Die deutsche Reue heißt ... Stalingrad

Kein Vergleichen, kein Verzeihen, nichts wieder gut zu machen: Die Versöhnungsverweigerung des Philosophen Vladimir Jankelevitch

Von Natan Sznaider

Es gehört sich heutzutage nicht, sich gegen das Versöhnen zu stellen. Das Leiden der Menschen ist nun universales Gut, und damit wird "Versöhnung" zum Gebot der Stunde. Gegen diese Auffassung wehrt sich die jetzt in deutscher Übersetzung erschienene Essaysammlung des 1985 verstorbenen französischen Philosophen Vladimir Jankelevitch Das Verzeihen. Obwohl der Band noch andere philosophische Stücke versammelt ("Über Georg Simmels Lebensphilosophie", "Von der Lüge", "Das ,Beinahe-Nichts'", "Austerität und Dekadenz"), wird der Essay über das Verzeihen aus dem Jahre 1971 die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Als 1964 in Frankreich beschlossen wurde, dass "Verbrechen gegen die Menschheit" nicht verjährbar seien, begann dort eine Debatte über Vergessen und Verzeihen. Auf Grund dieser Rechtslage konnten dann Klaus Barbie, Maurice Papon und Paul Touvier wegen dieser Verbrechen vor Gericht kommen. Und seit den Nürnberger Prozesse hält die Debatte an, ob "Verbrechen gegen die Menschheit" identisch mit dem Holocaust sind oder ob sich bei der Judenvernichtung um einen spezifischen Fall dieses Verbrechens handelt.

Die Stimme von Jankelevitch kommt aus der Vergangenheit, eine unversöhnliche Stimme, die auf einem lauten "Nein" beharrt: Nein zur Wiedergutmachung, Nein zur Versöhnung zwischen Juden und Deutschen, Nein zur Universalisierung der Holocausterinnerung, Nein zum Verzeihen. Wie Jean Amery, Primo Levi, Imre Kertesz und andere Autoren bewahrt sich Vladimir Jankelevitch, dessen Familie aus Odessa stammte, der im französischen Widerstand kämpfte und an der Sorbonne Philosophie lehrte, sein Recht auf Ressentiment. Jankelevitch traut den Eliten ebenso wenig wie weiten Teilen der Bevölkerung in Deutschland, die die Selbstanklage und die Schuld ihrer Nation als einen moralischen Standard akzeptieren wollen.

Die Diskussion über globale politische Versöhnung und die Vergebung von Schuld hatte gleich nach dem Holocaust begonnen; man denke nur an den Briefwechsel zwischen Karl Jaspers und Hannah Arendt. Während Jaspers aber von "metaphysischer Schuld" sprach, die in authentischer Buße abgebaut werden sollte, betonte Arendt den politischen Aspekt der Verantwortung, der ohne "Authentizität" auskommen kann. Eine wesentliche Unterscheidung, da doch viele der Restitutions- und Versöhnungsdebatten von der Frage geleitet werden, ob die ehemaligen Täter es wirklich "ernst" mit ihrer Reue meinen.

Jankelevitch steht hier eher in der Tradition von Jaspers als von Arendt. Es geht ihm um Reue der Deutschen, deren Vorhandensein er aber bestreitet. Er nimmt die deutschen Täter in ihrer Leidenschaft, den Juden das Recht auf Existenz zu nehmen, ernst. Die Ausrottung der Juden ist für ihn Ausdruck einer ontologischen Bosheit. Das Einzige, was diese Bosheit erträglich machen könnte, wäre das Verzeihen. Ohne Verzeihen wird das Böse in der Tat ontologisch, und das ist genau das, was Jankelevitch will: Die Täter sind für ihn nicht Fanatiker oder blinde Doktrinäre, und sie sind sicher nicht banal. Denn vom Standpunkt des Opfers gesehen kann das Böse nicht banal sein, die Täter sind "Monster"; und für Monster kann es kein Verzeihen geben.

Angesichts der Verbrechen wirkt jede Bestrafung unangemessen; dies ist ein Gedanke, der von Arendt aufgegriffen wird. Was für Jankelevitch übrig bleibt, ist das Ressentiment. Wie Amery, der auch schon in den sechziger Jahren einen Essay über "Ressentiments" schrieb, sieht er in dem "Ressentiment" die einzige moralische Haltung, die nach dem Holocaust möglich ist. Das "Ressentiment", welches gerade im philosophischen Diskurs seit Nietzsche als Vorurteil der Schwachen entlarvt werden sollte, kommt hier in seiner ganzen moralischen Größe zum Tragen.

Jankelevitch widersetzt sich in Bezug auf den Holocaust der Gleichmacherei. Nicht um ein Massaker handelt es sich, nicht um stalinistischen Terror, nicht um Rassismus, es geht nicht um die Atombomben und nicht um Luftangriffe. Gerade die Ruinen von Berlin und Dresden sind für Jankelevitch das Mindeste, was man den Juden schuldet. "Die deutsche Reue heißt Stalingrad? sie heißt Niederlage". Und nur diese deutsche Niederlage ist der wahre Grund, warum der Mord an den Juden sein Ende gefunden hat. Nichts kann wieder gutgemacht werden, und Jankelevitch besteht auf dem Ressentiment als Protest gegen die moralische Amnestie.

Aus heutiger Sicht lässt sich Jankelevitchs Essay als Widerspruch zu den globalen Trends der Versöhnung und ihrer Institutionen lesen: zu all den Wahrheitskommisionen, Historikerkommissionen, Ausstellungen und Mahnmäler, zu der globalen Erinnerung an den Holocaust, in welche Menschenrechtsverletzungen, Völkermord, Bombardierungen und Vertreibungen so bequem integriert werden. Jankelevitchs Stimme soll eine Warnung sein: Die Rechnung wurde ohne die Opfer gemacht.

In Deutschland wurde Jankelevitchs Essay eher als Gegenpol zur häufig diskutierten These von Derrida über die Vergebung bekannt. Auch Derridas Vergebungsthese setzt beim "Verbrechen gegen die Menschheit" an, er sieht in diesem Begriff eine Art Selbstanklage des Menschen. Aber für Derrida ist Vergebung absolut, jenseits einer Tausch-Logik und damit auch jenseits der politischen Logik.

Nur das Unverzeihbare kann vergeben werden, so Derrida. Eine nichtreligiöse Religion. Amery und Jankelevitch dagegen meinen, dass es unmoralisch ist, den Holocaust zu vergeben. Die Vergebung starb im Lager. Sie versuchen nicht, die Irrationalität des Bösen mit der Omnipotenz der Liebe zu versöhnen. Die Opfer sollen ihr Recht auf Unversöhnlichkeit bewahren dürfen. Es sind die Überlebenden, die die Bürde des Ressentiments weiter zu tragen haben, es ist eine philosophische Aufgabe nicht zu vergeben. Das heißt für Jankelevitch, sich "leidenschaftlich zur Wahrheit" bekennen: zur Wahrheit der Ausrottung, der Erniedrigung, des Monströsen, des Horrors, den die Judenvernichtung über ihre Opfer und deren Nachkommen brachte: "Denn diese Agonie wird dauern bis ans Ende aller Tage."

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