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Die Millionenstadt Kahramanmaras liegt in Zentralanatolien. Hier haben die deutschen Soldaten Stellung bezogen.

Patriot-Systeme

Deutsche Raketenschau

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Die Nato führt die einsatzbereiten Patriot-Systeme der Bundeswehr in der Türkei vor.

Nebel wallt von den Bergen und ein Dieselgenerator dröhnt, als türkische und Nato-Offiziere Reporter und Kamerateams in die Gazi-Kaserne von Kahramanmaras bitten. Seit Montag stehen hier jene Patriot-Systeme einsatzbereit, die aus Syrien anfliegende Raketen abschießen sollen. Auf einem durchweichten Lehmplateau hoch über der Stadt haben die Soldaten einen Tross dieser Raketensysteme aufgebaut: Sechs Laster, zum Anschauen und Abfilmen. „Sie sind hier, weil es darum geht, Transparenz zu zeigen“, sagt Nato-Kommunikationsoffizier Dariusz Kasperczyk.

Es geht auch darum, der deutschen, vor allem aber der türkischen Öffentlichkeit die Angst zu nehmen, dass die Waffen einem anderen Zweck dienen könnten, als türkische Städte vor einem Angriff aus dem benachbarten Bürgerkriegsland zu schützen. Syrien verfügt über Mittelstreckenraketen sowie Chemiewaffen, die türkische Regierung hat deshalb die Nato-Hilfe angefordert. Kein Land im Nahen Osten hat sich so eindeutig hinter die syrische Opposition gestellt wie die Türkei, deshalb befürchtet Ankara Vergeltung. In der türkischen Bevölkerung ist dagegen die Sorge verbreitet, die Patriots könnten Attacken überhaupt erst provozieren.

„Unsere Aufgabe ist rein defensiv“

„Unsere Aufgabe hier ist per Definition rein defensiv und dient keinem anderen Zweck, als die Bevölkerung von Kahramanmaras zu beschützen“ – geduldig wiederholen der polnische Oberstleutnant und etwa 20 weitere Nato-Offiziere ihr Mantra. „Unsere Raketen können nur 70 Kilometer weit fliegen, sie können also syrisches Gebiet gar nicht erreichen.“ Syrien ist gut 120 Kilometer entfernt. Doch immer wieder fragen die Reporter nach. Dienen die Patriots nicht in Wahrheit dazu, sich in den Bürgerkrieg einzumischen? Sollen sie womöglich das gegen den Iran gerichtete Nato-Radar in der türkischen Provinz Malatya schützen? „Wir sind hier nicht auf Dauer“, entgegnet Kasperczyk. „Das ist ein Fall der Solidarität mit dem Bündnispartner. Sobald die Bedrohung nicht mehr existiert, gehen wir wieder.“

Da erwacht der runde Stahlaufbau eines der Laster blinkend und hupend zum Leben. „Das ist unser Abfangradar“, erläutert Hauptfeldwebel Sebastian R. aus Husum, „damit können wir 150 Kilometer weit alles scannen, was sich in der Luft bewegt.“ Der 36-jährige Offizier ist vor zehn Tagen in der Türkei angekommen, mit 300 weiteren deutschen Soldaten, die die Patriots in den kommenden vier Monaten bedienen werden. Noch sind sie in Hotels untergebracht, das Kasernengelände wird erst hergerichtet.

Noch sollen die Deutschen sich auch nicht individuell in der Stadt bewegen, es hatte eine Rangelei mit linksnationalistischen Demonstranten in der Hafenstadt Iskenderun gegeben. „Aber wir hätten dafür derzeit ohnehin keine Zeit“, sagt Sebastian R. Er fühlt sich willkommen, mit den türkischen Soldaten verstehe man sich prächtig, „in der Zeitung habe ich gelesen, dass die größte Gefahr für uns hier die türkischen Süßigkeiten sind.“ Dann deutet er auf die Komponenten des Patriot-Systems, auf ABC-Rettungswagen, Radar, Gefechtsstand und den sogenannten Launcher, der die Raketen abfeuert, hier und heute aber nicht geladen ist.

1.200 Nato-Soldaten sind insgesamt in die Türkei abkommandiert und mit den Waffensystemen an drei anatolischen Standorten stationiert worden – neben den Deutschen die Niederländer in Adana und die US-Amerikaner in Gaziantep, zum Schutz eines geographisches Dreiecks, in dem rund 3,5 Millionen Menschen leben. Geleitet wird der Einsatz im Nato-Standort im deutschen Ramstein, wo die Radardaten zusammenlaufen.

Die abschussbereiten Patriot-Systeme stehen etwa 1.000 Meter entfernt auf einer Wiese im Wald. Den Soldaten bleiben im Ernstfall etwa zwei Minuten, um auf anfliegende Raketen zu reagieren. „Das läuft automatisiert“, erklärt der deutsche Kontingentchef Oberst Markus Ellermann. „Aber es bleibt immer Zeit, um die Reaktion noch zu stoppen.“ Auch sein Kollege vom türkischen Generalstab legt Wert auf die Feststellung, dass alles unter Kontrolle sei, ein Nato-Rädchen ins andere greife. „Ich kenne hier niemanden, der Probleme mit den Patriots hat“, fügt er hinzu.

Tatsächlich aber haben selbst führende türkische Oppositionspolitiker der kemalistischen CHP Kritik an dem Nato-Einsatz geübt. Sie greifen Argumente auf, die seit Wochen auch im Internet kursieren und zumeist kruden Verschwörungstheorien folgen. Ein „Kemal Öztürk“ schreibt auf Twitter: „Im Zentrum von Kahramanmaras laufen uniformierte deutsche Soldaten wie französische Invasionstruppen herum.“ Eine Anspielung auf den Unabhängigkeitskrieg von 1923, als die türkische Armee nahe der Stadt die Franzosen besiegte.

Ein Kommunikationsproblem

Etwa eine Million Menschen leben in Kahramanmaras. Die fromme Provinzmetropole, ein Zentrum der türkischen Textilindustrie, steht in Wahlen treu zum AKP-Regierungschef Recep Tayyip Erdogan. Ausländer sind hier selten, ausländische Soldaten unbekannt. Fragt man auf der belebten Haupteinkaufsstraße nach den Patriots, so findet sich niemand, der die Stationierung uneingeschränkt begrüßt. Viele Menschen glauben, dass sie für den Fall aufgestellt werden, dass Israel den Iran angreift und der Iran daraufhin Vergeltung übt. Cengizhan Konus, ein Soziologiestudent, sagt sehr bestimmt: „Wir wollen keine fremden Soldaten hier haben.“ Offenbar haben die türkische Regierung und die Nato hier mindestens ein Kommunikationsproblem.

Abends betreten fünf Bundeswehrsoldaten in Tarnuniform die Konditorei Yasar, wo es all jene Baklava- und Eisspezialitäten gibt, für die Kahramanmaras berühmt ist. Im Nu strömen die Kellner herbei. Keiner sagt ein Wort, schon gar kein böses. Sie schauen nur mit großen Augen auf die blonden Fremden, die sich immer mehr Leckereien einpacken lassen. Da fällt dem Cafébesitzer ein deutscher Spruch ein: „Wie geht’s?“ fragt er. „Prima geht’s“, erwidert ein hünenhafter Soldat aus Mecklenburg-Vorpommern. Und alle müssen lachen.

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