäßigt“. Mit anderen Worten: Wer schimpft, schlägt sich nicht.

Woher die verschiedenen Traditionslinien des Schimpfens kommen, kann Gauger nicht mit Sicherheit sagen, klar ist für ihn aber, dass es sehr lange Linien sind: „Da spiegelt sich eine uralte Geschichte.“ Sprache reagiere nur träge auf Veränderungen. Das erkläre, warum viele Begriffe, die wir bis heute wie selbstverständlich verwenden, von der gesellschaftlichen Entwicklung längst überholt scheinen. 

Allerdings: Immun ist die deutsche Sprache gegenüber Veränderungen nicht, räumt Gauger ein. Das zeige etwa der Siegeszug des aus dem angelsächsischen entlehnten „Fuck“ oder „Fick dich“ oder der weltweit gängigen Beleidigung der (weiblichen) Familienehre. Auch das mittlerweile inflationäre und von der ursprünglich sexuellen Bedeutung fast vollständig abgelöste „geil“ könnte man hier nennen. 

Mit einem Vorurteil will der Sprachwissenschaftler Hans-Martin Gauger dennoch aufräumen: „Es ist nicht richtig, dass die Jugend sprachlich verroht. Früher wurde viel heftiger, viel schärfer gestritten – und zwar sowohl auf dem Schulhof als auch im Bundestag.“

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