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Kitas dienen laut Forschern nicht nur der schulischen Bildung, sondern auch der Sozialisation.

Kita-Pflicht

„Deutsche Eltern würden auf die Barrikaden gehen“

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Hierzulande ist eine Kitapflicht ab drei laut Bildungsforscher Reinders undenkbar – dabei geht der Trend in die gleiche Richtung.

Überraschung, Entsetzen oder sogar Wut – so könnte man sich die Reaktionen vieler Eltern in Deutschland vorstellen, wenn Kinder ab drei Jahre verpflichtend in die Schule oder Kita gehen müssten. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will so eine Pflicht in seinem Land einführen, um den Kindern die gleichen Startchancen zu ermöglichen.

Das klingt zunächst einmal ungewöhnlich. Aber in Frankreich gehen auch schon jetzt fast alle Kinder ab drei Jahren in die Vorschule. Der Schritt für eine Schulpflicht ist also gar kein so großer. Und in Deutschland?

Kita-Pflicht in Deutschland „nicht umsetzbar“

„In Deutschland wäre eine Kita-Pflicht nicht umsetzbar. Die Eltern würden auf die Barrikaden gehen. Hier legt man sehr viel Wert auf die Entscheidungsfreiheit bei der Betreuung. Das hat aber auch damit zu tun, dass der emotionale Wert von Kindern in den letzten Jahrzehnten sehr gestiegen ist“, sagt Heinz Reinders, Bildungsforscher an der Universität in Würzburg. Nicht immer habe das allerdings einen positiven Effekt. Reinders erkennt in ganz Westeuropa und damit auch hierzulande eine Entwicklung: Und zwar weg von der klassischen vorschulischen Betreuung – hin zur vorschulischen Bildung.

Längst sind Kindertageseinrichtungen mehr als nur ein Platz, wo Kinder mit Bauklötzen spielen und zu Mittag essen können. Allein der bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kita-Kinder hat knapp 500 Seiten. „Früher war der Kindergarten dafür da, das Kind in Obhut zu geben, zum Beispiel, weil die Eltern beide arbeiten gingen. Frühkindliche Bildung gab es schon früher als Idee, spielte sich aber eher in Nischen ab“, erklärt Reinders.

Der französische Vorstoß setze diese Entwicklung nun in letzter Konsequenz fort. Eine Schulpflicht für Kinder ab drei Jahren in Deutschland ist aber allein deshalb schon ausgeschlossen, weil hierzulande das sogenannte Kooperationsverbot gilt: Der Bund hat keinen Einfluss auf die Bildungspolitik der Länder.

Auch in Deutschland gehen zwischen 70 und 100 Prozent der Kinder je nach Region ab drei Jahren in die Kita oder andere Betreuungseinrichtungen. Es mache aber einen Unterschied, ob das freiwillig oder verpflichtend passiere, erklärt Reinders. Auch wenn es den Kindern sehr gut in den deutschen Kitas ergehe, „nicht für jedes Kind ist so ein Besuch sinnvoll“, ist sich der Erziehungswissenschaftler sicher.

Aber gerade sozial benachteiligte Kinder profitierten von einem frühen Kita-Besuch, weil sie dadurch bessere Startchancen bekämen. „Chancengleichheit schafft man jedoch nicht durch Verpflichtung, sondern dadurch, dass es keine regionalen Unterschiede bei der Qualität der Kitas mehr gibt – auch monetär“, sagt Reinders.

Denn wer es sich leisten kann, schickt sein Kind in eine exklusive Kita. Es gibt inzwischen vegane Kitas, Wald-Kitas oder Luxus-Kitas, die bis zu 1700 Euro im Monat verlangen – dort werden Kinder besser und individueller gefördert als in den „normalen“ Einrichtungen.

„Von Bundesland zu Bundesland ist die Qualität unterschiedlich, das sieht man allein schon am Betreuungsschlüssel“, sagt Reinders. Die Herausforderung bestehe daher darin, dass die Kitas gleich qualifiziertes Personal haben. „Da könnte auch eine akademische Ausbildung eine Rolle spielen“, so der Experte. Die neue Familienministerin Franziska Giffey (SPD) scheint das Problem erkannt zu haben. „In der Kita und in der Kindertagespflege wird die Basis für die Entwicklung eines Kindes gelegt“, so Giffey. „Wir müssen deshalb so früh wie möglich ansetzen, um ungleiche Startchancen der Kinder auszugleichen – damit es jedes Kind packt!“

Auch in der Kindertagespflege brauche man mehr Plätze – auch mit guter Qualität. „Deshalb wird das geplante Gute-Kita-Gesetz auch die Rahmenbedingungen für die pädagogische Arbeit und für die Kindertagespflegepersonen weiter verbessern“, sagte Giffey. Das Gesetz will die Familienministerin mit den Ländern noch vor dem Sommer vorlegen. Der Bund stellt in den nächsten Jahren zusätzliche Mittel in Höhe von 3,5 Milliarden Euro für die Kindertagesbetreuung zur Verfügung.

Auch Katja Dörner, stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Sprecherin für Kinder- und Familienpolitik der Grünen, sagte, dass eine Diskussion um eine Kita-Pflicht „die falsche Debatte zur falschen Zeit“ sei.

„Was wir jetzt brauchen ist ein finanzieller Kraftakt für mehr Plätze und für eine Qualitätsoffensive“, sagte Dörner der FR. Viel Hoffnung hat die Grünen-Politikerin allerdings nicht. „Schaut man sich den Koalitionsvertrag an, ist aber schon jetzt absehbar, dass die Große Koalition bei den Herausforderungen für die Kitas versagt. Es fehlen Plätze, trotzdem drückt sich der Bund davor, seinen Anteil am Platzausbau zu finanzieren und lässt die Kommunen im Regen stehen.“

Die für ein „Qualitätsentwicklungsgesetz“ vorgesehenen Mittel seien nur ein „Tropfen auf den heißen Stein“, kritisierte Dörner.

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